»Das ist eine Abhörstation.«
Collet fuhr herum. »Ein Horchposten?«
Der Beamte nickte. »Mit modernster Technologie.« Er deutete auf eine lange Arbeitsplatte, auf der elektronische Bauteile, Handbücher, Feinmechanikerwerkzeug, ein Lötkolben, Drähte und sonstiges elektronisches Zubehör lagen. »Wer hier arbeitet, kennt sich aus. Vieles hier ist mindestens so ausgeklügelt wie unsere eigenen Geräte. Der Benutzer verwendet Mini-Mikrofone, fotoelektrisch ladbare Akkus, Speicherchips mit höchster Informationsdichte und so weiter. Er hat sogar ein paar von diesen neuen Nano-Laufwerken.«
Collet war beeindruckt.
»Das hier ist ein komplettes System«, sagte der Beamte und gab Collet ein Gerät in die Hand, das nicht viel größer war als ein Taschenrechner. Aus dem Gehäuse hing ein dünner, etwa dreißig Zentimeter langer Draht mit einem briefmarkengroßen, hauchdünnen Stück Folie am Ende. »Der Kern des Ganzen ist ein Audio-Aufnahmesystem mit Festplattenspeicher und einem wiederaufladbaren Akku. Die kleine Folie an dem Draht ist eine Kombination von Mikrofon und Fotozelle zum Aufladen des Akkus.«
Collet kannte diese Geräte. Die folienartigen Fotozellenmikrofone hatten vor ein paar Jahren für eine Sensation gesorgt. Man konnte ein solches Aufnahmegerät beispielsweise hinter einer Stehlampe verstecken und das entsprechend eingefärbte Folienmikrofon in den Ornamenten des Lampenfußes verschwinden lassen. Solange das Mikrofon täglich ein paar Stunden Licht bekam, luden die Fotozellen den Akku immer wieder auf. Solche Wanzen konnten theoretisch unbegrenzt lange arbeiten.
»Wie funktioniert die Datenübertragung?«, erkundigte sich Collet.
Der Beamte wies auf ein abgeschirmtes Kabel, das hinten aus dem Computergehäuse trat, die Wand hinaufführte und durch ein kleines Loch im Dach verschwand. »Ganz einfach per Funk. Auf dem Dach steht eine kleine Antenne.«
Collet wusste, dass diese Aufnahmesysteme üblicherweise in Büros platziert wurden. Sie waren stimmaktiviert, um Speicherplatz zu sparen, und nahmen tagsüber jede Menge Gesprächsschnipsel auf, die nachts als komprimierte Audiodatei übertragen wurden, um das Risiko der Entdeckung so klein wie möglich zu halten. Nach der Übertragung wurde der Speicher selbsttätig gelöscht, und das System war für einen neuen Einsatz am nächsten Tag bereit.
Collets Blick fiel auf ein Regal, in dem einige Hundert Audiocassetten aufgereiht standen, alle fein säuberlich nummeriert und mit Datum versehen. Hier war jemand aber sehr fleißig. »Können Sie schon sagen, wer hier ausgeforscht werden soll?«, erkundigte er sich bei dem Kollegen.
»Ja, Leutnant«, sagte der Mann, während er zum Computer ging und ein Programm hochfuhr. »Und das ist der Hammer.«
88. KAPITEL
Es hatte wieder zu regnen begonnen.
Langdon war völlig erschöpft, als er an der U-Bahnstation das Drehgitter betätigte und mit Sophie in das schmutzige Labyrinth der unterirdischen Gänge und Bahnsteige eintauchte. Quälende Gewissensbisse nagten an ihm.
Hättest du Leigh Teabing bloß nicht in die Sache hineingezogen! Jetzt schwebt er in höchster Gefahr.
Rémys Auftauchen war ein Schock gewesen, doch es ergab durchaus Sinn: Der große Unbekannte, der hinter dem Gral her war, hatte sich einen Helfer aus dem inneren Kreis beschafft. Dass Teabing auch ohne ihn von Anfang an im Visier der Dunkelmänner gestanden haben musste, hätte Langdons Schuldgefühle zwar besänftigen können, tat es aber nicht.
Wir müssen Leigh aufspüren und ihm helfen – sofort.
Langdon folgte Sophie zum Bahnsteig, an dem die Circle Line und die Züge in die westlichen Stadtbezirke abfuhren. Sophie ging zu einem öffentlichen Telefon, um trotz Rémys Drohung die Polizei anzurufen. Langdon setzte sich, von Reue geplagt, auf eine schmuddelige Bank ganz in der Nähe.
»Wenn wir sofort die Londoner Polizei anrufen, Robert, ist Sir Leigh am besten geholfen«, sagte Sophie beim Wählen. »Glauben Sie mir.«
Langdon war anfangs dagegen gewesen, doch je eingehender er darüber nachdachte, desto überzeugender fand er Sophies Argumente. Teabing war im Moment sicher. Selbst wenn Rémy und seine Hintermänner wussten, wo sich der Sarkophag oder das Grabmal befand, waren sie wegen des Rätsels um die mysteriöse Kugel auf das Öffnen des Kryptex und auf Teabings Hilfe angewiesen. Langdons Hauptsorge galt der Frage, was geschehen würde, nachdem das Kryptex geöffnet und der Wegweiser zum Gral geborgen war. Dann nämlich war Leigh Teabing in größter Gefahr.
Um Sir Leigh zu helfen oder das Kryptex zurückzubekommen, kam es für Langdon entscheidend darauf an, den Sarkophag als Erster aufzuspüren. Doch Rémy hatte leider einen beträchtlichen Vorsprung.
Langdons Aufgabe war es, den richtigen Sarkophag zu finden. Sophies bemühte sich indessen, Rémy Knüppel zwischen die Beine zu werfen, indem sie ihm und Silas die Londoner Polizei auf den Hals hetzte, sodass die beiden zumindest zum Abtauchen gezwungen wurden.
Langdons Plan war weniger genau umrissen. Er wollte mit der U-Bahn erst einmal ins nahe King's College mit seiner weltberühmten religionswissenschaftlichen Datenbank fahren. Das beste Hilfsmittel der Forschung überhaupt, hieß es in Fachkreisen. Die Antwort auf jede religionsgeschichtliche Frage. Langdon war gespannt, was dem Supercomputer des King's College zu der Zeile »ein Ritter, den ein Papst begraben« einfallen würde.
Er hielt es auf der Bank nicht mehr aus, stand auf und ging nervös auf dem Bahnsteig auf und ab. Wenn doch nur endlich die U-Bahn käme!
Sophies Verbindung zur Londoner Polizei kam endlich zustande.
»Snow Hill Division«, meldete sich die Vermittlung. »Mit welcher Dienststelle möchten Sie sprechen?«
»Ich möchte eine Entführung anzeigen.« Sophie fasste sich kurz.
»Ihr Name, bitte.«
Sophie zögerte. »Agentin Sophie Neveu, französische Staatspolizei.«
Die Nennung ihres Titels zeitigte die gewünschte Wirkung.
»Augenblick, Ma'am. Ich werde Sie sofort mit einem zuständigen Detective verbinden.«
Während Sophie auf die Verbindung wartete, fragte sie sich, wie der Beamte die Beschreibung von Teabings Entführern aufnehmen würde. Ein Mann im Smoking. Schlichter war ein Verdächtiger wohl kaum zu beschreiben. Doch selbst wenn Rémy die Kleidung wechselte, war er immer noch in Begleitung eines Albinos im Mönchsgewand. Und den konnte man nun wirklich nicht übersehen. Außerdem hatten sie einen Gefangenen bei sich, sodass sie keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen konnten. Und allzu viele schwarze Jaguar-Stretchlimousinen gab es in London wohl auch nicht.
Das Durchstellen schien ewig zu dauern. Nun macht schon! Sophie hörte es klicken und summen, als müsste man extra für sie eine Funkverbindung aufbauen.
Weitere fünfzehn Sekunden verstrichen.
Plötzlich meldete sich eine barsche Männerstimme. »Agentin Neveu?«
Sophie wusste sofort, wer am anderen Ende der Leitung war.
»Agentin Neveu«, herrschte Fache sie an, »wo stecken Sie?«
Sophie war sprachlos. Fache hatte offensichtlich die Vermittlung der Londoner Polizei instruiert, ihren Anruf zu ihm weiterzuleiten, falls sie sich meldete.
»Hören Sie zu«, sagte Fache in knappem Französisch, »ich habe mich schrecklich geirrt. Robert Langdon ist unschuldig. Wir haben sämtliche Vorwürfe gegen ihn fallen lassen. Trotzdem sind Sie beide in Gefahr. Sie müssen sich sofort der Polizei stellen.«
Sophie blieb der Mund offen stehen. Wie sie darauf antworten sollte, wusste sie nun wirklich nicht. Fache hatte noch nie einen Fehler eingestanden.
»Sie haben mir nicht gesagt, dass Jacques Saunière Ihr Großvater war«, fuhr er fort. »Ich werde Ihre Insubordination von gestern Nacht vergessen, da Sie derzeit unter großem seelischen Druck stehen. Aber im Moment ist es unerlässlich, dass Sie sich zu Ihrer eigenen Sicherheit sofort zur nächsten Londoner Polizeidienststelle begeben.«