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»Jetzt weiß ich, was es ist: Old Shatterhand will mich zornig machen, um dann über mich wie über ein Kind lachen zu können; aber es wird ihm nicht gelingen. Er will uns unsicher machen, damit wir in dieser Unsicherheit einen Fehler begehen. Ja, er thut nichts ohne Ueberlegung, aber bei uns wird er sich verrechnet haben!«

»Uff, uff!« riefen die Wächter zum Zeichen, daß sie ihm beistimmten. Er fuhr, zu mir gewendet, fort:

»Old Shatterhand hat meinen Sohn, den "kleinen Mund", getötet und wird dafür sterben müssen. Aber er ist ein tapferer Mann, und ich habe gehört, daß er stets ein Freund der roten Männer war; darum will ich ihm eine Gnade gewähren und ihm erlauben, diejenige Todesart, welche er sterben will, selbst zu wählen. Will er erschossen sein?«

Ich wußte, daß seine Worte, wie sich auch bald zeigte, Ironie enthielten, und antwortete: »Nein.«

Er fragte nach der Reihe, ob ich erstochen, erschlagen, verbrannt, vergiftet oder erstickt werden wolle, und ich antwortete jedesmal mit einem entschiedenen Nein.

»Er antwortet nur mit Nein; er mag mir aber doch selbst sagen, für welche Todesart er sich entschieden hat!«

»Ich möchte neunmal zehn oder zehnmal zehn Jahre alt werden und dann ruhig einschlafen, um jenseits des Lebens wieder zu erwachen,« sagte ich.

»Das ist der Tod der Feiglinge; Old Shatterhand aber ist eines andern Todes wert. Ein solcher Mann muß jede Art des Todes kennen lernen, eine nach der andern, ohne mit der Wimper zu zucken, und diesen Vorzug, diesen Ruhm soll er bei uns finden. Zunächst werden wir ihm die Hände und Füße zerbrechen, wie er die Hände meines weißen Freundes Melton zerbrochen hat.«

Er sah mich forschend an, um zu beobachten, was diese Ankündigung für einen Eindruck auf mich machen werde.

»Das ist gut!« antwortete ich, indem ich lächelnd nickte.

»Dann werden wir ihm die Muskeln der Arme und Beine durchstechen und ihm die Nägel von den Fingern und Zehen reißen!«

»Darauf freue ich mich!«

»Nachher skalpieren wir ihn bei lebendigem Leibe!«

»Sehr richtig, denn wenn ich tot wäre, würde ich es nicht fühlen.«

»Dazwischen lassen wir die Wunden stets wieder heilen, damit er stark für neue Martern werde.« »Das ist mir lieb, weil ich sonst die neuen vielleicht nicht gut vertragen würde.«

»Spotte nicht! Die Lust zum Spotte wird dir bald vergehen, denn ich sage dir, daß wir dir die Hände abschneiden werden!«

»Alle beide?«

»Ja. Dann schneiden wir dir die Augenlider weg, sodaß du nicht schlafen kannst.« »Weiter!«

»Wir stellen deine Füße in das Feuer, um das Fleisch von den Knochen zu braten. Wir hängen dich an den Beinen auf; wir werfen dich mit Messern; wir -«

»Halt ein!« unterbrach ich ihn, indem ich, um ihn zu ärgern, laut auflachte. »Ihr werdet von alledem nichts, gar nichts machen. Und wenn ihr tausend Krieger zähltet, so wäret ihr doch zu wenig, Old Shatterhand ein Leid zu thun. Dazu gehören ganz andere Leute. Du hast mich vorhin mit dem Frosche verglichen, den wir hörten; ich könnte euch mit noch ganz andern, viel widerwärtigeren Tieren vergleichen, will es aber nicht thun; doch das muß ich euch sagen, daß ihr euch vielmehr vor mir zu fürchten habt, als ich mich vor euch.«

In diesem Augenblicke gab der Mimbrenjoknabe sein drittes Zeichen. Der Häuptling antwortete wütend, da er mir ansah, daß ich nicht im Hohne, sondern in vollstem Ernste, mit voller Ueberzeugung gesprochen hatte:

»Hörst du ihn da drüben wieder quaken? So quakst auch du. Du sollst bald sehen, wer sich zu fürchten hat. Ich werde von jetzt an strenger sein, um dir die Lust zu benehmen, deine Rettung für möglich zu halten. So wahr du die Stimme dieses Frosches hörtest, so wahr bist du verloren!«

»Du irrst, denn so wahr ich sie höre, so wahr ist's, daß ihr mir nichts zu thun vermöget!«

