Das kluge Tier lag mit dem Kopfe nach Osten, woher ich die Yumas erwartete. Es hob denselben von Zeit zu Zeit und sog die Luft langsam und prüfend durch die Nüstern ein. Da - wir mochten wohl eine Viertelstunde so gelegen haben, verwandelte sich der erst leise Atemzug des Pferdes plötzlich in ein stärkeres Schnauben; es legte die Ohren vor und gab dem Kopfe jene charakteristische Haltung, welche auf Spannung deutet. Ich legte das meine auf den Boden, konnte aber nichts hören.
Jetzt schnaubte das Pferd lauter, aber nicht ängstlich, wie es beim Nahen eines Raubtieres gethan hätte. Es kamen Menschen. Ich legte die Hand auf die Nase des Pferdes und drückte sie nieder; darauf wußte ich, daß das Tier nun keinen Laut mehr von sich geben und sich auch, selbst falls man schießen sollte, nicht bewegen werde, und das dank der indianischen Dressur, die es von Winnetou erhalten hatte.
Wenn ich von Dunkelheit spreche, meine ich damit natürlich keine ägyptische Finsternis. Man konnte mehrere Schritte weit sehen, und es war nur zu wünschen, daß die Linie, welche die Nahenden inne hielten, nicht etwa geradewegs über meinen Körper führte. Die Befürchtung, welche ich in dieser Beziehung hegte, traf beinahe ein. Ich hörte den dumpfen Schall von vielen Huftritten im Grase; sie kamen näher und näher und, wie es schien gerade auf mich zu. Dann sah ich die dunkle Masse der Reiter und Pferde; ich konnte nicht mehr auf und fort, weil ich gesehen worden wäre. Ich schmiegte mich dicht und lang an mein Pferd und hielt demselben die Nase fest auf die Erde nieder.
Jetzt kamen sie, glücklicherweise doch nicht so nahe, wie ich erst befürchtet hatte. Vielleicht dreißig Schritte entfernt ritt der erste an mir vorüber; ihm folgten die andern, nicht einfach hinter, sondern zu mehreren neben-
nebeneinander reitend. Ich konnte die Gesichter gar nicht und die Gestalten nur undeutlich erkennen, aber die Zahl stimmte ungefähr: es waren die Yumas.
Zuletzt kamen noch zwei Nachzügler, welche sich etwas weiter links hielten, als die andern und mir also weit näher, vielleicht fünfzehn Schritte näher kamen. Die Gestalt meines Pferdes und mein eigener Körper bildeten eine sich von dem kurzen Grase abhebende Masse, welche aus solcher Nähe gesehen werden konnte, ja fast gesehen werden mußte. Und richtig, da geschah es - - die Kerls hielten ihre Pferde an und blickten zu mir herüber. Es mußte etwas geschehen, aber was? Blieb ich ruhig liegen, so kamen sie ganz gewiß herbei. Ich mußte sie erschrecken, sie fortjagen. Da war das mit Winnetou verabredete Zeichen das beste. Freilich, wenn sie mich dann wirklich für einen Kuguar hielten und auf mich schossen! Meine Hoffnung stand aber darauf, daß sie nicht schießen würden, weil der Schall von hier aus leicht zu den Mimbrenjos dringen konnte.
Jetzt wendete der eine schon sein Pferd zu mir herüber. Ich richtete mich halb auf, um mir die Größe des Tieres, dessen Stimme ich nachahmen wollte, zu geben, und brüllte kurz und zornig wie ein Puma, welcher sich verteidigen will. Der Mann ließ einen Ruf des Schreckens hören und riß sein Pferd zurück; als ich dann das Gebrüll wiederholte, machten sich beide schleunigst auf und davon, den andern nach. Gott sei Dank, die verzweifelte List war gelungen! Wie leicht hätte mein Gebrüll alle Yumas zurücklocken können!
Kaum waren sie fort, und ich hatte eben mein Pferd wieder bestiegen, so kam Winnetou geritten.
»Wo?« fragte er kurz.
»Da, vor uns.« »Warum hat mein Bruder zweimal gebrüllt? Einmal genügte.«
»Weil die Yumas mich liegen sahen und ich sie davonscheuchen mußte.«
»Uff! Dann hat Old Shatterhand viel Glück gehabt.«
Nun wurde eine lange Zeit kein Wort gesprochen. Wir ritten schweigend hinter den Roten her. Wir waren zwei Personen, sie aber so viele. Wenn wir uns ihnen so nahe hielten, daß wir sie noch unbestimmt erkennen konnten, vermochten sie uns nicht zu sehen. Unsere Huftritte konnten sie keinesfalls hören.
So ging es zwei Stunden lang am nördlichen Waldesrande hin; dann wurde am westlichen nach Süden umgebogen. Winnetou sprach meine eigenen Gedanken aus, als er jetzt sagte:
»Da sie nicht wissen, wo sich die Mimbrenjos befinden, werden sie nun bald lagern und Späher aussenden.«
»Mein Bruder hat recht. Dann reiten wir schnell voran, um den Kundschaftern zuvorzukommen.«
Bald war bei der geringen Breite des Waldes die südwestliche Ecke desselben erreicht; die Yumas hielten an, und wir thaten natürlich nicht nur dasselbe, sondern ritten, um auch die zufälligste Begegnung zu vermeiden, ein Stück wieder zurück.
»Old Shatterhand mag mein Pferd halten,« meinte dann Winnetou. »Ich muß sehen, wie die Yumas lagern.«
Er stieg ab und huschte fort; ich blieb zurück, vielleicht vierhundert Schritte von den Roten haltend. Hören konnte ich nichts von ihnen, auch nichts sehen, da sie sich wohl hüteten, ein Feuer anzuzünden. Sie ahnten nicht, daß die Mimbrenjos, vor denen sie sich so in acht nahmen, zwei Stunden von ihnen entfernt waren. -
Viertes Kapitel.
Vergeltung.
Winnetou kehrte sehr bald zurück; dennoch hatte er den Lagerplatz genau studiert und dabei beobachtet, daß zwei Kundschafter fortgeschickt worden waren.
»Die fangen wir natürlich?« fragte ich, er aber antwortete nicht, da er es für selbstverständlich hielt, die Leute festzunehmen.
Wir ritten also, um nicht gehört zu werden, erst noch ein Stück vom Walde fort und bogen dann nach der Südseite desselben ein, welcher entlang die Kundschafter kommen mußten. Nach ungefähr einer Viertelstunde lenkten wir dem Walde wieder zu und stiegen, als wir ihn erreichten, ab. Nachdem wir die Pferde angebunden hatten, gingen wir eine kleine Strecke zurück und legten uns an einer geeigneten Stelle nieder. Die zwei Roten mußten aller Voraussetzung nach hier vorüberkommen.
Wenn dies letztere wirklich der Fall war, so konnten sie uns nicht entgehen, denn wir mußten sie sehen, weil es mittlerweile heller geworden war. Der Mond war aufgegangen, doch sahen wir ihn nicht, da er noch hinter dem Walde steckte, welcher seinen Schatten eine Strecke weit über seine Grenze warf.
Wir mochten ungefähr zehn Minuten gewartet haben, als wir von rechts her Schritte hörten. Die Erwarteten kamen, und zwar hielten sie sich so nahe an dem Waldesrande, daß wir ihre Gestalten deutlich sahen, wenn wir ihre Gesichter auch nicht erkennen konnten. Sie gingen hintereinander. Die Figur des vordersten kam mir bekannt vor; sie war höher und breiter als die des andern, der hinter ihm ging.
»Ich den ersten und du den zweiten,« raunte ich Winnetou zu.
Jetzt waren sie da; sie gingen vorüber, langsam und indem sie vorsichtig vor sich hinspähten. Als sie vorbei waren, huschten wir hervor. Ich that zwei, drei schnelle Sprünge, kam an dem hinteren vorüber, den ich dabei niederschlug, um Winnetou leichteres Spiel zu machen, und faßte den vorderen mit beiden Händen um den Hals, stieß ihm das Knie in das Kreuz und riß ihn so hintenüber zu Boden. Als ich dann rasch auf seine Brust kniete und mein Gesicht dem seinigen näher brachte, erkannte ich ihn. Es war der »große Mund«, der Häuptling der Yumas in eigener Person. Er trug die rechte Hand in der Binde und wäre, selbst wenn ich ihn nicht so fest beim Halse gehabt hätte, nicht im stande gewesen, sich mit seinem linken Arme nachdrücklich gegen mich zu wehren.
Ein Blick auf Winnetou zeigte mir, daß diesem der Hieb, den ich dem andern Indianer gegeben hatte, sehr zu statten gekommen war. Er kniete ihm auf dem Rücken, hatte ihm den Lasso abgenommen und band ihm mit demselben die Hände hinten zusammen. Der Rote wehrte sich dagegen mit keiner Bewegung, da er sich in einem Zustande kurzer Betäubung befand. Dann kam Winnetou zu mir, wand dem Häuptlinge, während ich denselben festhielt, den Lasso von den Hüften und fesselte ihn ebenso, wie er seinen Gefährten gebunden hatte. Dabei sah er natürlich auch die Züge des Gefangenen und rief, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, überrascht aus: