Als der Messdiener beiseite trat, um die Besucher einzulassen, hätte er schwören können, dass Mr und Mrs Wren nicht weniger verblüfft dreinschauten als er selbst. Verunsichert machte er sich wieder an die Arbeit, allerdings nicht, ohne seine Besucher aus dem Augenwinkel zu beobachten.
Während sie sich in die Kirche begaben, musste Langdon lächeln.
»Leigh«, flüsterte er, »als Lügner sind Sie ein Naturtalent.«
Teabing zwinkerte ihm zu. »Oxford Theatre Club. Mein Julius Cäsar ist heute noch in aller Munde. Ich bin sicher, die erste Szene im dritten Akt wurde nie wieder so überzeugend gegeben.«
Langdon sah ihn irritiert an. »Aber da ist Cäsar doch schon tot.«
Teabing grinste ihn schief an. »Ganz recht, aber als ich ermordet zu Boden fiel, ist an meiner Toga eine Naht geplatzt, und ich musste eine halbe Stunde mit heraushängendem Schwanz auf der Bühne liegen. Ich habe mit keiner Wimper gezuckt. Brillant, kann ich Ihnen sagen.«
Langdon drückte sich die Hand vor den Mund, um nicht vor Lachen herauszuplatzen.
Während sie durch den rechteckigen Anbau auf den Gewölbebogen zum Rundbau gingen, bemerkte Langdon erstaunt die Nüchternheit des beinahe kahlen Innenraums. Der Altar ähnelte zwar den Altären der in Kreuzform gebauten christlichen Kirchen, aber die sonstige Einrichtung war kalt und schmucklos, ohne jede Zier. »Trostlos«, murmelte er.
»Das ist die Kirche von England«, frotzelte Teabing. »Die Anglikaner bestehen darauf, ihre Religion pur zur Brust zu nehmen. Nichts soll sie von ihrem Elend ablenken.«
Sophie deutete durch den breiten Gewölbebogen, an den sich der runde Bauteil der Kirche anschloss. »Da drinnen sieht es aus wie in einer Festung«, raunte sie.
Langdon konnte ihr nur zustimmen.
»Die Tempelritter waren ja auch Krieger«, erinnerte Teabing. Das Klacken seiner Aluminiumkrücken hallte durch den kahlen Raum. »Eine Gemeinschaft von Kriegermönchen. Ihre Kirchen waren ihre Festungen und ihre Bankhäuser.«
»Bankhäuser?« Sophie blickte Teabing fragend an.
»Aber ja. Die Templer haben das moderne Bankwesen erfunden. Für den europäischen Adel war es sehr gefährlich, mit einer goldgefüllten Reisetruhe unterwegs zu sein. Die Templer boten dem Adel deshalb an, seine Goldwerte in der nächstgelegenen Templerkirche zu deponieren und sie nach Belieben an jeder anderen Templerkirche in Europa wieder zu entnehmen, vorausgesetzt, man konnte ein Berechtigungspapier vorweisen und«, er zwinkerte, »man bezahlte eine kleine Provision. Die Templer waren sozusagen die ersten Geldautomaten.« Teabing zeigte auf ein Fenster mit Glasmalereien, wo Sonnenstrahlen durch die Wolken fielen und einen weiß gekleideten Ritter auf einem rosa Pferd zum Leuchten brachten. »Alanus Marcel«, sagte Teabing, »Großmeister der Tempelritter zu Beginn des zwölften Jahrhunderts. Er und seine Nachfolger saßen als Primus Baro Angiae im Parlament.«
Langdon war überrascht. »Er war der erste Baron des Reiches?«
Teabing nickte. »Nach Ansicht mancher Historiker waren die Meister des Tempels mächtiger als der König.« Sie waren am Durchgang zum Rundbau angelangt. Teabing schaute über die Schulter zu dem Messdiener, der ein Stück abseits mit dem Staubsauger zugange war. »Als die Templer den Heiligen Gral von einem Versteck zum anderen schaffen mussten, soll er einmal über Nacht in dieser Kirche untergestellt worden sein«, flüsterte Teabing Sophie zu. »Stellen Sie sich das vor – die vier Truhen mit den Dokumenten und der Sarkophag Maria Magdalenas hier, mitten in dieser Kirche! Bei dem Gedanken läuft es mir kalt den Rücken herunter.«
Beim Eintritt in den Rundbau lief es auch Langdon eiskalt über den Rücken. Sein Blick folgte der Rundung der bleichen, steinernen Mauern und nahm die Skulpturen von Dämonen, Ungeheuern und verzerrten menschlichen Gesichtern in sich auf, die in den Innenraum starrten. Unter den Skulpturen verlief eine steinerne Sitzbank rings um den gesamten Raum. »Ein Rundtheater«, murmelte er.
