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«Kennen wir uns? Wir kennen uns!», rief er.

«Ja», sagte der Beifahrer und streifte sich ein T-Shirt aus Knüllbatik über. «Seit eben. Aber ist das wirklich dein Ernst? Du weißt nicht, wer du bist?»

Er nickte.

«Und wie lange weißt du das schon nicht?»

«Seit ein paar Stunden.»

«Hast du kein Portemonnaie?»

Darauf war er überhaupt noch nicht gekommen. Er griff sich unter der Dschellabah an die Gesäßtasche seines Anzugs. Unfassbar. Ein Portemonnaie. Er raffte die Dschellabah hoch, um das Portemonnaie herauszuziehen, und als er wieder aufblickte, war ein Springmesser auf sein Auge gerichtet. Der Beifahrer nahm ihm das Portemonnaie aus der Hand.

«Wenn wir dir helfen und dich mitnehmen, musst du uns auch bisschen helfen. Benzin und so. Ist das okay für dich? Kleine Unkostenbeteiligung?» Er klappte das Portemonnaie auf, in dem ein Bündel Geldscheine und verschiedenfarbige Karten steckten, nahm die Scheine heraus und warf den Rest in den Sand. Sein Kumpel lächelte. Er hatte riesige Pupillen.

«Geht doch, Mann. Das sieht doch gut aus. Ich würde vorschlagen, wir fahren dann jetzt Benzin kaufen und Sachen abladen und alles. Und dann kommen wir wieder. Du wartest hier, okay? Vielleicht kannst du dich ein bisschen sauber machen in der Zwischenzeit. Du siehst ja aus wie ein Schwein.»

«Ich glaub, der hat nicht nur sein Gedächtnis verloren, Sprechen wird auch immer schwieriger.»

Sie drehten seinen Kopf mit der Messerspitze hierhin und dorthin, und dann befahl ihm der Fahrer, auf allen vieren herumzukriechen und wie ein Schwein zu grunzen. Er kroch auf allen vieren herum und grunzte wie ein Schwein. Der eine fragte, warum ihm das keine Probleme bereite, und der andere wollte wissen, ob Schweine nicht unrein seien bei den Arabern. Viel Phantasie hatten sie nicht. Sie gaben ihm noch einen Tritt in die Seite und gingen schließlich zum Auto zurück. Der Fahrer ließ den Motor an, der Beifahrer stellte seinen Fuß aufs Trittbrett, hielt Messer und Geldscheine unschlüssig in der Hand und sah sich um.

Aus Angst, sie könnten es sich doch noch mal überlegen und ihn schwerer verletzen oder gar töten, rief er: «Ihr könnt das Geld ruhig haben!»

Das war ein Fehler.

Der Beifahrer begriff es zuerst. «Wir können das Geld ruhig haben!», sagte er. Freudestrahlend kam er zurück, klaubte das Portemonnaie auf und beobachtete die Reaktion des Mannes, der am Boden kniete und sich mit einer Hand die schmerzende Seite hielt. Er zog die Papiere aus dem Portemonnaie und studierte sie mit dem begeisterten Unverständnis eines Erstklässlers, der gerade lesen gelernt hat. Ein weißes Kärtchen, ein grünes Kärtchen, ein rötliches Papier. Zwei Reihen weißer, amerikanischer Zähne und eine Menge Zahnfleisch entblößten sich. Beim Lesen erstarrte das Grinsen langsam und gefror, der Mund blieb offen stehen. Entsetzt reichte er das rötliche Papier dem Fahrer und sagte: «O mein Gott.»

Der Fahrer warf einen Blick darauf, sah sich verwirrt um und sagte dann ebenfalls: «O mein Gott.»

Und dann nach unten hin: «Das wussten wir nicht! Das tut uns leid. Wenn wir das gewusst hätten, wer Sie sind!»

«Wir hätten Sie nicht überfallen dürfen!»

«Supermann! Wir haben Supermann überfallen.»

«Du sagst es, o mein Gott. Supermann!»

«Das Superhirn mit den Superkräften!»

«Und dem Supergrunzen! Ey, Mann. Wir sind voll verloren!»

Sie fanden sich wahnsinnig komisch. Sie probierten noch eine Reihe von Witzen mit superdreckig, superdämlich und superschweinisch, und dann holte der Beifahrer ein Feuerzeug heraus und hielt es unter den Ausweis. Die Flammen wanderten bläulich und sehr langsam über das zähe Papier. Ein Rest fiel ihm aus der Hand, er schlenkerte den Arm in der Luft und pustete auf seine Fingerspitzen. Das weiße und das grüne Kärtchen brannten besser. Dann erging erneut der Befehl, auf allen vieren herumzukriechen und gen Mekka zu grunzen. Endlich stiegen sie in das Auto und fuhren davon.

Mit einem Sprung hechtete er nach dem letzten, glimmenden Fetzen rötlichen Ausweispapiers, ein winziges Stück, vom dem zitternd Aschefetzen abfielen. Er hielt es zwischen den Fingernägeln von Daumen und Zeigefinger, und als sei in der Willkür des Zufalls doch etwas wie Logik und Bosheit enthalten, war es das Stück Papier, auf dem «Nom:» stand.

Name, Doppelpunkt und ein Viertelbuchstabe, ein Schnörkel nur noch. Die letzte Glut fraß gerade den Schnörkel. Der Buchstabe war nach oben und links hin gerundet, ein C also oder ein O. Tiefrote Tinte auf rötlichem Papier. Er blickte zum Horizont, wo sich die Staubwolke über der Piste legte. Dann wieder auf seine rußigen Fingerkuppen. Der Schnörkel hatte sich in Asche verwandelt. Aber er hatte ihn gesehen. Er wusste nun, dass sein Name mit einem C oder O begann. Oder mit einem S. S war auch möglich. Ob es sein Vor- oder Nachname war, wusste er nicht.

Er lief weiter auf der Piste. Lange Zeit kam kein Auto mehr. Er zog die Dschellabah aus, betrachtete die dünne Blutspur auf dem Rücken und vergrub das Kleidungsstück im Sand. Als die nächste Staubwolke am Horizont aufpilzte, versteckte er sich zu spät. Hupend fuhr ein dunkler Mercedes vorüber. Danach ging er vorsichtshalber in einigem Abstand parallel zur Piste durch die Dünen. Das war anstrengend, aber die Angst brachte ihn um. Auf jeder Düne hielt er Ausschau. Seine Wunde pochte, und er wickelte sich sein Unterhemd um den Kopf. Den weiteren Inhalt seiner Anzugtaschen hatte er längst untersucht: Im Jackett hatte sich ein Bund mit sieben Schlüsseln gefunden, vier Sicherheitsschlüssel, zwei normale, ein Autoschlüssel. Dazu ein gebrauchtes Papiertaschentuch und in der Innentasche des Jacketts ein grüner Bleistift mit abgebrochener Spitze.

Im Gehen rief er sich Namen mit den Anfangsbuchstaben C, O und S ins Gedächtnis und wunderte sich, dass das so einfach war. Dutzende Namen fielen ihm ohne Mühe ein, ohne dass mit einem einzigen eine Erinnerung verknüpft gewesen wäre. Claude, Charles, Stéphane. Cambon, Carré, Serrault. Ogier. Sassard. Sainclair. Condorcet. Ozouf. Olivier. Die Namen wurden ihm wie von unsichtbarer Hand auf einem unsichtbaren Tablett gereicht. Vielleicht waren es Namen, die jeder kannte, ohne Person dazu. Oder er hatte zu jedem Namen eine Person gekannt, und deshalb lösten sie alle das Gleiche bei ihm aus: nichts. Er fragte sich, woher er überhaupt wusste, dass es so etwas wie Gedächtnisverlust gab? In welchem Leben hatte er das gelernt?

Dann fiel ihm das Q ein.

Aus der nächsten Staubwolke am Horizont erklang das Geräusch eines Dieselmotors. Er warf sich bäuchlings in den Sand. Quineau, Quenton. Schlumberger. Quatremère. Chevalier. Die Reihe von Namen riss überhaupt nicht ab.

Als Nächstes fiel ihm noch das G ein, und er bekam einen Tobsuchtsanfall. Er kniete sich hin und zeichnete mit dem Finger das Alphabet in den Sand, um sicherzustellen, dass er keinen weiteren Buchstaben übersehen hatte. C, G, O, Q und S. Das war alles. Er taumelte voran. Wenn er die Schienen demoliert, wenn der Lawinenhund sich rührt, wenn man die Bienen exportiert … Heiß brannte die Sonne über der Sahara.

20. IM LAND DES OUZ

Weibliche Neunen halten sich häufig für Zweien.

Ewald Berkers

Helen hielt das Telefon minutenlang an ihr Ohr, ohne ein Wort zu sagen. Als auf der Gegenseite nur noch Schluchzen zu hören war, fragte sie: «Soll ich trotzdem kommen?»

Gegen Mittag fand sie den Autoverleih, den der Rezeptionist des Sheraton ihr beschrieben hatte. Das war jedenfalls das Wort gewesen, das er gebraucht hatte: Autoverleih. Man hätte auch Schrottplatz sagen können. Ein Ochsenkarren und ein rostiger Honda-Pick-up waren die einzigen Fahrzeuge auf dem Hof, um den herum sich abgeschliffene Karosserien stapelten.