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»Also denkst du immer noch daran, nach Alexandria zu gehen?« fragte sie.

Er schaute zu ihr auf und stöhnte. »Ach, bitte nicht! jeder hat mit mir über dieses Thema gestritten.«

»Ich will nicht, daß du gehst!« sagte sie unvorsichtig, dann wurde sie rot.

Er nahm ihre Hand. Ihre hübschen, starken Flötenspielerfinger klammerten sich um seine. »Delia«, fing er beschwörend an, brach dann aber ab, weil er nicht wußte, was er eigentlich sagen wollte. Eine Zeitlang schauten sie einander tief in die Augen, nicht aus liebevoller Verzückung, sondern nur in dem verzweifelten Versuch, den Willen und die Gedanken des anderen zu ergründen.

»Dann möchte ich dir jetzt eine Frage stellen«, sagte er schließlich. »Gibt es eine Chance, daß du der Grund für mein Bleiben werden könntest?«

Sie errötete noch mehr. »Vielleicht würde Hieron.«, flüsterte sie. »Vielleicht. nein!« Sie hatte sich geschworen, keinen Versuch zu unternehmen, um Hierons Einverständnis zu erzwingen, und all seine Güte mit dieser - dieser Unverschämtheit zu vergelten. Sie wandte den Blick ab und versuchte es noch einmal. »Ich kann nicht.« Da merkte sie, daß sie sich noch immer an die Hand von Archimedes klammerte, und hielt inne. Vor Scham schossen ihr die Tränen in die Augen. Soweit war es also mit ihrer Willensstärke gekommen: Während sie versuchte, diesen Mann aufzugeben, konnte sie nicht einmal seine Hand loslassen. Sie schüttelte den Kopf und schluchzte verzweifelt: »Ich kann nicht!«

»Das liegt auch nicht an dir«, erklang seine Stimme neben ihr, »sondern an deinem Bruder. Ich werde mit ihm reden.«

Sie riskierte einen Blick hinüber und sah, daß er vor Freude übers ganze Gesicht strahlte. Er hatte genug verstanden - ihre Gedanken.

»Bis auf das Museion hat er mir alles versprochen«, erklärte er ihr vernünftig. »Dabei habe ich von den Göttern nie soviel Gunst erwartet. Warum soll ich nicht um mehr bitten? Das schlimmste, was passieren kann, ist, daß er nein sagt. Ich werde ihn fragen. Ich werde einen guten Zeitpunkt abpassen und ihn dann fragen. Wenn der DreiTalenter fertig ist, dann werde ich ihn fragen.«

13

Marcus wurde buchstäblich an die Stelle seines Bruders gesteckt: in die mittlere der drei Steinbruchhütten, mit den Fußeisen von Fabius an den Knöcheln. Die anderen Gefangenen reagierten auf seine Ankunft erstaunt und mißtrauten seinem Lebensbericht. Ihm war das ziemlich egal. Den ersten Gefängnistag verschlief er zum Großteil. Gegen Mittag weckten ihn die Wachen, als sie die Gefangenen im Zuge der verstärkten Sicherheitsmaßnahmen aneinander ketteten. Die durchgesägten Bretter der Hüttenwand hatte man schon vor seiner Ankunft ausgetauscht. Nun bezogen zwei weitere Wachen jeweils im Inneren der Hütte an den Seitenwänden Position. So konnten sie all das im Auge behalten, was den beiden Türposten eventuell entging. Aber auch das war Marcus - wie inzwischen fast alles - herzlich egal. Eigentlich hätte er ein Gefühl von Freude und Begeisterung empfinden müssen - schließlich sollte er allem Anschein nach wieder ein freier Mensch sein und am Leben bleiben. Aber er war viel zu erschöpft. Sie mußten ihn nicht einmal töten, er fürchtete bereits die Anstrengung, die ihn das Eingewöhnen unter seine Landsleute kosten würde. Er verzehrte das Essen, das ihm die Wachen gebracht hatten, und legte sich wieder schlafen.

