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Zwei flache Felsscheiben steckten wie in einem Toaster senkrecht nebeneinander im Sand. In ihrem Windschatten hatte sich eine tiefe Rinne gebildet. Er warf seinen Körper dort hinein, den Kopf zwischen den Felsen, und schaufelte Sand über Beine und Rumpf. Die Arme scheuerte er seitlich in den Boden. Es war nicht schwierig, von den Schrägen rutschten kleine Lawinen auf ihn herab. Zuletzt rotierte er den Kopf zwischen den Felsscheiben hin und her. Er spürte seine Kopfwunde aufbrechen, die Schmerzen waren phänomenal. Von oben fiel Sand über sein Gesicht und rieselte ihm in die Ohren. Das Geräusch des Dieselmotors verstummte. Er hörte nur noch sein eigenes Keuchen. Er hielt den Atem an und blinzelte. Von seinem Rumpf schien nichts mehr frei zu liegen. Über den Sand auf seinem Körper hinweg sah er das Wellental, die Flanke der gegenüberliegenden Düne und verräterische Spuren überall ringsum. Sein Blickwinkel war durch die Steinplatten stark eingeschränkt. Umgekehrt war sein Gesicht jetzt nur noch zu sehen, wenn man direkt vor ihm stand. Aber es war noch zu sehen.

Er holte tief Luft, schloss die Augen und rotierte den Kopf noch einmal hin und her. Eine weitere Ladung Sand rutschte von oben über seine Stirn bis zum Jochbein und stäubte als feiner Puderzucker über Augenlider, Wangen und in die Mundwinkel. Er hatte einen nur sehr ungefähren Eindruck davon, wie viel vom Gesicht jetzt noch frei lag. Wahrscheinlich das Kinn und die Nasenspitze. Aber jetzt konnte er den Kopf nicht mehr drehen. Mit einem kleinen Stoß pustete er ein paar Sandkörner aus der Nase und wartete.

Ein Nachbild der eben gesehenen Düne unter der hellen Sonne erschien auf der Innenseite seiner Lider. Die Düne hell und vom Wind mit einem Riffelmuster überzogen, das an die Windungen eines riesigen Gehirns erinnerte, die Sonne ein schwarzer Kringel mit einem hellen Loch in der Mitte. Vielleicht das Letzte, was er in seinem Leben sah. Wenn sie sein Versteck entdeckten, lautlos auf ihn zugingen und ein paar Kugeln in die Erde zwischen den Felsen schossen, würde er nicht einmal seinen Mörder gesehen haben. Das Motorengeräusch kam wieder. Näherte sich. Entfernte sich. Es klang, als ob sie wendeten. Plötzlich spürte er leichte Erschütterungen. Ein feiner Schleier aus Sand spritzte auf den Sand auf seinen Füßen. Er hörte Schreie. Anscheinend fuhren sie hochtourig im Kreis durch das Wellental, in dem er lag. Er zuckte nicht. Er versuchte, nicht zu atmen. Als alle Geräusche verstummten, wusste er nicht, ob sie davongefahren waren oder ausgestiegen, um zu Fuß nach ihm zu suchen.

Minuten der Stille vergingen.

Drei Minuten. Oder zehn. Er spürte, wie unsicher sein Zeitgefühl war, und begann, seine Herzschläge zu zählen. Das Herz schlug wild. Vor seinem inneren Auge sah er den Sand über seiner linken Brust verräterisch wie auf einer Trommel hüpfen. Hundert Schläge eine Minute. Ungefähr. Nach hundertfünfzig Schlägen meinte er, ein gedämpftes Quieken zu hören, er war sich aber nicht sicher. Der Sand in den Ohren juckte entsetzlich.

Er zählte weiter, um die Zeit zu messen, um sich zu beruhigen und sich zu konzentrieren. Hundertneunundneunzig, zweihundert. Er wurde den idiotischen Eindruck nicht los, dass das Ausatmen ein Muster im Sand unter seiner Nase erzeugte, das ihn verraten könnte.

Er zählte bis dreihundert, bis vierhundert, bis fünfhundert. Fünf Minuten. Bei dreitausendzweihundert kamen die Motorengeräusche wieder, aber sehr leise. Diesmal kamen sie ihm nicht nahe. Er zählte bis sechstausend, er zählte bis zwölftausend. Und rührte sich nicht. Das Pochen in seinem Hinterkopf wurde stärker und stärker. Sein ganzer Körper pulste. Die ganze Zeit, während er Zahl an Zahl reihte, hatte er das Gefühl, dass direkt über ihm einer mit gezückter Pistole stand und aus Bosheit wartete. Wartete, bis er die Augen aufschlug, um ihm lächelnd eine Kugel ins sandige Grab nachzuschießen. Er zählte bis fünfzehntausend. Das waren jetzt die letzten zwölftausend Herzschläge, also etwa hundertzwanzig Minuten, ohne Geräusch. Er stülpte die Unterlippe aus, pustete sich übers Gesicht und versuchte zu blinzeln. Der schmale Bildausschnitt zwischen den Felsen zeigte das Wellental von Autospuren zerwühlt und die gegenüberliegende Düne unter dem abendlich gewordenen, glasblauen Himmel. Auf dem Kamm der Düne stand etwas und starrte ihn mit zwei kleinen Knopfaugen an. Durchdringend, unbewegt, auf alberne Weise interessiert. Ein kurzbeiniges, pelziges Tier, nicht größer als ein Fennek. Es hatte gelbrötliches Fell, zwei Schneidezähne hingen über den kleinen Unterkiefer. Das Tier schaute sich um, quiekte noch einmal und trabte davon.

19. DER VIERTELBUCHSTABE

Everyone of the bastards that are out for legalizing marijuana are Jewish. What the Christ is the matter with the Jews? I suppose it is because most of them are psychiatrists.

Nixon

Kaum hatte er die Piste unter den Telegraphenmasten erreicht, sah er schon eine Staubwolke am Horizont. Er kroch hinter eine Düne, bis er sicher sein konnte, dass es nicht der Jeep war, der sich dort näherte. Es war ein weißer Cinquecento, aus dem links ein Bein heraushing. Er sprang auf, rannte zurück auf die Straße und winkte mit beiden Armen. Durch die Windschutzscheibe waren zwei Insassen zu erkennen, hellhäutige junge Männer mit langen Haaren und nackten Oberkörpern. Sie fuhren in Schlangenlinien auf ihn zu und mit einem Schlenker an ihm vorbei, kuhäugig glotzend. Und dann weiter im Schritttempo.

Er rannte dem Auto hinterher und versuchte dabei, seine Leidensgeschichte in das offene Seitenfenster zu schreien. Der Beifahrer hatte den Mund geöffnet, zog die Oberlippe bis zur Nase hoch und hielt seine Hand wie ein Ertaubter ans Ohr. Er rief: «Was? Ich hab gesagt, was? Du bist ja ein ganz starker Sprinter! Aber — was? Was für Männer? Fahr mal langsamer, er ist schon ganz außer Puste. Nicht so langsam. Jetzt komm, du musst doch wissen, was für Männer! Und dann läufst du hier einfach so rum? Er sagt, er läuft hier nicht einfach so rum … nein, er läuft hier nicht einfach so rum! Willst du ’n Schluck Bier? Soll keine Beleidigung sein, wir sind ja Christen. Aber immerhin kann er Englisch. Im Ernst, du bist der Erste, der Englisch kann. Die ganzen Kaffern — pardon my French. Aber wie stellst du dir das vor? Guck dir die Rückbank doch an. Ja, geht es nicht für uns alle um Leben und Tod? Natürlich versteh ich das. Aber du musst auch uns verstehen. Das Gesetz der Wüste. Mal angenommen, du hast ein Messer unter der Kutte? Natürlich nicht! Wer würde das denn vorher sagen, dass er ein Messer unter der Kutte hat, wenn er einem die Gurgel durchschneiden will? Aber ich sag mal, Vorsicht ist die Mutter. Und wenn jetzt einer hier so rumläuft und erzählt was von: weiß nicht, wer er ist und wo er hinwill und volle Kanüle den Schädel eingeschlagen — ich mein, was ist los, Mann? Nehm ich dir nicht ab. Nimmst du ihm das ab? Fahr doch mal langsamer. Schluck Bier?»

Sie rollten im ersten Gang neben ihm her. Einmal griff er nach der hingehaltenen Bierdose, aber sie wurde weggezogen. Schließlich blieb er erschöpft und völlig außer Atem stehen und sah dem Cinquecento nach, der leise knirschend davonglitt. Fünfzig Meter. Und dann ebenfalls stehen blieb. Der Fahrer stieg aus, machte Dehnübungen und winkte. Flirrende Hitze trennte seinen Arm vom Körper, die Füße schwebten zwanzig Zentimeter über dem Boden. Mittlerweile war auch der Beifahrer ausgestiegen. Er öffnete die Hose, pinkelte in den Sand und unterhielt sich über die Schulter hinweg mit dem Fahrer. Sie lachten. Dann winkten sie wieder.

Sein Verstand sagte ihm, dass sie ihn nur veralbern wollten. Wahrscheinlich würden sie wieder einsteigen und wegfahren, sobald er sich näherte. Aber irgendetwas ließ ihn sonderbarerweise auch denken, dass das Freunde von ihm waren.

Der Ausdruck auf ihren Gesichtern war auf so befremdliche Weise aufmerksam und gleichzeitig heiter und offen, dass er das Gefühl nicht loswurde, sie müssten alte Freunde oder Bekannte sein, die den Ernst der Lage nicht begriffen. Entweder das, oder sie waren Verrückte. Aber nach Verrückten sahen sie eigentlich nicht aus. Zögerlich ging er auf die beiden zu. Die Hoffnung und der Wunsch, sie möchten seine Freunde sein, wurden so übermächtig, dass es aus ihm herausplatzte.