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»Will Winnetou ihnen die Pferde wegnehmen lassen? Das wird schwer, sehr schwer sein!«

»Es ist so leicht, daß ein Kind es auszuführen vermag. Haben die Yumas keine Pferde, so können sie nicht durchbrechen. Sie werden es zwar versuchen, jeden Versuch aber mit Blut bezahlen.«

»So machen sie keinen Versuch mehr, ergeben sich aber auch nicht. Was gedenkt Winnetou dann zu thun?«

»Sie aufzufordern, ihre Waffen abzuliefern. Der "große Mund" wird seinen Leuten befehlen, sich zu ergeben.«

»Willst du ihn dadurch, daß du ihm sonst mit dem Tode drohst, zu dem Befehle zwingen?« »Das können wir versuchen.«

»Es wird nicht gelingen, obgleich er ein Feigling ist. Er weiß, daß wir ihn nicht so schnell töten, sondern mit uns nehmen werden, um ihn am Pfahle sterben zu lassen. Er wird sich einbilden, uns unterwegs entkommen zu können.« »Mein roter Bruder giebt ihm so kurze Gedanken, wie er wirklich nicht besitzt. Wird der "große Mund" wirklich alle seine Krieger von uns erschießen lassen, um allein von uns fortgeschleppt zu werden? Oder wird es ihm nicht lieber sein, wenn sich auch seine Männer als Gefangene bei ihm befinden? Sind sie bei ihm, so ist die Flucht viel leichter, als wenn er allein ist.«

»Aber auch unsere Aufmerksamkeit wird größer sein. Wäre die Flucht ihm nicht nur möglich, sondern gewiß, so würde ich glauben, daß er sich den Schein aneignete, auf unsere Forderung einzugehen.«

»So ist es ja nur nötig, ihm diese Sicherheit zu geben und ich kenne einen, dem das sehr leicht fallen würde; Old Shatterhand ist es.«

»Old Shatterhand, mein weißer Bruder? Wie sollte er es anfangen, dem "großen Munde" weiß zu machen, daß er entkommen wird, wenn er sich uns mit allen seinen Kriegern ergiebt, aber sterben muß, wenn er sich dessen weigert?«

»Frage ihn selbst! Während ich jetzt mir dir redete, hat er darüber nachgedacht. Er weiß, daß der "große Mund" ihn betrügen will, und daß es darum sehr leicht sein wird, ihn selbst zu betrügen.«

Es war wirklich bewundernswert, wie Winnetou meine Gedanken zu erraten vermochte. Ich hatte ihm nicht die geringste Andeutung gemacht, auch wußte er nicht, was ich unterwegs mit dem "großen Munde" geredet hatte, und doch sprach er mit einer Sicherheit von meinen Gedanken, als ob sie die seinigen seien.

»Hat Winnetou recht gesprochen?« fragte mich der Mimbrenjo.

»Ja,« antwortete ich. »Der "große Mund" wird seine Leute auffordern, sich uns zu ergeben.« »Und du, du willst ihn dazu vermögen?«

»Ja, durch Gegenlist, da er die Absicht haben wird, mich zu überlisten. Ich verspreche ihm, ihn und seine Leute heimlich freizulassen.«

»Er wird es nicht glauben.«

»Er wird es glauben, denn er weiß, daß Old Shatterhand noch nie ein Versprechen gebrochen hat.«

»Aber dieses müßtest du ja brechen und zum Lügner werden! Oder wolltest du dein Versprechen halten und ihn und seine Leute gegen unsern Willen fliehen lassen?«

»Ja.«

»Und dazu soll ich dir die Hand reichen! Bist du aus meinem Freunde und Bruder mein Feind geworden?« »Nein, denn ich werde die Yumas und ihren Häuptling nicht entkommen lassen.«

»Und soeben hast du das Gegenteil behauptet! Ich habe nicht gewußt, daß dein Mund zwei Zungen hat. Welcher soll ich glauben?«

»Ich habe nur eine Zunge, und dieser mußt du glauben.«

»Aber sie spricht bald schwarz und bald weiß!«

»Sie spricht die Wahrheit, weiter nichts. Was ich dir sage, ist wahr, und was ich dem "großen Munde" sagen werde, ist auch wahr. Die Hauptsache aber ist die, daß er sich selbst überlisten wird. Ich werde ihm die Freiheit versprechen und die Erfüllung dieses Versprechens an eine Bedingung knüpfen. Er wird zum Scheine auf die Bedingung eingehen, sie aber nicht erfüllen; dann bin ich meines Wortes entbunden und brauche ihn nicht freizulassen.«

