Выбрать главу

»Der Häuptling der Apatschen! Man hat mir doch gesagt, daß er unten bei der Hazienda del Arroyo zu finden sei!«

Winnetou antwortete in ironischer Höflichkeit:

»Meint der "schnelle Fisch", daß der Häuptling der Apatschen Ackerbauer und Viehzüchter geworden sei und seine Wohnung für immer in einer Hazienda oder Estanzia aufgeschlagen habe? Ich hörte, daß der "Fisch" von meiner Anwesenheit benachrichtigt worden sei und mich sehen wolle; da er nun ein so berühmter Krieger ist, habe ich es für meine Pflicht gehalten, ihm den weiten Weg zu ersparen, und bin heraufgekommen, ihn zu begrüßen. Er mag zugleich meinen Bruder Old Shatterhand kennen lernen, welcher da neben mir steht.«

Der Yuma fuhr zurück, betrachtete mich mit großen Augen und rief, die einzelnen Silben auseinander ziehend:

»Das - ist - Old - Shat - ter - hand?! Ist er denn nicht Gefangener des "großen Mundes", unsers obersten Häuptlings?«

»Wie du siehst, bin ich nicht gefangen,« antwortete ich. »Der "große Mund" trägt seinen Namen mit vollem Rechte: Sein Mund ist groß, und seine Worte klingen erhaben, aber Old Shatterhand vermag er samt seinen hundert Yumas nicht zu halten. Ich bin ihm entkommen und habe ihn dann selbst gefangen genommen.«

Ich hielt es natürlich nicht für nötig, ihm mitzuteilen, daß der "große Mund" inzwischen wieder entkommen war. Meine Worte mußten ihn erschrecken, und er fragte:

»Der Häuptling ist gefangen? Wo befindet er sich?«

»In den Händen des "starken Büffels", eures Todfeindes, der ihn und alle Yumakrieger, die wir ergriffen haben, nach den Weideplätzen der Mimbrenjos schafft, wo sie am Marterpfahle sterben werden. Wir aber sind indessen in die Berge geritten, um den "schnellen Fisch" kennen zu lernen. Ich wollte zu ihm gehen, um mich ihm zu zeigen; da er aber so freundlich gewesen ist, zu uns zu kommen, so können wir ihm unsere Huldigungen schon hier erweisen und werden ihm dann das Ehrengeleite zurück nach der Fuente de la Roca geben.«

Ja, wir konnten nun nach der Felsenquelle aufbrechen, da wir hier nichts mehr zu thun hatten und Eile überhaupt not that. Je eher es uns gelang, die Emigranten zu befreien, destoweniger lang hatten sie zu leiden. Freilich, ob mir mit meinen wenigen Mimbrenjos diese Aufgabe gelingen würde, das war mehr als zweifelhaft. Wir hatten noch drei Posten zu je fünf Mann und dazu die an der Fuente befindlichen Yumas aufzuheben. Selbst wenn uns dies gelang, hatten wir dann mehr Gefangene zu bewachen, als wir selbst zählten, und sollten es dann noch mit Melton, den beiden Wellers und den dreihundert Yumas, welche in Almaden alto standen, aufnehmen. Das war weit mehr, als man von Menschen erwarten konnte; aber ich hatte meinen Winnetou bei mir, welcher wirklich, wie gesagt worden war, für hundert zählte, ver- verließ mich, wie auch schon erwähnt, auf mein gutes Glück und hielt es trotz der eingetretenen ungünstigen Umstände doch für nicht unmöglich, daß die zur Hilfe gerufenen Mimbrenjos noch rechtzeitig eintreffen würden.

Bei der Minderzahl, in welcher wir uns befanden, mußten wir unsere Zuflucht zunächst und vor allen Dingen zur List nehmen, und da richtete ich mein Augenmerk auf den Player, dessen Charaktereigenschaften ein Verrat an seinen Genossen recht wohl zuzutrauen war. Wenn ich ihm unsere Nachsicht in Aussicht stellte, stand zu erwarten, daß er dieses Mittel zu seiner Befreiung gern ergreifen werde. Da durfte ich ihn nun freilich nicht mit den gefangenen Yumas verkehren lassen, da diese ihn gewiß abgehalten hätten, mir zu Willen zu sein. Ich richtete es also so ein, daß er, als wir aufgebrochen waren, von ihnen abgesondert ritt und den Yumatöter als Wächter bei sich hatte.

Es waren eigentlich nur vier Personen, auf welche ich mich vollständig verlassen konnte, Winnetou, ich und die beiden Söhne des starken Büffels. Von den andern Mimbrenjos stand zwar auch zu erwarten, daß sie ihre Schuldigkeit nach Kräften thun würden, aber zu diesen Kräften hatte ich eben kein rechtes Vertrauen; ich zweifelte daran, daß sie der Aufgabe, welche wir zu lösen hatten, vollständig gewachsen seien, und betrachtete sie, wenn auch nicht gerade als Statisten, so doch als Leute jener unselbständigen Art, welche nur das zu thun pflegen, worauf man sie mit der Nase stößt. Es waren alte Krieger unter ihnen, doch schienen dieselben nicht die Intelligenz zu besitzen, welche ich nach den Erfahrungen, die ich gemacht hatte, dem soviel jüngeren Yumatöter und seinem Bruder zutraute. Und was nun gar den Haziendero, den Juriskonsulto und dessen Polizisten betraf, so war ich über- überzeugt, daß ihre Gegenwart uns eher hinderlich als förderlich sein werde.

Es fiel uns natürlich nicht ein, die Yumas nach dem Wege zu fragen; sie durften überhaupt nicht wissen, wieweit wir unterrichtet waren und in welchen Beziehungen wir uns in Ungewißheit befanden. Winnetou kannte die Fuente und ihre Umgebung und schlug sicher den geradesten Weg nach derselben ein. Er mochte meine Gedanken aus den Blicken erraten, die ich von Zeit zu Zeit vorwärts warf, denn er sagte bei einer solchen Gelegenheit zu mir:

»Mein Bruder braucht keine Sorge zu haben, daß wir die Fuente verfehlen werden. Ich treffe sie so gewiß, wie meine Kugel ihr Ziel zu finden pflegt: ohne daß wir einen einzigen Schritt des Umweges machen.«

»Davon bin ich fest überzeugt. Jedoch fragt es sich, ob wir zur wünschenswerten Zeit dort ankommen, weil wir unsern heutigen Ritt so spät beginnen konnten.«

»Old Shatterhand mag sich auch in dieser Beziehung beruhigen. Wir kommen zwar erst des Nachts dort an, aber das ist doch besser, als wenn wir die Felsenquelle schon am Tage erreichten, wo wir gesehen werden könnten. In der Dunkelheit bleibt unser Nahen unbemerkt, und wir werden die Yumas so vollständig überraschen, daß uns keiner entgehen und die Kunde von unserer Anwesenheit weitertragen kann.«

Der Weg war sehr bequem; er führte stundenlang über einen weiten Llano, welcher mit kurzem Grase bewachsen war. Dunkle Streifen, die bald im Norden und bald im Süden am Horizonte erschienen, deuteten an, daß der Llano mit Wald eingefaßt war. Der Boden hatte die nötige Feuchtigkeit, um Gras hervorzubringen, doch kamen wir an keinem fließenden oder stehenden Wasser vorüber.

Zur heißesten Tagesstunde wurde angehalten, um die Pferde verschnaufen und weiden zu lassen; dann ging es weiter. Obgleich man es nicht sehr bemerkte, stieg der Llano immer bergan, bis er an einem Laubwalde endete, welcher die Lehnen sanfter Höhen umsäumte. Wir ritten zwischen denselben empor; sie bildeten sich zu Bergen aus, welche mit dichtem Nadelholz bestanden waren. Die Thäler, durch welche wir kamen, wurden von kleinen Bächen durchflossen und verwandelten sich infolge der zunehmenden Steilheit der anliegenden Höhen in Schluchten, in denen es schon düster war, als die Spitzen der Berge noch im Abendrote erglänzten.

Nun mußten wir langsamer reiten als bisher. Winnetou war als Führer an unsrer Spitze. Es trat vollständige

Dunkelheit ein; aber er leitete uns mit solcher Sicherheit, daß die Finsternis uns nur dadurch beschwerlich wurde, daß wir unsere Gefangenen nun mit doppelter Aufmerksamkeit zu bewachen hatten.

Wohl drei Stunden waren seit der Dämmerung vergangen, da hielt er an einem Wasser an, welches in einem breiten und sehr bequem zu passierenden Thale floß. Ich hatte den letzten des Zuges gemacht und ritt nun vor zu ihm, da ich mir sagte, daß wir wahrscheinlich in der Nähe der Felsenquelle angekommen seien. Als ich ihn erreichte, sagte er:

»Mein Bruder wird bemerkt haben, daß dieses Thal nach Norden streicht, während die Fuente und auch Almaden östlich liegen. In einiger Entfernung von hier aber führt ein Seitenthal nach rechts, also aus Osten; aus diesem kommt das Wasser, an welchem wir uns befinden; dort entspringt es zwischen Felsen, und darum wird die Stelle, an welcher es aus den Steinen tritt, die Fuente de la Roca genannt. Die Feinde werden dort alle beisammen sein, denn es steht nicht zu erwarten, daß sie bei der gegenwärtigen Finsternis noch umherschweifen. Wir müssen unsre Gefangenen hier zurücklassen, denn nähmen wir sie weiter mit, so könnten sie auf den Gedanken kommen, uns durch Rufen und Schreien zu verraten. Was bestimmt nun mein Bruder, was geschehen soll? Sollen gleich soviele Mimbrenjos, als wir zur Ueberwältigung der Gegner brauchen, mitgehen, oder hält er es für besser, daß ich mich erst einmal allein anschleiche, um zu erfahren, wie wir den Ueberfall am besten vorzunehmen haben?«