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»Ich verstehe Sie nicht! Wie können Sie gegen mich, Ihren Freund, solche Worte führen!«

»Schweig, Schurke, und wage es ja nicht wieder, dich meinen Freund zu nennen! Ich bin ausgezogen, mich an dir zu rächen. Schau hin; dort stehen sie alle, die mit mir gekommen sind! Siehst du den Juriskonsulto von Ures?«

Der Gefragte blickte kopfschüttelnd nach den Wagen und antwortete: »Den kenne ich nicht.« »Auch seine Polizisten nicht?«

»Nein. Was soll hier die Polizei?« »Euch ergreifen, euch festnehmen, sowie wir schon eure Mitschuldigen festgenommen haben.«

»Mitschuldigen? Wer ist das?«

»Die Yumas. Stell' dich doch nicht so, als ob du nicht sähest, daß sie gebunden sind!«

»Gebunden? Wahrhaftig, sie sind gefesselt! Sogar der "schnelle Fisch"! Wer sind denn die andern Roten?«

»Das sind die Mimbrenjos, welche mit uns gegen euch gezogen sind. Und dort hinter dem letzten Wagen steckt Winnetou, der Häuptling der Apatschen!«

»Der Schwätzer wird alles verderben!« raunte mir Winnetou unwillig zu. »Mein Bruder mag dann schnell auf sein Pferd springen!«

»Winnetou ist hier?« fragte Weller. »Ist's möglich! Ich sehe ihn nicht.«

»O, nicht bloß dieser ist da, sondern noch einer, über den du erschrecken wirst. Da ist auch noch Old Shatterhand, der euern Yumas entkommen ist.«

»Old Shatterhand? Verdammt! Gut, daß du mir das sagst, Dummkopf!«

Wir hörten zunächst einen Schrei und dann den Galopp eines Pferdes und traten hinter dem Wagen hervor. Dort lag der Haziendero am Boden, niedergeschlagen von Weller, der davonjagte, zurück des Weges, den er gekommen war. Ich sprang zu meinem Pferde, schwang mich auf und jagte ihm nach. Zu gleicher Zeit that Winnetou dasselbe; er folgte mir auf den Fersen. Wir hörten den Flüchtling schreien:

»Old Shatterhand, Winnetou und die Mimbrenjos! Old Shatterhand, Winnetou und die Mimbrenjos!«

Warum that er das? Etwa aus Schreck und Entsetzen? Er war doch während seines Wortwechsels mit dem Haziendero nicht so erschrocken gewesen! Er schrie die Namen noch, als er in die Enge verschwand, und als wir beide in dieselbe eindrangen, schrie er sie immer noch.

Wir kamen ihm rasch näher. Es ging thalaufwärts; rechts und links war Wald. Er blickte sich um und sah uns höchstens dreihundert Schritte hinter sich. Er erkannte, daß er verloren sei, wenn er die Flucht auf diese Weise fortsetzte, hielt sein Pferd an, sprang ab und eilte links in den Wald. Sofort schwang ich mich auch aus dem Sattel und sah dabei, daß der Apatsche auch heruntersprang.

»Winnetou, ihm direkt nach!« rief ich diesem zu und rannte dann unter die Bäume und die Steigung empor.

Es geschah das mit guter Berechnung. Wenn wir beide dem Fliehenden nachliefen, so konnten wir beim Geräusche unserer Schritte das Geräusch der seinigen nicht hören. Es war geraten, ihm zuvorzukommen und dann zu lauschen. Das wollte ich thun, während Winnetou ihn mir getrieben brachte.

Wir befanden uns unten an der linken Thalwand, welche ziemlich dicht mit Bäumen besetzt war und auch ziemlich steil zur Höhe stieg. Ich nahm an, daß Weller zunächst in gerader Richtung emporklettern werde, und nahm mir als Marke eine starke Buche, welche, wenn er diese Richtung wirklich einhielt, an seinem Wege lag. Ich war soweit hinter ihm gewesen und hatte also nach der Buche einen viel weitern Weg zurückzulegen als er.

Diesen Unterschied mußte ich durch doppelte Schnelligkeit auszugleichen versuchen. Ich glaube nicht, daß ich mich jemals im Leben so von Baumstamm zu Baumstamm, von Stein zu Stein geschnellt habe. Als ich die Buche erreichte, war ich atemlos, und es schwindelte mir. Ich warf mich hinter dem Stamm auf den

Boden nieder und versuchte, zu lauschen. Zunächst summte mir das aufgeregte Blut in den Ohren, doch der feste Wille vermag selbst so etwas zu unterdrücken. Dann vernahm ich Schritte, zweierlei Schritte, nämlich diejenigen eines Menschen, der sich leise und vorsichtig, darum nicht zu eilig, der Buche näherte, und dann diejenigen einer andern Person, welche laut und rasch durch die Bäume und Sträucher drang. Der erstere war Weller und der letztere Winnetou; ich war dem Flüchtlinge also doch zuvorgekommen, ein Beweis, was der Mensch, wenn es sein muß, weit über seine gewöhnlichen Kräfte hinaus zu leisten vermag.

Er kam; schon sah ich ihn! Er ahnte nicht, daß einer von den beiden, welche er hinter sich glaubte, schon vor ihm war. Er lenkte seine Schritte nicht genau der Buche zu, sondern wollte rechts vor derselben vorüber. In dem Augenblicke, in welchem er mir am nächsten war, sprang ich auf, schnellte mich hin zu ihm, faßte ihn beim Haare, denn der Hut war ihm von den Zweigen herabgeschlagen worden, und riß ihn an denselben nieder. Er stieß einen überlauten Schrei aus.

»Hat mein Bruder ihn fest?« rief mir Winnetou zu, als er diesen Schrei hörte.

»Ja,« antwortete ich, indem ich Weller das Knie auf die Brust setzte, daß ihm der Atem ausgehen wollte. »Ich komme gleich. Halte ihn nur fest!«

Es bedurfte dieser Aufforderung des Apatschen gar nicht, denn ich hatte den einstigen Kajütenwärter unter einem so starken Drucke, daß er jede Bewegung vergaß. Da kam Winnetou. Als er den Gefangenen sah, sagte er:

»Es war ein guter Gedanke meines Bruders, ihm vorauszuspringen. Ich wußte, daß Old Shatterhand ein vortrefflicher Läufer ist; aber daß er fliegen kann, habe ich nicht gedacht. Warum hast du dem Manne nicht die Faust gegeben, um ihn zu betäuben?«

»Weil es nicht nötig ist. Der Kerl ist nur ein Knabe in meinen Händen und soll nicht die Wohlthat der Bewußtlosigkeit haben.«

Weller hatte sein Gewehr in der Hand getragen; es war ihm, als ich ihn faßte, entfallen. Winnetou hob es auf. Ich zog den Burschen in die Höhe, stellte ihn auf die Beine und sagte:

»Vorwärts jetzt! Und wenn du nicht gehorchst, werden wir uns Gehorsam zu verschaffen wissen!«

Ich hätte ihn, selbst wenn ich im Besitze eines Riemens gewesen wäre, nicht gebunden; aber ich hatte keinen mit und Winnetou auch nicht. Der Mensch wäre übrigens eine solche Vorsichtsmaßregel gar nicht wert gewesen. Ich nahm ihn beim Kragen und schob ihn vor mir her. Als wir unten ankamen, standen unsere Pferde noch genau da, wo wir abgestiegen waren, dasjenige von Winnetou hinter dem meinigen. Wellers Pferd war vorwärts gelaufen und wurde von einigen Mimbrenjos, welche uns nachgeritten waren, herbeigeholt. Die Freude des Haziendero, als wir den Ergriffenen brachten, war groß und machte sich in dem Jubelrufe Luft:

»Sie haben ihn! Sie bringen ihn! Das ist prächtig; das ist herrlich! Nun soll er den Schlag, den er mir mit dem Gewehr gegeben hat, sogleich wiederbekommen!«

Er wollte ihm einen Hieb versetzen; ich stieß ihn aber zurück und sagte:

»Laßt das sein, Sennor! Sie haben eine Dummheit begangen, als Sie ihm entgegengingen. Dadurch wurde er auf uns aufmerksam und wäre uns beinahe entflohen. Das Richtige war, still zu sein und ihn ganz herbeizulassen.«

»Sie scheinen ein Gaudium daran zu finden, andere Leute immer nur zu tadeln! Sie sind ein - -«

Er wollte wahrscheinlich grob werden; ich unterbrach ihn aber in scharfem Tone: »Schweigen Sie auf der Stelle, sonst -«

Ich hatte im Ärger wirklich den Arm erhoben. Da fuhr er erschrocken zurück und retirierte hinter einen Wagen, wo der liebe Juriskonsulto sich zu ihm gesellte und sie sich dann wahrscheinlich gegenseitig ihre Not klagten. Verkannte Genies haben ja immer zu klagen.

Winnetou hatte den Gefangenen indessen an eine Deichsel binden lassen. Die Mimbrenjos umringten ihn und schimpften auf ihn ein. Ich trieb sie zurück, denn was ich mit ihm zu sprechen hatte, brauchten sie nicht zu hören. Nur Winnetou blieb da, um meinem Versuche, dem Gefangenen etwas zu entlocken, beizuwohnen.