Um dies zu erreichen, mußte ich auf dem Wege nach der Hazienda bleiben, weil sie jedenfalls annahmen, daß ich diesen einschlagen würde. Auch durfte ich nicht zu sehr eilen, denn je näher sie mir blieben, destomehr blieb ihr Eifer wach und destoweniger kamen sie auf den Gedanken, umzukehren oder wenigstens eine Anzahl von ihnen zurückzuschicken. Fand ich dann, was gar nicht unwahrscheinlich war, die Mimbrenjos bei der Lebenseiche auf mich wartend, so konnte ich mit ihrer Hilfe das ganze Corps gefangen nehmen und abermals umkehren, um die geraubten Tiere zu holen und sie ihrem Eigentümer, dem armen Don Timoteo Pruchillo zuzuführen. Daß dieser ohne seine Herden ein armer Teufel war, darüber konnte es keinen Zweifel geben. Seine Häuser waren eingeäschert, seine Wälder und Gärten verbrannt; er besaß nur noch die Wiesen, welche ihm ohne Weidevieh keinen Pfennig einbrachten. Ich hatte ja gehört, daß er jetzt lange nicht mehr so wohlhabend sei, wie er früher gewesen war.
Alle diese Gedanken teilte ich meinem jungen Begleiter mit, indem wir flott unsers Weges dahintrabten. Er widersprach mir nicht, denn er hatte keine Ursache dazu und hätte sich dies auch gar nicht getraut, wenn er doch der Meinung gewesen wäre, mir unrecht geben zu müssen. Er nahm meine Darlegung wie ein Alter mit vollem Verständnisse auf und fragte in seiner ernsten Weise:
»So denkt Old Shatterhand also, daß wir fünfzig Yumas hinter uns her haben werden?«
»Wenigstens vierzig bis fünfzig,« nickte ich.
»So viele werden uns aber nicht gleich folgen können. Der Häuptling lag in Ohnmacht, und die Krieger mußten warten, bis er erwachte, um seine Befehle zu vernehmen.«
»Das ist richtig; aber einige wenige sind uns jedenfalls sofort gefolgt, um unsere Spuren festzuhalten, bis die andern kommen. Ich werde mit ihnen sprechen.«
»Sprechen?« fragte er erstaunt. »Habe ich richtig gehört? Old Shatterhand will wirklich mit diesen Spürhunden, welche ihn mit ihren Zähnen zerreißen wollen, reden? In welch eine Gefahr wirst du dich da begeben!«
»In gar keine. Die Gefahr, in welche du dich begabst, als du mich nach der Zerstörung der Hazienda
aufsuchtest, war viel größer.«
»Es konnte keine Gefahr für mich geben, da ich einen Fehler zu sühnen hatte. Ich wäre in den Tod gegangen, wenn es hätte sein müssen.«
»Das glaube ich dir, nun ich dich näher kennen gelernt habe. Ich habe meine Freiheit nur durch dich wiedererlangt und werde es dir danken.«
»Old Shatterhand ist ein berühmter Krieger; er hätte sich auch ohne mich befreit!«
»Vielleicht, doch nicht so schnell und auf diese Weise, welche mir keine Verwundung und keinen noch so kleinen Verlust gebracht hat. Ist dir die Zeit, während welcher du in den letzten Tagen auf mich wartetest, nicht lang geworden?«
»Keine Zeit, selbst die längste nicht, ist lang, wenn man Geduld hat, und ein Jüngling, welcher ein Krieger werden will, muß sich außer in der Tapferkeit vor allen Dingen auch in der Geduld üben.«
»Aber du konntest nicht schlafen, denn des Tages mußtest du uns folgen, und des Nachts konntest du an jedem Augenblick meine Flucht erwarten!«
»Ein Krieger muß darnach trachten, den Schlaf beherrschen zu können. Uebrigens konnte ich genug schlafen, denn ich legte mich zur Ruhe, wenn ihr aufgebrochen waret, und folgte euch erst nach einigen Stunden. Die Herden zogen so langsam, daß ich sie sehr schnell einzuholen vermochte.«
»Woran dachtest du, daß es lag, als du so vergeblich auf mich warten mußtest?«
»Ich dachte gar nicht, denn ich wußte, Old Shatterhand wird kommen, wenn seine Zeit erschienen ist.«
»Mit deinen Antworten beweisest du, daß du einst nicht nur ein tapferer Krieger, sondern auch ein um- und vorsichtiger Berater in der Versammlung der Häuptlinge und Aeltesten sein wirst. Du wünschest, einen Namen zu haben. Sobald ich mit den deinen zum erstenmale am Feuer sitze, werde ich ihnen sagen, daß du bewiesen hast, wert zu sein, einen Namen zu tragen.«
»Uff, uff!« rief er aus, indem seine Augen glänzten und er sich entzückt im Sattel aufrichtete. »Ja, ich werde ihnen vorschlagen, dir einen zu geben.«
»Wolltest du das? Mein Dank würde so groß sein, wie die Erde ist, und so lange währen, bis ich nicht mehr lebe!«
»Ja, ich habe mir vorgenommen, diesen Antrag zu stellen.«
»Dann werden sie mich fragen, welchen Namen mir der große Manitou zeigte, und welche Medizin ich gefunden habe. Und ich kann ihnen doch keine Antwort geben!«
Wenn ein junger Indianer so herangewachsen und in allem, was er kennen und können muß, so weit herangebildet ist, daß er nun ein Krieger werden will, so hat er zunächst nach einem Namen zu suchen. Er geht also in die Einsamkeit, um zu fasten und über das, was einem Krieger und berühmten Manne zusteht, nachzudenken. Die Einsamkeit, das strenge Fasten, das Grübeln nach berühmten Thaten regen ihn auf; seine Nerven kommen in einen Zustand fieberhafter Thätigkeit oder überirdischen Empfindens, infolgedessen er in Träume oder Hallucinationen fällt. Der erste Gegenstand nun, von dem er träumt oder den ihm eine solche Hallucination zeigt, wird seine »Medizin«, sein Heiligtum fürs ganze Leben. Er bewaffnet sich und zieht fort, um nicht eher zurückzukommen, als bis er den Gegenstand geraubt, erobert, gefunden oder überhaupt erlangt hat. Das Ding, mag es nun groß oder klein sein oder die seltsamste Form und Gestalt haben, wird in Felle genäht und sorgsam verwahrt. Er nimmt es auf seine Kriegszüge mit und hängt es an die
Lanze, welche vor seinem Zelte in der Erde steckt. Diese Medizin ist ihm das Kostbarste, das Heiligste, was er hat; um ihren Besitz kämpft er mit wahrer Verzweiflung und mit Aufbietung aller seiner Kräfte. Darum ist es ein großer Ruhm, die Medizin eines Feindes oder gar mehrerer oder vieler Feinde erobert zu haben. Ebenso groß ist aber auch die Schande, seine Medizin verloren zu haben, ob im Kampfe oder aus irgend einer andern Ursache, das bleibt sich gleich. »Der Mann, der keine Medizin hat«, das ist die tödlichste Beleidigung, welche einem Indianer gesagt werden kann. So ein Verachteter ruht gewiß nicht eher, als bis er die Medizin eines Feindes erobert hat; sie wird dann die seinige, und seine verloren gegangene Ehre ist wieder hergestellt.
Meist nimmt ein junger Mann, sobald er den Gegenstand, von welchem er träumte, also seine Medizin, gefunden hat, den Namen derselben an, weshalb man oft auf die sonderbarsten Namen derselben stößt, z.B. die »tote Spinne«, das »zerrissene Blatt«, der »lange Faden«. Die Betreffenden haben eben, als sie nach Medizin suchten, zuerst von einer toten Spinne, einem zerrissenen Blatte, einem langen Faden geträumt und tragen nun diese Gegenstände als ihre Medizinen mit sich herum. Es kommt aber auch vor, daß, wenn ein junger Mann sich durch eine besondere That auszeichnet, er einen Ehrennamen erhält, welcher an dieselbe erinnert, und ein solcher Name wird viel höher geachtet, als der gewöhnliche Medizinname. Darum antwortete ich auf die letzten Worte meines jungen Begleiters:
»Du brauchst nicht zu antworten, denn die Antwort werde ich ihnen geben, wenn sie so fragen.« »Du?« fragte er, indem seine Wangen sich höher röteten. »Ja, ich, denn ich habe einen Namen für dich.«
Er senkte den Kopf, um sein Entzücken zu beherrschen. Er hätte mich sicher gar zu gern nach diesem Namen gefragt, doch wäre das gegen alle Regeln der Höflichkeit und Bescheidenheit gewesen. Darum fuhr ich, um seine Wißbegierde zu stillen, fort:
»Kannst du dir nicht denken, welchen Namen ich meine?«
»Nein.«
»So sage mir, welches die erste That ist, durch welche du dich ausgezeichnet hast!«