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»Mein Bruder Old Shatterhand hat sich in großer Gefahr befunden,« sagte er, als ich zu Ende war. »Die Krieger der Mimbrenjos wissen, daß der Puma selbst in der Nacht keinen Reiter angreift; sie hättest du nicht täuschen können. Den Hunden der Yumas aber bist du entgangen, weil ihre Schädel mit verfaultem Grase gefüllt sind. Du meinst also, gerade wie Winnetou, daß wir nicht zu kämpfen brauchen?«

»Ja.«

»Die Yumas sind feige Kröten; aber ihre Zahl ist nicht gering, und so bin ich überzeugt, daß sie sich verteidigen werden.«

»Wer sich verteidigt, ist angegriffen worden; wir werden sie aber gar nicht angreifen.«

»Und dennoch werden sie sich ergeben?«

»Ja.«

»Dann sind sie wert, angespieen und verlacht zu werden. Ich bin alt geworden und habe manches erlebt, was andere nie erfahren; noch nie aber habe ich gesehen, daß jemand sich ergeben hat, ohne dazu gezwungen worden zu sein.«

»Du wirst alles weitere später hören, wenn wir mit Winnetou sprechen. Jetzt wollen wir eilen, zu ihm zu kommen!«

Es ging wie im Fluge am Walde hin, bis wir den Ort erreichten, an welchem ich mich von Winnetou getrennt hatte. Da stand er, auf uns wartend, aufrecht im Mondenscheine, damit wir ihn sogleich sehen möchten. Wir stiegen ab. Die Pferde wurden längs des Waldrandes an die Bäume gebunden; die Gefangenen kamen unter sorgfältige Bewachung, die Roten lagerten sich in den Schatten, und bald herrschte eine solche Stille, daß es wohl nur einem ausgezeichneten Späher der Yumas gelungen wäre, uns hier ausfindig zu machen.

Winnetou, der »starke Büffel« und ich saßen zusammen, um das, was zu geschehen hatte, zu besprechen. Keiner der andern wagte es, uns so nahe zu kommen, daß er unsere Worte, welche übrigens nicht überlaut gesprochen wurden, hören konnte. Der Indianer ist ein freier Krieger und keineswegs in der Weise wie ein Soldat diszipliniert, zeigt aber gegen seinen Anführer eine Achtung, welche nicht geringer ist als diejenige, welche ein General von seinen Untergebenen zu fordern hat.

Der »starke Büffel« war viel älter als Winnetou oder ich, und doch viel ungeduldiger. Wir hatten kaum bei einander Platz genommen, so begann er auch schon:

»Die Hunde der Yumas sind uns in den Weg ge- gelaufen; wir werden uns beeilen, sie nicht in ihre Höhlen und Löcher zurückkehren zu lassen.«

Winnetou antwortete ihm nicht sogleich, und auch ich schwieg. Der Alte war blutgierig, mir aber wäre der Tod so vieler Menschen entsetzlich gewesen. Ich war entschlossen, auf ein gütliches Uebereinkommen zwischen den Mimbrenjos und Yumas hinzuarbeiten, durfte dies aber dem Häuptlinge der ersteren jetzt noch nicht merken lassen; er wäre sonst wohl kopfscheu geworden und im stande gewesen, auf eigene Faust und nach seinem persönlichen Ermessen zu handeln. Wie ich Winnetou kannte, konnte ich überzeugt sein, daß er mit mir wenigstens darin übereinstimmen würde, daß ein Blutvergießen möglichst zu vermeiden sei. Da wir mit der Antwort zögerten, fuhr der »starke Büffel« fort:

»Haben meine beiden Brüder meine Worte gehört? Warum reden sie nicht? Old Shatterhand will nicht kämpfen. Was soll sonst geschehen? Kann etwa Winnetou mir das sagen?«

»Ich kann es sagen,« antwortete der Apatsche.

»Mein Ohr ist offen und begierig, es zu hören.«

»Die Yumas werden sich ergeben, ohne mit uns gekämpft zu haben.«

»Das glaube ich nicht. Wenn sie es thäten, wären sie größere Feiglinge, als ich trotz meiner Verachtung für sie anzunehmen vermag.«

»Kann nicht auch ein tapferer Mann gezwungen sein, sich ohne Kampf zu ergeben? Ein guter Krieger ist nicht nur tapfer, sondern auch vorsichtig, bedachtsam und klug. Wer kann von Winnetou sagen, daß er jemals mutlos oder gar feig gewesen sei? Und doch ist es vorgekommen, daß er sich seinen Gegnern ohne Kampf ergeben hat. Hätte er gekämpft, so wäre er getötet worden, ohne seinen

Feinden schaden zu können. Er gab sich aber gefangen, entfloh später und konnte sich an ihnen rächen und sie bestrafen. Was war nun besser, die blinde Tapferkeit oder die weitsehende Bedachtsamkeit?«

»Die letztere,« war der Mimbrenjo gezwungen, einzugestehen.

»Und hat Old Shatterhand nicht ebenso gehandelt? Als die Yumas ihn ergriffen, hätte er sich solange wehren können, bis er unter ihren Streichen sterben mußte. Er that es aber nicht, sondern ließ sich festnehmen und binden. Sieh ihn an! Ist er nicht frei? Hat er nicht jetzt ihren Häuptling gefangen genommen? Ist er etwa feig gewesen? Nein, sondern nur klug! So werden auch die Yumas handeln, wenn sie einsehen, daß Widerstand vergeblich sein würde.«

»Ist Winnetou im stande, ihnen diese Einsicht zu geben?«

»Ja, wenn die Krieger der Mimbrenjos ihm dabei helfen.«

»So mag er sagen, welche Gedanken er hegt.«

»Wir schließen die Yumas ein. Während Old Shatterhand fort war, habe ich den Platz des Lagers genau betrachtet. Die Yumas sind sehr müde; sie schlafen am Waldesrande im Grase; sie verlassen sich auf ihre beiden Kundschafter und haben keine Wachen ausgestellt. Nur bei den Pferden, welche in der Nähe grasen, befinden sich zwei Krieger, welche aufzupassen haben, daß die Tiere sich nicht zu weit entfernen. Ist es da nicht leicht, die Schläfer einzuschließen?«

»Von der Seite des Waldes ist es leicht, nicht aber von der andern. Im Walde ist es dunkel; da kann man sich heranschleichen und festsetzen, ohne bemerkt zu werden. Draußen aber ist es hell; weil der Mond scheint. Die

Leute, welche bei den Pferden sind, würden uns kommen sehen und Lärm machen.«

»Ja, der Mond scheint hell, aber die Augen des "starken Büffels" sehen dennoch das Richtige nicht. Die Yumas können unsere Annäherung unmöglich bemerken. Wir lassen die Pferde zurück und schleichen uns zu Fuße so nahe heran, wie es möglich ist. Wenn wir draußen im Grase auf dem Bauche kriechen, wird uns niemand sehen.«

»Uff! Wenn Winnetou es so meint, so kann ich ihm nicht unrecht geben. Aber was soll geschehen, wenn wir sie umzingelt haben?«

»Wir fordern sie auf, die Waffen zu strecken.« »Und mein Bruder glaubt wirklich, daß sie das thun werden?«

Der »starke Büffel« sprach diese Frage mit einem nicht ganz unterdrückten Lachen aus. Winnetou antwortete in seiner ruhigen Weise:

»Ich glaube es nicht nur, sondern ich bin überzeugt davon.«

»So will ich dem Häuptlinge der Apatschen sagen, was geschehen wird. Die Yumas werden zwar sehen, daß sie eingeschlossen sind, aber sie werden sich durchschlagen, was ihnen leicht werden wird.«

»So mag der "starke Büffel" sagen, inwiefern es ihnen so leicht sein wird! Können sie nach dem Walde hin entkommen?«

»Nein, denn dort stecken unsere Krieger im Schutze der Bäume und jeder von ihnen kann zehn Feinde töten, ehe der elfte an ihn kommt. Sie müssen also nach der andern Seite.«

»Aber dort befinden sich doch auch Krieger von uns!«

»Das thut nichts, denn diese werden zwar einige

Yumas töten, die andern aber entkommen lassen müssen. Selbst der beste Läufer kann keinen Reiter ereilen.«

»Uff! So denkt der "starke Büffel", daß die Yumas reiten werden?«

»Ja. Sobald sie sich eingeschlossen sehen, werden sie sich auf ihre Pferde werfen und nach der Ebene hinaus durchbrechen.«

»Aber sie werden keine Pferde haben,« behauptete Winnetou mit der ihm so eigenen Sicherheit.

Da begann es im Kopfe des starken Büffels zu dämmern. Er ließ den Atem wie einen leisen, verwunderten Pfiff über seine Lippen gehen und fragte: