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»Uff! Hat mein weißer Bruder gesehen, wen wir da ergriffen haben?«

»Ja,« antwortete ich, indem ich nun den Hals des großen Mundes frei gab. »Wir haben einen guten Fang gemacht.«

Der Genannte bekam jetzt wieder Luft. Er that einen tiefen Atemzug und knirschte, indem er mich aus seinen Augen förmlich anblitzte:

»Old Shatterhand! Hieher kann dich nur der böse Geist geführt haben.«

»Nicht der böse Geist, sondern der Krieger, den du hier bei mir siehst,« antwortete ich, indem ich auf den Apatschen deutete. »Siehe ihn an! Kennst du ihn?«

Eben trat der Mond hinter der Kante des Waldes hervor und warf sein Licht in die Gruppe, welche wir bildeten, wobei er meinen roten Freund hell beleuchtete.

»Winnetou! Uff, uff! Der Häuptling der Apatschen!« stieß der Yuma hervor.

»Ja, Winnetou ist's,« fuhr ich fort. »Du wirst nun wohl einsehen, daß du nicht wieder loskommen kannst. Wer sich in der Gefangenschaft Winnetous befindet, erlangt nur dann die Freiheit, wenn dieser sie ihm freiwillig zurückgiebt.«

»Du irrst,« antwortete er in drohendem Tone. »Ich werde in wenigen Minuten wieder frei sein.« »Wieso?«

»Meine Krieger werden mich befreien. Wir sind ihnen vorangegangen, und sie werden uns gleich nachfolgen. Ihr seid verloren. Wenn ihr uns aber sofort wieder losbindet, bin ich bereit, euch laufen zu lassen.«

»Deine Worte sind die dümmsten, welche du jemals gesprochen hast,« lachte ich. »Ich sage die Wahrheit!« behauptete er.

»Wenn du zu unerfahrenen Männern sprächst, so könnte deine List vielleicht Erfolg haben; da du aber Winnetou und mich vor dir hast, so ist es eine reine Lächerlichkeit, uns auf eine so alberne Weise einschüchtern zu wollen. Haben deine Krieger Pferde oder nicht?«

»Sie haben welche; das weißt du ja auch. Um so schneller werden sie hier sein.«

»Sie haben Pferde, und ihr reitet ihnen nicht, sondern ihr lauft ihnen voran? Der "große Mund" hält uns doch nicht etwa für Kinder! Daß ihr nicht reitet sondern geht, würde uns alles sagen, selbst wenn wir nichts wüßten. Wir wissen aber, daß die Yumas lagern und daß ihr beide gegangen seid, nach mir und den Mimbrenjos zu suchen. Ihr seid Kundschafter, und eure Krieger werden euch nicht nachfolgen, sondern ruhig liegen bleiben, um eure Rückkehr zu erwarten.«

»Du beleidigst mich. Wie kannst du einen Häuptling einen Kundschafter nennen!«

»Wenn er einer ist, warum dann nicht? Die Wiedererlangung meiner Person war dir von solchem Werte, daß du dich selbst aufgemacht hast, nach uns zu suchen.«

»Und ich sage nochmals, daß du dich irrst. Bindet uns los, wo nicht, so werden meine Krieger in wenigen Augenblicken hier sein und uns befreien. Dann kann ich sie nicht hindern, euch zu töten.«

»Wir fürchten euch nicht,« entgegnete Winnetou. »So wie ihr euch jetzt in unserer Gewalt befindet, werden wir auch alle eure Krieger ergreifen.«

»Sie werden sich wehren und euch vernichten,« drohte der große Mund.

»Deine Rede ist leer wie ein Pulverbeutel, in welchem sich kein Körnchen mehr befindet. Ich sage dir, ich, Winnetou, daß du selbst deinen Kriegern den Befehl geben wirst, sich nicht gegen uns zu wehren!«

»Nie!«

»Nie? Schon wenn der Tag graut, wirst du es thun. Ich weiß das so genau, daß ich das, was ich mit meinem Bruder Old Shatterhand jetzt noch zu sprechen habe, nicht heimlich zu ihm sage. Du magst es hören.«

Sich zu mir wendend, fuhr er fort:

»Wer soll mit den beiden Gefangenen zu unsern Freunden reiten, um sie zu holen? Einer von uns muß hier bleiben, um die Yumas zu beobachten und die Umgebung ihres Lagers noch genauer, als wir es vorhin konnten, zu erkundschaften.«

»Winnetou mag bestimmen,« antwortete ich.

»So bleibe ich, und du reitest. Bei eurer Rückkehr wirst du mich an dieser Stelle wiederfinden. Die Gefangenen werden sich auf mein Pferd setzen und sich auf demselben festbinden lassen. Jeden Versuch der Gegenwehr würden wir mit unsern Messern beantworten.«

Ich holte unsere Pferde herbei. Die beiden Yumas sahen ein, daß sie sich fügen mußten. Selbst der Gedanke, um Hilfe zu rufen, konnte ihnen nicht beikommen, da wir soweit entfernt von ihrem Lager waren, daß man selbst das lauteste Gebrüll dort nicht gehört hätte.

Der »große Mund« mußte Winnetous Pferd besteigen und wurde dort festgeschnürt. Der andere stieg hinter ihm auf und wurde mit ihm zusammengebunden. Dann wurden ihre Füße unter dem Bauche des Pferdes mit ihren eigenen Lassos in der Weise festgebunden, daß je ein rechter oder linker Fuß des Häuptlings mit dem linken oder rechten seines Untergebenen zusammengefesselt war. Auf diese Weise war dafür gesorgt, daß sie selbst beim unvorhergesehenen Eintritte des günstigsten Zufalles nicht loskommen konnten. Selbst in dem Falle, daß es ihnen gelungen wäre, ihre Oberkörper und Arme frei zu machen, hätten sie noch unten mit den Füßen in der Weise fest zusammengehangen, daß sie nicht aus dem Sattel und vom Pferde herabkonnten. Ich nahm das Pferd beim Zügel, bestieg das meinige und ritt davon, in östlicher Richtung natürlich, da sich nach dieser die Mimbrenjos befanden.

Da ich keine Zeit verlieren wollte, ritt ich Galopp und konnte das sehr wohl, weil der Mond den Weg, den ich einzuschlagen hatte, beleuchtete. Die Gefangenen verhielten sich lange schweigsam; dann aber konnte der Häuptling die wichtige Frage, welche ihm auf den Lippen lag, nicht länger zurückhalten:

»Wer sind die Männer, zu denen Old Shatterhand reitet?«

»Meine Freunde,« antwortete ich kurz.

»Um das zu wissen, brauchte ich nicht zu fragen. Ich wollte erfahren, ob sie Bleichgesichter oder rote Männer sind.«

»Rote.«

»Von welchem Stamme?« »Mimbrenjos.«

»Uff!« rief er erschrocken aus. »Wurden sie von Winnetou angeführt?« »Nein. Er befindet sich nur als Gast bei ihnen.« »Wer ist denn der Häuptling?«

Es wäre mir sonst gewiß nicht beigekommen, ihm Auskunft zu erteilen; in diesem Falle aber hatte ich Grund, es zu thun, denn ich wußte ja, daß er mit dem »starken Büffel« verfeindet war und der Name desselben ihm also die Hoffnung, welche er vielleicht noch hegte, nehmen mußte. Darum antwortete ich bereitwillig:

»Nalgu Mokaschi.«

»Uff! Der "starke Büffel"! Muß es doch gerade dieser sein!«

»Du erschrickst? Weißt du nicht, daß ein Krieger vor keiner Gefahr und vor keinem Menschen erschrecken darf? «

»Ich erschrecke nicht!« versicherte er in stolzem Tone. »Der "starke Büffel" ist mein ärgster Feind. Wie viele Krieger hat er bei sich?«

»Weit mehr als du.«

»Ich weiß, daß er meinen Tod verlangen wird. Wirst du mich beschützen?«

»Ich? Deine Frage ist die eines Unsinnigen. Du wolltest mich am Marterpfahle sterben lassen, und nun fragst du mich, ob ich dich beschützen werde! Hätte ich mich nicht selbst befreit, du hättest mich auf keinen Fall losgelassen.«

»Nein. Aber ich habe dich gut behandelt. Du hast weder gehungert noch gedürstet, während du dich in meiner Gewalt befandest. Mußt du mir dafür nicht dankbar sein?«

»Wer kann sagen, daß Old Shatterhand jemals undankbar gewesen sei!«

»So rechne auch ich auf deine Dankbarkeit.«