»Wohlan, ich will es dir beweisen. Von jetzt an sollst du stets, wenn du nicht zu Pferde bist, eingebunden werden. Dann siehe zu, wie du zu entkommen vermagst. Bindet seine Hände los und gebt ihm sein Fleisch; dann will ich ihn in die Decke rollen. Von jetzt an werde ich das stets selbst thun, damit diesem Hunde jeder Schein von Hoffnung vergehen möge!«

Er war fast außer sich darüber, daß ich so ruhig blieb und trotz meiner Gefangenschaft seine Uebermacht leugnete. Ich trieb eigentlich, indem ich von meinem Entkommen gesprochen hatte, ein gewagtes Spiel, hatte aber dabei die feste Zuversicht, daß ich die Partie nicht verlieren, sondern gewinnen würde.

Einer der Wächter holte mein Fleisch; die andern nahmen mir die Riemen von den Händen. Der Augenblick des Handelns, der Entscheidung war nahe. Trotzdem war ich innerlich und äußerlich vollständig ruhig. Und das muß so sein. Wer in einem solchen Momente wankt und zittert, der kommt wohl schwerlich glücklich über ihn hinweg.

Man hatte mir meine Portion Magerfleisch in lange, dünne Streifen geschnitten, welche ich mit den Zähnen leicht in Bissen trennen konnte, ohne ein Messer zu brauchen. Das that ich denn auch so langsam und behaglich, als ob ich mit weiter nichts als mit meinem Appetite beschäftigt sei; ich hatte mich dabei in sitzende Stellung aufgerichtet und hielt die Beine und Füße so, daß ich alle Schlingungen der Riemen mit einem einzigen Male erreichen und zerschneiden konnte. Zwei Schnitte hätten wohl schon zuviel Zeit erfordert, obwohl es sich dabei nur um Sekunden handelte. Das Leben hing von halben Momenten ab.

Der Häuptling beobachtete mich mit finsterer Miene. Meine absichtlich zur Schau getragene Behaglichkeit empörte ihn, und er nahm sich gewiß vor, mich nachher durch

äußerst festes Zusammenschnüren meiner Glieder dafür zu bestrafen.

»Mach' schneller!« gebot er mir. »Ich habe keine Zeit, auf dich solange zu warten!«

Um die nötige Zeit zum Vornüberbeugen des Oberkörpers und Hervorholen des Messers zu gewinnen, ließ ich, scheinbar erschrocken über diese ebenso plötzliche wie scharfe Anrede, das Fleisch aus den Händen fallen und bückte mich nieder, um es aufzuheben, wozu ich mich der linken Hand bediente. Während ich mit vollster Sicherheit annehmen konnte, daß dabei die Augen aller auf das Fleisch und meine Linke gerichtet waren, fuhr ich mit der Rechten unter die Weste, indem ich antwortete:

»Schneller? Gut, so soll es sofort geschehen. Paß auf!«

Bei diesen beiden letzten Worten hatte ich auch schon die scharfe Messerklinge zwischen den Füßen an den Riemen; ein Schnitt - ich sprang empor, setzte dem Häuptling meinen rechten Fuß auf die Achsel, sprang über ihn hinweg und rannte fort, der Schlucht entgegen. Ich muß sagen, daß ich, als meine Füße nach dem Sprunge über des Häuptlings Kopf hinweg den Boden berührten, beinahe zusammenstauchte; aber ich mußte weiter, und so ging es auch, denn was man muß, das kann man auch. Indem ich in weiten Sätzen über das Gras flog, herrschte hinter mir zunächst die tiefste Stille, die Stille der Ueberraschung, des Schreckens; man war eben starr und stumm, als das für unmöglich Gehaltene so plötzlich zur Wahrheit wurde; dann aber - ich war vielleicht hundert Schritte weit gekommen - löste sich der Bann, und es erschallte ein Geheul, als ob tausend Teufel hinter mir ihre Stimme erhöben. Ich sah mich natürlich nicht um und rannte weiter; alle meine Kräfte mußte ich gleich jetzt anstrengen, um das Pferd zu erreichen. In meinem Zustande hätte ich einen Dauerlauf nicht zwei Minuten lang ausgehalten.

Da sah ich meinen Mimbrenjo hinter dem Felsen hervortreten. Er hatte sein Gewehr in der Rechten und hielt mir mit der Linken meinen Stutzen entgegen. Er blieb nicht etwa wartend stehen, sondern kam auf mich zugerannt. Noch ehe wir zusammentrafen, rief ich ihm entgegen: