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»Darauf will ich ja gerade hinaus«, sagte Langdon. »Die Allegorien der Religionen sind ins Alltagsbewusstsein eingegangen und helfen Millionen Menschen, mir ihrem Leben besser zurechtzukommen und tugendhafter, aufrichtiger und anständiger zu sein.«

»Aber die Menschen leben doch mehr oder weniger in einer falschen Wirklichkeit.«

Langdon lächelte leicht. »Nicht mehr als eine mathematisch geschulte Codeknackerin, die die imaginäre Zahl ›i‹ für real hält, weil diese ihr die Arbeit erleichtert.«

Sophie sah ihn böse an. »Das war jetzt aber nicht fair.«

Einige Sekunden verstrichen.

»Was war nochmal Ihre Frage?«, erkundigte sich Langdon.

»Weiß ich nicht mehr.«

Langdon lächelte. »Sehen Sie? Das klappt immer.«

83. KAPITEL

Langdons Uhr zeigte fast halb acht, als er in der Inner Temple Lane mit Sophie und Teabing aus dem Jaguar stieg. Durch ein verschachteltes Gewirr aus Gebäuden suchte das Trio sich den Weg zu dem kleinen Hof vor der Temple Church mit ihrem regennass glänzenden Mauerwerk aus roh behauenem Stein. In den Fensternischen gurrten Tauben.

Die alte Kirche der Tempelritter in London war ganz aus Kalkstein erbaut. Der von einem Mittelturm gekrönte, dramatisch wirkende Rundbau mit der einschüchternden Außenmauer und einem zur Seite herausragenden Schiff erinnerte eher an eine Festung als an einen Ort der Andacht. Die Kirche war am zehnten Februar 1185 von Heraklius geweiht worden, dem Patriarchen von Jerusalem, und hatte acht Jahrhunderte voller politischer Umstürze, das Große Feuer von London und den Ersten Weltkrieg unbeschadet überstanden, bis sie im Zweiten Weltkrieg, im Jahr 1940, von den Brandbomben der deutschen Luftwaffe schwer beschädigt worden war. Sie wurde wieder aufgebaut, wobei ihre herbe Erhabenheit gewahrt wurde.

Die Schlichtheit der Kreisform, überlegte Langdon, der das Gebäude zum ersten Mal bewundern konnte. Die einfache, beinahe schon primitive Architektur erinnerte eher an die klotzige Engelsburg in Rom als an den kunstvollen Kuppelbau des Pantheons. Der nach rechts herausragende kastenförmige Anbau, fast schon eine Beleidigung fürs Auge, tat der heidnischen Rundform des Baukörpers kaum Abbruch.

Teabing humpelte auf den Eingang zu. »Es ist früh am Samstagmorgen«, sagte er. »Vermutlich wird unser Vorhaben nicht durch einen Gottesdienst gestört.«

Der Eingang der Kirche lag in einer tief ins Mauerwerk eingezogenen Nische, die schützend das Holzportal umgab. Links neben dem Portal hing eine völlig deplaziert wirkende Anschlagtafel mit Ankündigungen von Gottesdiensten und Konzerten.

Teabing las stirnrunzelnd die Öffnungszeiten auf der Tafel. »Für Besichtigungen wird erst in ein paar Stunden aufgemacht.« Er probierte die Klinke. Die Tür bewegte sich keinen Millimeter. Er legte das Ohr ans Holz des Portals und lauschte. Nach ein paar Augenblicken trat er mit einem gerissenen Lächeln wieder zurück und deutete auf den Gottesdienstanzeiger. »Robert, stellen Sie doch mal fest, wie hier der Seelsorger heißt.«

Im Innern der Kirche war ein Messdiener damit beschäftigt, die Kniekissen der Kommunionbank mit dem Staubsauger zu bearbeiten. Er war fast fertig, als er jemand an die Tür pochen hörte. Der Junge achtete nicht darauf. Father Harvey Knowles hatte einen Schlüssel, und für sein Eintreffen war es noch ein paar Stunden zu früh. Wahrscheinlich stand ein neugieriger Tourist vor der Tür oder ein Penner, der um ein Almosen betteln wollte. Der Messdiener schwang unbeirrt seinen Staubsauger, aber das Pochen wollte nicht aufhören. Können die Leute denn nicht lesen? Draußen stand unmissverständlich angeschrieben, dass die Kirche samstags erst um halb zehn geöffnet wurde.

