Am Nachmittag begann die Straße vor dem Café sich zu beleben. Männer schoben sich Richtung Zentrum, da schien was los zu sein. Unverständliche Rufe, immer dasselbe Wort. Lundgren beobachtete es mit schmerzverzerrtem Gesicht. Wenige Stunden später wogte die Masse zurück. Dasselbe Gerufe.
Am dritten Tag gab Lundgren dem zahnlosen Alten morgens ein Bakschisch, damit er sich woanders hinsetzte. Der Alte nahm das Geld und blieb sitzen. Am vierten Tag grüßte Lundgren mit den Worten: «Heute schon dein Schaf gefickt?», und der Araber hielt nur noch die Hand hin. Ein weißer Lichtstrahl schien vom Himmel herunter, und Lundgren spendete ein noch größeres Bakschisch und lachte und strahlte und konnte überhaupt nicht mehr aufhören mit Strahlen und merkte mit dem Rest Vernunft, der ihm verblieben war, dass irgendetwas in seinem Innern, vielleicht sein Gehirn, vielleicht die Diarrhö, vielleicht der Anblick der mannbaren Negerprinzessin, ihn mit gefährlicher Euphorie vollpumpte. Euphorie war kontraproduktiv, Euphorie war verboten. Er wusste das. Er wusste alles. Er war Lundgren.
11. REVISION
Wer nicht weiß, wohin er geht, erreicht mit jedem Schritt sein Ziel.
Am nächsten Tag ließ Polidorio sich noch einmal die Akte bringen, ein von einem Faden zusammengehaltenes, schmales Papierbündel, und breitete ihren Inhalt vor sich auf dem Schreibtisch aus. Obenauf die Protokolle der Vernehmungen Amadous, die im Zentralkommissariat durchgeführt worden waren; Polidorio überflog sie nur kurz. Er war bei zweien selbst dabei gewesen und wusste, dass Amadou an seinen Angaben festgehalten hatte. Das letzte Protokoll bestand aus einem einzigen Satz: Aussage siehe Vortag.
Der Rest der Akte war ungeordnet. Polidorio suchte zuerst die Augenzeugenberichte. Sie waren zum größten Teil mit der Maschine geschrieben, zum Teil aber auch handschriftlich, mit unverständlichen Abkürzungen und stenographischen Einsprengseln abgefasst. Auf fast allen maschinengeschriebenen fehlte der Name des Befragers, mitunter auch das Datum. Es war anzunehmen, dass Karimi die Berichte angefertigt hatte. Canisades war nur kurz nach Amadous Festnahme einmal in Tindirma gewesen, Polidorio überhaupt noch nicht. Eine Häufung einfältiger Wendungen («des Weiteren gab er zu Protokoll», «äußerte der Zeuge entrüstet») deutete allerdings darauf hin, dass jemand Beschränkteres als Karimi die Aussagen abgetippt oder bearbeitet hatte. Zwischen den Papieren fanden sich Tatortbeschreibungen, Lageskizzen und Zeitpläne. Aber auch Hotelrechnungen, unentzifferbare Kritzeleien, eine Anweisung des Innenministeriums zum Umgang mit ausländischen Journalisten. Auf einer Papierserviette eine Auflistung von Geldbeträgen. Ein Erinnerungsprotokoll der Tatortbegehung: undatiert. Ein Bittschreiben der Mutter eines der Opfer: unvollständig. Lageskizze zweier Körper im Grundriss eines Hauses: unkommentiert. Die Akte ein einziger Schrott.
Eine frühe Zusammenfassung der Ereignisse stammte von Canisades, eine erste wirre Einschätzung («Mit weiteren Morden im Ausländermilieu ist zu rechnen.») von der Polizeistelle in Tindirma. Die Anwesenheit ausländischer Beobachter hatte für erhebliche Unruhe in der Oase gesorgt. Polidorio wusste von Karimi, dass es zwischen ihm und einem der örtlichen Polizisten zu Handgreiflichkeiten gekommen war, weil dieser nicht nur hartnäckig sein Gesicht vor jedes Kameraobjektiv drängte, sondern auch versuchte, sich den überlebenden Kommunarden als privater Sicherheitsservice anzudienen.
Brauchbare Fotografien des Tatorts fehlten ganz, dafür fand Polidorio ein mit einer Büroklammer hinter ein leeres Blatt Papier geheftetes Bild vom Türschild am Kommuneneingang. Selbstgetöpfert und mit grün und rot glasierten Blumenranken verziert:
Ici vivent, travaillent, aiment Bina Gilhodes,
Edgar Fowler, Jean Bekurtz, Tareg Weintenne,
Michelle Vanderbilt, Brenda Johnson, Brenda Liu,
Kula & Abdul Fattah, Lena Sjöström, Freedom
Muller, Akasha, Christine, Akhnilo James.
Das Schild musste aus den Anfangstagen der Gemeinschaft stammen, nur zwei der Mordopfer waren unter den Genannten. Von den Übrigen schien nur etwa die Hälfte noch in der Kommune zu leben, wie der Vergleich mit einer von Karimi erstellten aktuellen Liste ergab. Diese Liste umfasste einundzwanzig Personen. Hinter vier Namen stand ein Kreuz, zwei andere waren eingeklammert, als ob ihre Anwesenheit in der Kommune zum Tatzeitpunkt ungewiss wäre oder sie sich ihr jüngst entfremdet hätten.
Polidorio stöhnte, warf zwei Aspirin ein und fing an, die Augenzeugenberichte im Einzelnen zu lesen. Es gab insgesamt einunddreißig, was für hiesige Verhältnisse — und nicht nur für hiesige Verhältnisse — grotesk war. Für gewöhnlich begnügte man sich mit einem Zeugen, der das Richtige aussagte, und versuchte dann, den Verdächtigen damit in Übereinstimmung zu bringen. Das hatte in diesem Fall das öffentliche Interesse verhindert.
Die einunddreißig Augenzeugen gliederten sich in fünf Kommunarden, die sich zum Zeitpunkt der Tat im Haus aufgehalten hatten, und sechsundzwanzig Passanten, die durch die Schüsse angelockt in den Hof der Kommune geströmt waren. Die fünf Kommunarden beschrieben unterschiedlich präzise, aber im Wesentlichen übereinstimmend den Amoklauf: Amadous unerwartetes Auftauchen, sein Monolog über Fragen der Sexualität, die Selbstversorgung mit Alkohol in der Küche der Kommune. Die Waffe, der Versuch, die Stereoanlage hinauszutragen — Tötung der Kommunardin Sjöström. Auffinden des Geldkoffers. Drei weitere Morde, Obstkorb, Flucht.
Die Aussagen der Passanten hingegen waren dürr und bestanden zum größten Teil aus langatmigen Mutmaßungen über Amadous Motive und die politischen Hintergründe. Fast alle erwähnten politische Hintergründe. Das war so eine Redensart. Als Motive wurden genannt: Eifersucht, Rache, gekränkte Familienehre, Hitze, Spiritualität und Verwirrung. Nicht genannt wurde: Geldgier. Was die mageren Tatsachen betraf (Schüsse im Hof, Bastkoffer, Flucht), waren die meisten Aussagen im Wortlaut identisch und folglich wertlos. Entweder plapperten die Leute nach, was sie nur gehört hatten, oder Karimi hatte nachgeholfen.
Drei Viertel der Passanten gaben an, Amadou bereits beim Betreten der Anlage beobachtet zu haben. Polidorio hatte sich von Asiz die Lage der Kommune auf der Karte zeigen lassen, ihr Eingang lag in einer Seitenstraße am Suq, keine Händler rechts und links, viel Verkehr. Ausgeschlossen, dass irgendjemand irgendjemanden bemerkt hatte, der mit dem Auto durch ein offenes Tor hindurchfuhr, hinter dem fünfzehn Minuten später Pistolenschüsse fielen. Überhaupt die Anzahl der Schüsse: Hunderte, Dutzende, viele, zwei.
Weitere Abweichungen: Nicht Amadou, sondern ein Nordeuropäer habe mit der Pistole vor der Tür in die Luft geschossen und sie dann Amadou übergeben (ein Zeuge, befragt von «M. M.»). Eine Wolke habe die Sonne verdunkelt und Amadous Flucht erleichtert (ein Zeuge, befragt von «Q. K.»). Amadou habe eine graue Perücke «wie englische Richter in Spielfilmen» getragen (ein Zeuge), habe Goldstaub in die Menge geworfen, um einen Tumult auszulösen (zwei Zeugen), sei erkennbar betrunken gewesen (vier Zeugen) und habe beim Verlassen des Hauses die Arme in die Luft gehoben und mit ergreifenden Worten den Beistand des alleinigen Gottes erfleht (ein Zeuge).
Die Untersuchung des Tatorts: ein paar Patronenhülsen, ein leeres Magazin. Zwei Kugeln steckten in der Wand, eine in der Decke zwischen erstem und zweitem Stock. Die vier Opfer waren von jeweils mehreren Kugeln getroffen, alle Einschüsse aus nächster Nähe, einer in den Rücken, die anderen frontal. Wenig Zweifel an der Todesursache. Nicht der Hauch eines anderen Verdächtigen. Unterschrift Karimi.