Er erwachte mit dem Gefühl, beobachtet zu werden, und setzte sich abrupt auf. Am Ende seiner Matratze kauerte Archimedes mit besorgter Miene und ließ die Hände über die Knie baumeln. Argwöhnisch beäugten die übrigen Gefangenen von allen Seiten stumm den Besucher. Wenige Schritte entfernt stand ein Wachsoldat nervös herum. Im Dämmerlicht der Hütte konnte man nicht sehr viel erkennen, aber Marcus hatte das Gefühl, als ob es Abend wäre.

»Tut mir leid, daß ich dich aufgeweckt habe«, sagte Archimedes.

»Ich habe den ganzen Tag verschlafen«, antwortete Marcus verlegen. Er wußte nicht, was er sagen sollte. Der andere Mann kam ihm fast wie ein Fremder vor, und doch kannte er Archimedes genauso in- und auswendig wie Gaius. Er hatte ihn aufwachsen sehen, vom Kind zum Mann, gemeinsam hatten sie in einem fremden Land Logis und eine knappe Kasse geteilt. Innerlich hatte er Archimedes nur selten als seinen Herrn und Meister betrachtet, aber sein Sklaventum hatte dennoch die Grenzen ihrer Beziehung festgelegt. Inzwischen hatte sich laut dem Urteil Hierons herausgestellt, daß er, rein rechtlich gesehen, eigentlich nie ein Sklave gewesen war. Nachdem auch dieses Band zerschnitten war, trieb er jetzt nur noch hilflos in einem Meer aus vagen Gefühlen herum.

»Ich, äh, habe dir ein paar Sachen mitgebracht«, sagte Archimedes, der genauso verlegen war wie Marcus, und stellte ein Bündel ans Matratzenende.

Marcus erkannte sofort, worin das Bündel eingewickelt war: in seinen eigenen Wintermantel. Er zog es zu sich her und knotete die Enden auf. Drinnen lag seine zweite Tunika, die für den Winter, eine Terracottastatue der Aphrodite, die er in Ägypten mit dem Geld aus den Wasserschnecken gekauft hatte, sowie einige andere Kleinigkeiten, die er im Laufe der Jahre aufgehoben hatte. Außerdem befand sich ein kleiner Lederbeutel darin, in dem es klingelte, und eine längliche Schatulle aus poliertem Pinienholz. Erst starrte er die Schatulle nur an, dann hob er sie auf und öffnete sie: drinnen lag der Tenoraulos von Archimedes. Das harte Bergahornholz war rund um die Grifflöcher schon ganz dunkel und hatte glänzende Gebrauchsspuren. Schockiert blickte er hoch.

»Ich, äh, dachte, du könntest dir vielleicht selbst das Spielen beibringen, solange du hier bist«, sagte Archimedes. »Es wäre eine Beschäftigung, während du auf den Austausch wartest.«

Marcus nahm die Flöte in die Hand. Das Holz fühlte sich unter seinen Händen warm und so glatt wie Wasser an. »Das kann ich nicht, Herr«, sagte er. »Sie gehört dir.«

»Ich kann mir eine andere kaufen. Endlich kann ich mir das leisten. Ich weiß gar nicht, warum du bisher nie ein Instrument gelernt hast.«

»Das ist nicht Römerart«, erklärte ihm Marcus hilflos. »Mein Vater hätte mich geschlagen, wenn ich darum gebeten hätte.«

Archimedes blinzelte. »Nur wegen der ganzen Witze über Flötenjungen?«

»Nein«, erwiderte Marcus leise. »Nein - er hielt Musikunterricht für einen unmännlichen Zeitvertreib. Außerdem hätte er gesagt, Musik sei ein Luxus, und Luxus verderbe die Seele. Während der Arbeit oder als Zeitvertreib hat er sie toleriert, aber sonst hat er immer behauptet, Landwirtschaft und Krieg wären die einzigen Dinge, die es wert sind, daß sich ein Mann mit ihnen intensiv beschäftigt.«

Wieder blinzelte Archimedes, während er versuchte, sich geistig auf diese bizarre Idee einzustellen. Auch die Griechen vertraten die Meinung, Luxus führe ins Verderben, aber Musik war für die Griechen kein Luxus, sondern etwas Lebensnotwendiges. Ohne sie waren Menschen keine wahren Menschen. »Dann willst du sie also nicht haben?« fragte er und gab es auf, darüber nachzudenken.