Unvermutet wurde aus dem Pochen ein lautes Hämmern, als würde jemand mit einer Metallstange gegen die Tür schlagen. Zornig stellte der Junge den Staubsauger ab, marschierte zur Tür, schob den Riegel zurück, riss das Portal auf und sah sich drei Leuten gegenüber. »Wir machen erst um halb zehn auf«, blaffte er die vermeintlichen Touristen an.

Der Korpulenteste der Gruppe, offenbar der Anführer, trat dem Jungen auf Krücken entgegen. »Ich bin Sir Leigh Teabing«, sagte er mit dem unverkennbaren Akzent der britischen Oberschicht.

»Junger Mann, wie dir kaum entgangen sein dürfte, befinden sich Mr und Mrs Christopher Wren der Vierte in meiner Begleitung.« Er trat einen Schritt beiseite und wies mit ausholender Geste auf das attraktive Paar, das hinter ihm stand. Die Dame hatte sehr feminine Gesichtszüge und üppiges burgunderrotes Haar. Der Mann war groß, dunkelhaarig und kam dem Messdiener irgendwie bekannt vor.

Der Junge hatte keine Ahnung, wie er sich verhalten sollte. Sir Christopher Wren war der bedeutendste Gönner der Temple Church und hatte nach dem Großen Brand von London sämtliche Reparaturen der Kirche vornehmen lassen. Außerdem war er seit mehr als dreihundert Jahren tot. »Äh … es ist mir eine Ehre, Ihre Bekanntschaft zu machen.«

Der Dicke mit den Krücken runzelte die Stirn. »Du hast Glück, junger Freund, dass du nicht als Verkäufer arbeitest. Deine Überzeugungskraft lässt sehr zu wünschen übrig. Wo ist Father Knowles?«

»Heute ist Samstag. Father Knowles kommt erst später.«

Die Furchen auf der Stirn des dicken Mannes wurden tiefer. »So was nennt man Dankbarkeit. Er hat uns versprochen, uns hier zu empfangen. Na, dann müssen wir wohl ohne ihn zurechtkommen. Es dauert ohnehin nicht lange.«

Der Messdiener stand immer noch im Türrahmen und versperrte den Durchgang. »Entschuldigung, aber was wird nicht lange dauern?«

Der Dicke bedachte ihn mit einem ungnädigen Blick und beugte sich vor. »Junger Mann, du bist offenbar neu hier«, sagte er im Flüsterton, doch unüberhörbar drohend, als wolle er seinen Begleitern die Peinlichkeit ersparen. »Um den testamentarisch verfügten letzten Willen von Sir Christopher nachzukommen, verstreuen seine Nachfahren jedes Jahr ein klein wenig Asche ihres berühmten Ahnherrn an diesem heiligen Ort. Sie müssen dafür eine weite Anreise auf sich nehmen, aber was will man machen?«

Der Junge war schon seit einigen Jahren Messdiener in der Temple Church, aber von diesem Brauch hatte er noch nie gehört.

»Es wäre besser, wenn Sie sich bis halb zehn gedulden. Die Kirche ist noch nicht geöffnet, und außerdem bin ich noch nicht mit Staubsaugen fertig.«

Der Mann mit den Krücken funkelte ihn zornig an. »Junger Freund, die Tatsache, dass es hier überhaupt noch etwas zu staubsaugen gibt, verdankst du dem Mann in der Tasche dieser Dame!«

»Äh … wem?«

»Mrs Wren«, sagte der Behinderte zu der Frau, »wären Sie so nett, diesem ungezogenen Bengel das Reliquiar mit der Asche zu zeigen?«

Die Dame zögerte einen Moment, um dann ein wenig geistesabwesend in ihre Tasche zu greifen, aus der sie einen kleinen Zylinder holte, der in eine Art steifes schützendes Tuch eingewickelt war.

»Bitte sehr!«, sagte der Mann mit den Krücken. »Jetzt liegt es an dir, ob du den letzten Wunsch deines Gönners erfüllen und uns die Asche in der Kirche verstreuen lässt oder ob ich Father Knowles berichten muss, wie wir hier behandelt wurden!«

Der Messdiener überlegte. Er wusste nur zu gut, wie streng Father Knowles sich an die herkömmlichen Sitten und Gebräuche seiner Kirche hielt … und noch besser kannte er dessen unangenehme Reaktionen, wenn sein geliebter altehrwürdiger Schrein in einem anderen als dem allerbesten Licht erschien. Vielleicht hatte Father Knowles schlichtweg vergessen, dass der Besuch der Stifterfamilie bevorstand, und in diesem Fall war es wesentlich riskanter, die Leute wieder fortzuschicken, als sie hereinzulassen. Außerdem haben sie gesagt, es dauert nur einen Moment. Was ist schon dabei!