»Das sollst du auch. Ich bin bereit, ganz dasselbe für dich zu thun, was du für mich gethan hast.« »Was meinst du mit diesen Worten?«
»Der "starke Büffel" wird deinen Tod fordern; er wird dich nach den Wigwams der Mimbrenjos schaffen, wo du den Tod am Marterpfahle erleiden wirst.«
»Du wirst das zugeben?«
»Ja. Aber ich werde dafür sorgen, daß du unterwegs gut behandelt wirst und weder Hunger noch Durst zu leiden hast.«
Er fühlte die Ironie, welche in diesen Worten lag, und schwieg. Ich wußte aber, daß dies Schweigen nicht lange dauern werde. Die Indianer Mexikos sind in Beziehung auf ihren Heldenmut nicht mit denen der Vereinigten Staaten zu vergleichen. Ein Apatsche, Comantsche oder gar Dakota hätte es als eine Entehrung seiner selbst gehalten, jetzt überhaupt ein Gespräch mit mir zu beginnen. Er hätte sich schweigend und scheinbar in sein Schicksal ergeben, dabei aber begierig nach jeder Gelegenheit, loszukommen, ausgeschaut. Hätte sich keine solche gefunden, so wäre er in den martervollsten Tod gegangen, ohne ein Wort hören zu lassen oder auch nur eine Miene zu zeigen, aus welcher man seinen glühenden Wunsch nach Freiheit hätte erraten können. So stoisch aber sind die südlichen Indianer nicht; ja, sie geben sich den Anschein oder glauben vielleicht auch, es zu sein, aber wenn der Ernst an sie herantritt, ist es mit der geheuchelten Gleichgültigkeit und Empfindungslosigkeit zu Ende. Der Yumahäuptling wußte, daß er bei dem »starken Büffel« keine Gnade finden werde; er sann auf Rettung und sagte sich schließlich das, was ich voraussah, nämlich daß er sie nur bei mir oder durch mich finden werde. Die Folge davon war, daß er nach einigen Minuten wieder begann:
»Ich habe vernommen, daß Old Shatterhand ein Freund der roten Männer ist?«
»Ich bin ein Freund der Roten und der Weißen, aber ein Feind jedes bösen Menschen, mag die Farbe seines Gesichtes nun hell oder dunkel sein.«
»Hältst du mich für einen bösen Mann?«
»Ja.«
»Aber wenn ich besser würde?«
»Das ist unmöglich, denn du hast keine Zeit dazu. Wer am Marterpfahle gestorben ist, kann sich nicht mehr bessern.«
»So gieb mir Zeit!«
»Warum? Wozu? Mir ist es höchst gleichgültig, ob du dich besserst oder nicht. Wenn du Zeit fändest, dich zu ändern, so könnte es mir keinen Nutzen bringen.«
»So hat man mich falsch berichtet, und das, was ich über euch Christen gehört habe, ist nicht wahr.« »Was hat man dir gesagt?«
»Daß ein Christ, ohne daß er einen Nutzen davon hat, alles thut und das größte Opfer bringt, wenn er dadurch aus einem bösen Manne einen guten machen kann.«
»Das ist freilich wahr; aber ich will dir aufrichtig gestehen, daß ich in diesem Falle ein schlechter Christ bin. Wenn ich etwas für einen Menschen thue, oder gar ein Opfer für ihn bringe, muß ich einen Nutzen davon haben. Indem ich dies sage und darüber nachdenke, fällt mir ein, daß ich doch vielleicht einen Grund finden könnte, mich deiner anzunehmen.«
»So sprich! Teile mir den Grund mit!«
»Ich bin bereit, das Schicksal, welches deiner wartet, möglichst zu erleichtern, werde vielleicht gar für deine Befreiung sprechen, aber ich fordere dafür von dir die Wahrheit.«
»Welche Wahrheit?«
und von der Aufrichtigkeit deiner Antworten wird
»Ich werde dich nach Melton und nach Weller fragen, dein Schicksal abhängen.«
»So frage! Ich bin bereit, dir alles zu sagen.«
»Nicht jetzt, sondern später, denn wir werden gleich am Ziele angekommen sein.«
Es war so, wie ich sagte. Der Galopp der beiden windesschnellen Pferde hatte uns rasch vorwärts gebracht; wir näherten uns der Stelle, an welcher die Mimbrenjos lagerten; ich zügelte darum die Tiere und ritt im Schritte weiter. Bald tauchten mehrere Indianer vor und neben uns auf, welche ihre Gewehre auf uns anlegten und Halt geboten.
»Old Shatterhand!« rief ich ihnen zu. Da senkten sie ihre Waffen und ließen mich vorüber.
Die Mimbrenjos hatten kein Lagerfeuer angezündet und sich in den Schatten des Waldes zurückgezogen. Als sie meine Stimme und meinen Namen hörten, kamen mir, da die Sicherheitsposten stehen bleiben mußten, einige von ihnen entgegen, um mich zu führen, sonst hätte ich die Stelle, an welcher ihr Häuptling saß, nicht so leicht gefunden. Dieser glaubte, als er zwei Pferde erblickte, daß ich mit Winnetou zurückkäme; als ich aber vor ihm anhielt und aus dem
Sattel stieg, sah er zwei fremde Gestalten auf dem andern Pferde sitzen und fragte:
»Du kehrst ohne den Häuptling der Apatschen zurück? Wo ist er, und wer sind die beiden roten Männer, die du mit dir bringst? Warum steigen sie nicht auch ab?«
»Sie können nicht. Es ist hier im Schatten der Bäume dunkel, und so kannst du nicht sehen, daß sie auf das Pferd gebunden sind.«
»Gebunden? So sind es gefangene Yumahunde?« »Ja.«
»Das ist gut! Sie werden die Freiheit niemals wiedersehen, und ich hoffe, daß der räudigste dieser Hunde, der "große Mund", ebenso wie sie in unsere Hände gerät. Nehmt sie herab, und bindet sie an Bäume!«
Er wollte sich nach diesem Befehle von den Ge- Gefangenen ab- und mir wieder zuwenden; da forderte ich ihn auf:
»Du sprichst von dem Häuptlinge der Yuma. Willst du die Gefangenen nicht einmal genauer betrachten!«
Er trat an Winnetous Pferd heran und blickte an der Gestalt des vorderen Reiters empor. Da fuhr er einen Schritt zurück und rief aus:
»Uff! Sehe ich richtig, oder täuscht mich der Schatten, in welchem ich stehe? Ist das der Räudige, mit dessen Namen ich soeben meine Zunge verunreinigt habe?«
»Er ist's.«
»Der "große Mund"! Ihr tapfern Krieger der Mimbrenjos, vernehmt es, daß der "große Mund" gefangen ist!«
»Der "große Mund", der "große Mund"!« ging es durch die Reihen der Roten. Sie drängten sich herbei, um ihn zu sehen, und ihre Lippen überflossen von Schimpfworten und Verwünschungen, welche man zwar hören, aber nicht wiedergeben kann. Sie hätten ihn trotz seiner Bande vom Pferde gerissen, wenn ich sie nicht daran gehindert hätte.
»Zurück!« gebot ich ihnen. »Der Gefangene gehört mir; nicht ihr seid es, sondern ich bin es, der ihn ergriffen hat.«
»Aber du gehörst zu uns,« warf der »starke Büffel« ein; »daher gehört er uns ebenso wie dir. Doch soll ihm jetzt nichts geschehen. Nehmt ihn herab und bindet ihn und den andern an einen Baum. Bewacht ihn aber gut, damit er alle Hoffnung, uns etwa zu entkommen, fahren läßt!«
»Nein,« entgegnete ich. »Nehmt beide herab, aber bindet jeden auf ein anderes Pferd! Wir müssen augenblicklich zu den Yumas aufbrechen, welche dort oben hinter der Ecke des Waldes lagern. Winnetou befindet sich in ihrer Nähe, um sie zu beobachten.«
»Ueberfallen wir sie?«
»Wahrscheinlich nicht. Ich denke, daß ein Kampf gar nicht nötig ist. Ich hatte nicht Zeit, mit Winnetou darüber zu beraten, aber er ist ganz meiner Meinung, daß wir die Feinde gefangen nehmen werden, ohne daß euer oder unser Blut vergossen wird.«
»Desto besser, denn dann werden sie alle am Marterpfahle sterben, und es wird in den Wigwams der Mimbrenjos darüber große Freude und Wonne sein. Habt ihr es gehört, ihr Krieger, Old Shatterhand befiehlt, aufzubrechen!«
Zwei Minuten später saßen sie alle im Sattel, und es ging im Galoppe den Weg zurück, den ich soeben gekommen war. Ich hatte mich bei dem Aufbruche nicht um die Gefangenen gekümmert, konnte aber vollständig überzeugt sein, daß sie sich in mehr als aufmerksamer Obhut befanden. Mit dem »starken Büffel« voranreitend, erzählte ich ihm, was geschehen war.