»Weißt du denn genau, daß er sein Versprechen nicht erfüllen wird?« »Ja.«

»Welches Versprechen ist es?«

»Mir der Wahrheit gemäß zu sagen, wie und warum der Ueberfall der Hazienda del Arroyo zustande gekommen ist. Er wird versprechen, es mir zu sagen, aber sein Wort nicht halten. Den Schein wird er sich freilich geben. Er wird mir eine Erzählung liefern, welche aber nicht die Wahrheit enthält. Uebrigens ist es nicht nötig, schon jetzt davon zu sprechen. Es genügt, daß ich weiß, was geschehen wird und was ich zu thun und zu sagen habe. Mein Freund Winnetou hat mit seinem scharfen Blicke meine Gedanken gesehen, und ebenso habe ich gesehen, daß sein Plan der allein richtige ist. Laßt uns keine Zeit verlieren, ihn auszuführen! Mitternacht ist schon vorüber, und noch bevor der Morgen graut, müssen die Yumas umzingelt sein.«

»Ihr habt gesprochen, und es ist euer Wille, also mag es geschehen. Winnetou und Old Shatterhand wissen stets, was sie thun, und so will ich nicht dagegen sein, obgleich ich es nicht ganz zu begreifen vermag. Howgh!«

Howgh ist das Wort der Bekräftigung, der Besiegelung. Ist es ausgesprochen worden, so gilt die Angelegenheit als entschieden und ist nicht mehr zu ändern.

Nun wurden die nötigen Vorkehrungen getroffen. Fünf Mann sollten hier auf dieser Stelle mit den beiden Gefangenen zurückbleiben und ein scharfes Auge auf dieselben haben. Sie erhielten den Befehl, sie gegebenenfalls lieber zu töten, als sie entkommen zu lassen. Sechzig Rote sollten sich hinter dem Lagerplatz der Yumas in die Büsche schleichen und keinen von ihnen hindurchlassen. Die übrigen mußten hinaus in die Ebene, um von dieser Seite her den Ring um das Lager so eng wie möglich zu schließen. Im Walde sollte Winnetou befehligen, während draußen auf der Prairie der "starke Büffel" das Kommando zu führen hatte. Alles übrige blieb mir überlassen. Das schien nicht viel zu sein und konnte doch höchst wichtig werden, da der geringste Zufall, den ich nicht zu beherrschen vermochte, alles verderben konnte.

Zunächst galt es, die sechzig unbemerkt hinter das Lager zu bringen. Das war Winnetous Sache, der sich an ihre Spitze setzte, um sie zu führen. Bevor er aber ging, forderte er mich auf:

»Mein Bruder mag mich begleiten, da ich am liebsten mit ihm zu den Pferden gehe. Nähme ich einen andern mit, so müßte ich die Wächter töten.«

Das war mir lieb, und so schloß ich mich ihm an. Es war eigentlich ein Spaß, die zwei bei den Pferden befindlichen Yumas zu überwältigen, mußte aber doch mit großer Vorsicht gethan werden, weil das geringste verdächtige Geräusch uns verraten und die Ausführung unsers ganzen Planes zunichte machen konnte.

Wir schritten am Rande des Waldes hin, bis wir uns nahe an der Ecke desselben befanden; da wurde zwischen die Bäume eingedrungen und nun mit der allergrößten Bedachtsamkeit weitergegangen. Wir befanden uns jetzt an der westlichen Seite des Waldes und kamen bald an die Stelle, wo draußen am Rande die Yumas lagen. Indem wir nun noch langsamer als bisher vordrangen, ließ Winnetou in kurzen Zwischenräumen je einen Mann zurück. Als der letzte von ihnen seinen Platz erhalten hatte, bildeten die sechzig Mimbrenjos einen Bogen im Walde um das vor demselben liegende Lager, und jeder einzelne nistete sich an seinem Platze so ein, daß er möglichst wenig zu sehen war und doch das Lager scharf beobachten konnte. Ihre Verhaltungsmaßregeln hatten sie vorher erhalten.

Nun stand ich mit Winnetou allein unter den ersten Bäumen und konnte das Lager übersehen. Auf dieser Seite gab es keinen Mondschein; es war darum dunkler als da, wo wir gelagert hatten, doch konnten wir fast jeden einzelnen Roten liegen sehen.