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In einem Bretterverschlag saß ein Dreizehnjähriger zusammengesunken vor einer Schischa. Die Anwesenheit der blonden Frau belebte ihn augenblicklich. Er sprang auf, machte ausladende Gesten und redete mit einem merkwürdig altertümlichen Akzent auf sie ein. Was er mitzuteilen hatte, war weniger erfreulich. Der Honda war kaputt, den Ochsenkarren (inklusive Ochsen und Fahrer) wollte Helen nicht mieten, und die Frage, wann wieder ein Wagen zur Verfügung stehe oder wie viele Wagen der Verleih überhaupt besitze, konnte der Junge nur mit einem Kopfwiegen beantworten. Helen erkundigte sich, ob es in der Nähe noch einen anderen Autoverleih gebe, und erfuhr, am Flughafen würden Limousinen vermietet. Die Wahrscheinlichkeit, dort ohne Reservierung ein Fahrzeug zu bekommen, sei jedoch gleich null.

«Und was fehlt dem da?» Helen zeigte aus dem Fenster.

Bedächtiges Kopfwiegen, gepaart mit Augenbrauenhochziehen. Der Junge führte Helen hinaus, setzte sich in den Pick-up und drehte den Zündschlüssel. Unter der Motorhaube des Honda klickte es.

«Mechaniker kommt. Wahrscheinlich. Zwei Wochen.»

Helen unternahm einen zweiten Versuch, herauszufinden, wie viele Wagen der Verleih besaß, erhielt so wenig Antwort wie zuvor und fragte stattdessen nach Werkzeug. Unter seinem Tisch hatte der Junge ein Set verbogener Schraubenschlüssel, Zange, Hammer, Bürsten. Helen schleppte alles zum Honda. Eine Weile zwang sich der Junge, bedächtig kopfwiegend danebenzustehen, schließlich ertrug er den Anblick nicht mehr und ging zurück in seine Bretterbude. Eine Frau. Eine blonde Frau! Das würde er niemandem erzählen können. Er suchte Holzkohle, Nakhla und Streichhölzer zusammen, entzündete die Schischa erneut und blies den Rauch aus dem kleinen Fenster über den Hof.

Hin und wieder hörte er amerikanische Flüche hinter der hochgeklappten Kühlerhaube hervordringen, er hörte Hammerschläge auf Metall, das leise Klicken des Magnetschalters in der Mittagshitze und, als die Kohle in seiner Schischa bereits verglühte, ein Motorengeräusch. Kurz danach trat die mit Öl und Dreck verschmierte Frau in die Bretterbude. Sie warf das Werkzeug auf den Tisch, nahm ihr Portemonnaie heraus und sagte mit einer an Blasiertheit nicht zu überbietenden Stimme: «Ich brauch ihn eine Woche. Wie viel?»

Soweit Helen wusste, gab es einen kurzen, unsicheren und einen langen, sicheren Weg auf die Piste nach Tindirma. Sie hatte Zeit. Kilometerweit fuhr sie die Hauptstraße nach Norden bis an den Fuß der Berge, wo die Stadt ausdünnte und ein einsames Straßenschild die Abzweigung anzeigte. Ein paar hundert Meter ging es durch trockene Vegetation. Auf Sanddünen mit Salzpflanzen folgten Sanddünen ohne Salzpflanzen, und den Eingang zur Wüste markierte eine riesige, geometrische Skulptur zweier aus Ziegeln gemauerter Kamele, deren Mäuler sich hoch oben in der Luft über der Piste berührten.

Auch wenn man vorher nie eine Wüste gesehen hatte, wurde es schnell langweilig. Es war die Zeit der größten Mittagshitze, und Helen begegnete keinem einzigen Fahrzeug. Hier und da lagen Autowracks im Sand versunken wie verendete Insekten, heruntergefressen bis auf das Metall, die Türen gespreizt wie Flügel.

Nach zwei Stunden erreichte sie eine Tankstelle mit einer einzigen Zapfsäule. Kurz dahinter lag die Oase Tindirma.

Helen unternahm genau zwei Versuche, in der Oase aus dem Auto zu steigen. Obgleich sie Jeans und ein langärmliges T-Shirt trug, löste sie beide Male eine Stampede aus. Männer, Jungen und Greise kamen mit nach vorn gestreckten Armen auf sie zugerannt. Im Wagen hatte sie irgendwo ein Kopftuch, sie mochte es aber in der Mittagshitze nicht aufsetzen. Nahm auch an, dass es die Situation nicht wirklich entschärfen würde. Ihren Plan, sich im Ort auf eigene Faust umzusehen, gab sie vorerst auf.

Die kleine Straße mit der Kommune war vom Suq aus nicht schwer zu finden. Helen erkannte das Türschild von der telefonischen Beschreibung her und fuhr mit dem Honda auf den Hof. Ein Fusselbärtiger in gebatiktem Einteiler öffnete die Tür. Er wiederholte den Namen Helen Gliese, sah ihr zwanzig Sekunden lang in die Augen und schob die Kinnlade hin und her, bevor er sie einließ.

Das Haus hatte man im gleichen Plüsch- und Polsterstil eingerichtet wie normale arabische Wohnhäuser, und das Erste, was Helen ins Auge stach, waren die Zettel. Überall Zettel. Hinter ihr verriegelte der Fusselbart die Tür mit vier Schlössern, und im selben Moment kam mit einem Schrei Michelle die Treppe zum Innenhof herabgestürzt. Sie flog Helen um den Hals und hörte nicht auf zu schluchzen. Mit auf dem Rücken verschränkten Armen stand der Fusselbart daneben und betrachtete die Begrüßung der beiden Frauen wie einen komplizierten Autounfall. Er schwieg, Michelle schluchzte, und über Michelles Schulter hinweg las Helen die Aufschrift auf einem der Zettel, der dort neben der Garderobe hing: Der Beobachter ist der Beobachtete.

Michelle stemmte ihre Jugendfreundin auf Armlänge von sich weg, besah sie mit glasigem Blick und riss sie schluchzend wieder an sich. Vor Aufregung konnte sie lange nichts sagen, und als sie wieder etwas sagen konnte, sagte sie: «Asthmaspray.» Sie lief erneut die Treppen hoch. Der Fusselbart holte seine Hände hinterm Rücken hervor, zog sie umständlich und langsam bis in die Achselhöhlen hoch, ging in eine Dehnübung über und sagte: «Ist kein Asthma. Ist psychisch.»

Er führte Helen an der mit fünf oder sechs Kommunarden besetzten Küche vorbei einen langen, dunklen Flur hinunter, an dessen Ende eine mit rotem Polster bezogene Sitzbank stand. «Da pflanz dich hin.»

Einige Minuten lang stand Helen allein im Halbdunkel. Schließlich setzte sie sich. Leise Stimmen waren zu hören, eine Wasserleitung, eine Pendeluhr. Sie versuchte die Zettel zu lesen, die sie von ihrem Platz aus entziffern konnte. Neben der Sitzbank stand: Alles ist gut, nur nicht überall, nur nicht immer, nur nicht für alle. Darüber: Turtles can tell more about roads than hares. Und an der Deckenlampe klebten gleich mehrere Zettel, von denen Helen nur einen entziffern konnte: Wenn du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten endlosen Meer.

Vermutlich hatten diese kleinen Zettel auch schon vor dem Massaker an ihren Plätzen gehangen (und das Erste, was einem nach einem solchen Ereignis einfällt, ist sicher nicht das Umdekorieren der Wohnung).

Drei Frauen mit langen, glatten Haaren streckten nacheinander ihre Köpfe aus der Küche und zogen sie wieder zurück. Ein Mann lief weinend durch den Flur. Dann tauchte der Fusselbart wieder auf und sagte: «Wir müssen reden.»

Helen rührte sich nicht.

Er öffnete eine schwarz lackierte Tür am Ende des Ganges und schaute sich über die Schulter um. «Jetzt!», sagte er.

Er hatte einen schottischen Akzent, und daraus und aus seinem Gehabe schloss Helen, dass es sich um Edgar Fowler handelte, Ed Fowler III, das inoffizielle Oberhaupt der kleinen Kommune. Sie wartete noch eine Weile, ob Michelle wieder auftauchen würde, und folgte ihm dann in den Nebenraum.

Das Zimmer war rundum mit Decken, Tüchern und blaugrauen Matratzen ausgelegt. Es roch. In der Mitte war eine kleine Fläche frei geräumt, auf der ein Laufstall für Kinder stand. Plastikwürfel, bunte Bälle und Stoffpuppen lagen darin herum, aber statt eines Kindes hockte unbeweglich inmitten des Laufstalls ein Tier mit sandfarbenem, leicht rötlichem Fell. Man hätte es für ein Stofftier halten können, wenn nicht seine Schnurrhaare gezittert hätten. Zwei Schneidezähne hingen über einen winzigen Unterkiefer, und zwischen den Ohren trug es eine Art Krone aus weißem Papier, die mit einem Gummiband an seinem Kopf festgebunden war. Es sah aus, als hätte es das Gummiband mit der Hinterpfote mühelos vom Kopf streifen können, wenn ihm danach gewesen wäre. Aber anscheinend war ihm nicht danach.