Teabing wies mit einer Knicke erst rechts, dann links in den Hintergrund des Rundbaus. Langdon hatte bereits gesehen, was er meinte.
Zehn steinerne Ritter.
Fünf auf der linken Seite, fünf auf der rechten.
Auf dem Rücken ausgestreckt ruhten die aus Stein gehauenen Figuren in voller Rüstung mit Schwert und Schild friedlich auf dem Boden. Angesichts der Grabplatten beschlich Langdon das Gefühl, dass jemand die Ritter heimlich im Schlaf mit flüssigem Gips übergossen hatte. Die Gestalten waren vom Alter stark gezeichnet, dennoch in ihrer Individualität deutlich zu erkennen: an der Unterschiedlichkeit der Gesichtszüge, der Haltung, der jeweiligen Rüstung und der Wappen auf den Schilden.
In London liegt ein Ritter, den ein Papst begraben.
Langdon bekam weiche Knie, als er tiefer in den Rundbau trat.
Er musste am richtigen Ort sein.
84. KAPITEL
In einer schmutzigen Gasse unweit der Temple Church lenkte Rémy Legaludec die Jaguar-Limousine hinter einige Müllcontainer und hielt. Er stellte den Motor ab und überprüfte die Umgebung. Sie war völlig verlassen. Er stieg aus, um nach hinten zu gehen und in die Passagierkabine zu steigen, in der immer noch der Mönch lag.
Der Hüne schien in ein inbrünstiges Gebet versunken. Er erwachte wie aus einer Trance. Seine Augen blickten Rémy eher neugierig als ängstlich an. Rémy hatte die ganze Nacht schon die Beherrschtheit des Gefesselten bewundert. Nachdem der Mönch sich im Range Rover anfangs noch zur Wehr gesetzt hatte, schien er sich nun in sein Los ergeben und sein Schicksal in die Hände einer höheren Macht gelegt zu haben.
Rémy lockerte seine Fliege und knöpfte den Vatermörderkragen auf. Er hatte das Gefühl, seit Jahren zum ersten Mal richtig Luft zu bekommen. Er öffnete das Barfach der Limousine und schenkte sich einen Wodka ein, den er in einem Zug hinunterstürzte, um sich sogleich ein zweites Glas zu genehmigen.
Bald bist du aller Sorgen ledig.
Er suchte sich aus den Utensilien der Bar einen Kellnerkorkenzieher heraus und klappte die scharfe Klinge auf, die zum Aufschneiden der Zinnfolien teurer Weine diente. An diesem Morgen hatte er der Klinge eine weitaus dramatischere Verwendung zugedacht. Er drehte sich um und sah Silas an.
Angst schlich sich in die roten Augen. Der Mönch zuckte zurück und zerrte an seinen Fesseln.
»Ruhig Blut«, murmelte Rémy und hob die Klinge.
Silas konnte nicht fassen, dass Gott ihn verlassen hatte. Selbst die Qual der Fesselung hatte Silas in eine geistige Übung zu transformieren vermocht, indem er die Schmerzen seiner abgeschnürten Muskeln dem Leiden Christi geopfert hatte. Die ganze Nacht hast du um deine Befreiung gebetet. Silas presste die Lider zusammen, während die Klinge sich auf ihn herabsenkte.
Ein jäher Schmerz jagte durch seine Schulterblätter. Silas schrie auf, unfähig zu begreifen, dass er wehrlos im Heck dieser Limousine sterben sollte. Du hast das Werk Gottes getan! Der Lehrer hat dir seinen Schutz versprochen!
Stechende Hitze breitete sich über Silas' Schultern und Rücken aus. Vor seinem inneren Auge sah er sein Blut über den Rücken strömen. Ein zweiter stechender Schmerz jagte ihm durch Schenkel und Beine. Die Orientierungslosigkeit, mit der der Körper auf unerträgliche Schmerzen reagiert, setzte ein.
Die Qual hatte inzwischen sämtliche Muskeln erfasst. Silas presste die Lider noch heftiger zusammen. Das letzte Bild seines Lebens sollte nicht der Anblick seines Mörders sein. Er rief sich das Bild des jungen Bischofs Aringarosa vor Augen, wie er vor einer kleinen Kirche in Spanien stand … vor der Kirche, die der Bischof und Silas mit eigenen Händen erbaut hatten. Der Beginn deines Lebens.
Silas kam sich vor, als stände sein Körper lichterloh in Flammen.