Er schwieg. Was hätte er mir auch entgegnen können! Ich aber fügte noch hinzu, um ihn ganz niederzudrücken: »Was ihr verübtet, das war, vom Raube ganz abgesehen, der reine Mord; aber wenn wir euch töten, so ist es nicht Mord, nicht einmal Totschlag, sondern eine ganz gerechte Belohnung oder Bestrafung eurer Missethaten. Kannst du vielleicht ein einziges Wort dagegen vorbringen?«
Er sagte nichts, und so schwieg auch ich. Der Mond stand jetzt im Zenith und übergoß auch das Lager der Yumas mit silbernem Lichte. Man sah von da aus, wo wir standen, ihre Gestalten liegen. Der Häuptling blickte mit ängstlich forschenden Augen bald nach rechts, nach links, bald geradeaus. Er strengte alle sein Gedanken an, einen Ausweg zu finden; er forschte nach, ob es eine Rettung für ihn und seine Leute gebe; ich unterbrach sein Grübeln nicht, denn dieses mußte ihn dahinführen, wohin ich ihn haben wollte. Da sah ich, daß er plötzlich den Kopf höher streckte.
»Uff! Jetzt, jetzt!« rief er aus.
Ich folgte mit meinem Blicke der Richtung seiner Augen, welche nach dem Lager ging, und sah, daß dort ein Yuma aufgestanden war und sich umschaute. Er sah die Pferde nicht da, wo sie sich eigentlich befinden sollten, sondern weit entfernt. Er sah auch unsere Pferde. Obgleich dieselben einzeln standen und einen Halbkreis bildeten, dessen Regelmäßigkeit auffallen mußte, schien er doch keinen Verdacht zu schöpfen, sondern sie für Yumapferde zu halten, denn er weckte niemand, sondern verließ das Lager nach der Richtung hin, wo sich der größte Trupp der Pferde jetzt befand. Er glaubte die beiden Wächter dort und wollte sie auf ihre Achtlosigkeit aufmerksam machen.
»Er ist verloren!« stieß der Häuptling hervor. »Sogleich wird ein Schuß fallen und ihn niederstrecken!« »Nein,« entgegnete ich. »Er wird nicht getötet werden.« »So meinst du, daß man ihn hindurchlassen wird?«
»Man wird ihn gefangen nehmen, wie ich dich gefangen genommen habe.« »So wird er sich wehren und Lärm machen!«
»Dazu kommt er nicht. Du weißt doch, wo Winnetou steht. Der Yuma muß nahe an ihm vorbei, wenn er seine jetzige Richtung beibehält, und der Apatsche wird ihn so von hinten nehmen, wie ich es mit dir gemacht habe. Paß auf!«
Es geschah so, wie ich gesagt hatte. Der Yuma ging unbefangen weiter; dann sahen wir hinter ihm den Apatschen blitzschnell auftauchen; ebenso schnell waren beide verschwunden; sie lagen im Grase, wo wir sie nicht sehen konnten. Kurze Zeit später aber erhob sich Winnetou wieder; er hatte den Yuma gepackt und verschwand mit ihm unter den Bäumen.
»Er hat ihn, er hat ihn überwältigt!« zürnte der große Mund.
»Und zwar ganz im stillen, ohne daß deine Leute etwas bemerkt haben! Du siehst, wie vortrefflich auf unserer Seite gearbeitet wird. Und doch wäre es mir lieber, wenn der Mann Zeit gefunden hätte, Lärm zu machen.«
»Warum?«
»Weil wir uns dann jetzt schon in der Entscheidung befänden. Wozu das lange Harren und Warten! Ich werde das Zeichen zum Angriffe geben.«
Ich hielt zwei Finger an den Mund, als ob ich pfeifen wolle; da bat er rasch, so rasch er nur konnte: »Halt! Thue es noch nicht! Warte noch ein wenig!« »Wozu? Das Verhängnis ist doch nicht von euch abzuwenden.«
»Vielleicht doch! Du hast ja selbst davon gesprochen, als wir uns unterwegs zu den Mimbrenjos befanden.« »Ich entsinne mich nicht.«
Ich stellte mich natürlich nur so, um seine Besorgnis zu steigern. Er fuhr dringend fort: »Du kannst es doch nicht vergessen haben; du mußt dich darauf besinnen!« »Was hätte ich denn gesagt?« »Du verlangtest die Wahrheit von mir!«
»Die Wahrheit? Ah so! Aber wenn ich sie finde, so kann das niemand retten, weil du das nicht thun wirst, was ich von dir verlange.«
»Was ist das?«
»Deine Krieger auffordern, die Waffen zu strecken und sicb zu ergeben.«
Er blickte beschämt zu Boden. Ich steigerte mit Absicht seine Verlegenheit, indem ich hinzufügte:
»Es wurde dir ins Gesicht behauptet, daß du schon beim Morgengrauen dazu bereit sein würdest; du aber verlachtest uns. Jetzt graut der Tag noch nicht, und schon hat dein Sinn sich geändert. Darum kann ich an diese Aenderung unmöglich glauben; ich traue dir nicht; ich vermute eine List dahinter und werde das Zeichen geben; der Kampf mag beginnen.«
»Warte noch, warte noch, und höre, was ich dir zu sagen habe!«
»So sprich, aber schnell! Ich habe keine Lust, die Zeit unnütz zu verschwenden.«
»Ist die Möglichkeit vorhanden, daß meine Krieger geschont werden und, wenn sie sich gefangen geben, die Freiheit wieder erlangen?«
»Ich sage nur: vielleicht.«
»Und daß auch ich mein Leben behalte und wieder freigelassen werde?«
»Das ist weit schwieriger. Deine Leute sind weniger schuldig, als du. Deine Missethaten sind so groß und schwer, daß es eines ganz außergewöhnlichen Grundes bedürfte, deine Rettung zu ermöglichen. Der "starke Büffel" aber wird dich auf keinen Fall und aus keiner Ursache begnadigen. An ihn dürftest du dich nicht wenden.«
»Aber an dich und Winnetou?« »Immer nur vielleicht.«
»Vielleicht und nur vielleicht! Mach es kurz, und spanne mich nicht auf die Folter! Wenn du das Wort
"vielleicht" aussprichst, mußt du doch eine Möglichkeit im Sinne haben!«
»Das ist freilich wahr. Ich will ganz genau und der strengen Wahrheit gemäß wissen, wie du mit den beiden Bleichgesichtern, welche Melton und Weller heißen, bekannt geworden bist, warum du auf ihre Veranlassung hin die Hazienda del Arroyo überfallen hast, und welche Absichten sie in Beziehung auf die weißen Auswanderer verfolgen. Bist du bereit, mir dies alles zu sagen?«
»Bist du bereit, mich dafür zu retten?«
»Wenn es mir möglich ist, ja.«
»So werde ich dir sagen, was du wissen willst.«
»Gut! Ich werde dir also jetzt meine Fragen vorlegen, welche du mir streng der Wahrheit gemäß zu beantworten hast, und dann - - -«
»Jetzt nicht, jetzt nicht!« fiel er mir eifrig in die Rede. »Jetzt ist keine Zeit dazu. Erwacht wieder einer meiner Krieger, so steht nicht zu erwarten, daß er wieder so ruhig ergriffen wird. Wenn er Lärm macht, erwachen die andern, und dann schießen eure Krieger.«
»Das ist wohl richtig!«
»Und wenn die Mimbrenjos einmal Blut gesehen haben, dann wird es dir viel schwerer als jetzt, ja vielleicht unmöglich werden, uns zu retten!«
»Davon bin auch ich überzeugt,« meinte ich sehr kaltblütig.
»Darum eile! Verhüte vor allen Dingen das Blutvergießen! Dann werde ich dir alles sagen. Ich schwöre es dir!«
»Deinem Schwur kann ich nur dann Glauben schenken, wenn du ihn mit der Friedenspfeife besiegelst.« »Dazu haben wir ja keine Zeit! Die Friedenspfeife können wir später rauchen.«
»Sehr wohl; aber ich kann dir nur schwer trauen. Bedenke, wie schwer mir deine Rettung fallen wird, da der "starke Büffel" sich mit allen Kräften dagegen stemmen wird!«
»Er braucht ja nichts davon zu wissen, indem du uns des Nachts die Banden zerschneidest.«
»Hm! Vielleicht würde ich es thun, weil ich als Christ den Tod selbst meines grimmigsten Feindes am Marterpfahle verabscheue.«