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»Das wird sich gleich zeigen. Komm, laß uns sehen!«

Wir begaben uns an Ort und Stelle, wo ich den Yuma untersuchte. Er war bei voller Besinnung. Die Hiebe hatten ihn nur für einige Augenblicke betäubt, während welcher Zeit er gebunden worden war. Um Hilfe hatte er dann nicht gerufen, weil er nicht wußte, wie viele Gegner er vor sich hatte, und sich dagegen wohl sagte, daß er zu entfernt von seinen Kameraden liege, als daß dieselben sein Rufen hören könnten. Was er besaß, war natürlich Beute seines Besiegers, doch war die Beute eine sehr geringe. Seine Taschen befanden sich in dem Zustande vollständigster Leere, und bewaffnet war er nur mit einem Messer und einem Bogen mit Köcher, in welch letzterem sich drei oder vier schlechte Pfeile befanden. Ich hätte meinem kleinen Helden eine reichere Beute gegönnt, denn bei den Roten heißt es, je mehr Beute desto größer die Heldenthat.

Unsere Rekognoscierung hatte einen günstigen Verlauf genommen und ein ebenso günstiges Ergebnis gehabt. Wir mußten nun zurückkehren und den Gefangenen mitnehmen, da wir ihn nicht liegen lassen durften. Es war mit Sicherheit anzunehmen, daß er abgelöst würde, und bevor das geschah, mußten wir wieder hier sein, um seinen Nachfolger zu empfangen, von welchem leicht zu denken war, daß er beim Nichtantreffen seines Vorgängers Lärm schlagen werde. Ich fragte darum den Yuma: »Höre auf meine Stimme! Kennst du mich?«

»Old Shatterhand!« antwortete er im Tone des Schreckens. »Ja, ich kenne dich!«

»Wenn dir dein Leben lieb ist, so sprich nicht laut, und antworte mir auf meine Fragen die Wahrheit! Sind, seit ich fort bin, noch mehr Yumas zu euch gestoßen?«

»Nein.«

»Ist etwas Wichtiges passiert?« »Nein.«

»Wann wirst du abgelöst?«

»Zweimal nach der Zeit, welche die Bleichgesichter eine Stunde nennen.«

»Du wirst jetzt mit uns kommen. Damit du gehen kannst, werde ich dir die Füße freigeben. Machst du Miene, uns zu entlaufen, so steche ich dich auf der Stelle nieder!«

Ich löste ihm den Lasso von den Beinen, schnürte ihm die Arme an den Leib und band ihn dann mit mir zusammen, sodaß ich ihn sicher hatte. Dann gingen wir trotz der Dunkelheit viel schneller zurück, als wir am Tage hergekommen waren, weil wir da langsam hatten gehen müssen, um vorsichtig nach Indianern auszuschauen.

Als ich Winnetou gemeldet hatte, in welcher Weise die Yumas von uns gesehen worden waren, meinte er: »Es wird ein Leichtes sein, sie zu ergreifen, nur dürfen wir die Gefangenen nicht mitnehmen, weil diese

uns verraten könnten. Was meint mein Bruder Shatterhand, wie viele Mimbrenjos werden genügen, die Feinde so zu überfallen, daß kein einziger von ihnen entkommt?«

»Die Hälfte ist mehr als genug, doch ist es besser, einige mehr als weniger, da man immer mit Zufälligkeiten rechnen muß.«

»Und die andere Hälfte genügt, die Gefangenen hier zu bewachen?« »Ja.«

»Wer soll diese befehligen?«

»Der "starke Büffel", denn Winnetou und ich müssen bei dem Ueberfalle zugegen sein. Es ist sogar notwendig, daß wir beide die Yumas erst umschleichen, um zu erfahren, wie sie lagern oder sich aufgestellt haben. Das müssen wir beide selbst thun, weil es schwierig ist, da sie keine Feuer brennen haben.«

»Lieber möchte ich den "starken Büffel" bei mir behalten, weil ich ihm nicht so wie früher zutraue, vorsichtig und bedachtsam zu sein. Seit dem Zweikampfe mit meinem Bruder Shatterhand ist er ein anderer Mann geworden. Sein Auge ist nur nach innen gerichtet und hat keine Aufmerksamkeit mehr für das, was um ihn vorgeht.«

»Das hindert nicht, ihm die Aufsicht über die Gefangenen zu übergeben. Er hat sich nicht um sie gekümmert, weil es nicht nötig war; nun aber wird er achtsam sein. Gerade der Zweikampf war eine Folge seines Hasses gegen die Yumas. Er glaubte, ich wolle sie oder zunächst ihren Häuptling entkommen lassen. Er will sie am Marterpfahle sterben lassen und wird gewiß keinen Fehler begehen, infolgedessen auch nur einer von ihnen zu entfliehen vermag. Ich werde mit ihm sprechen.«

Der »starke Büffel« hatte mein Gespräch mit Winnetou nicht gehört, weil er sich nicht nahe bei uns befand. Ich ging zu ihm und nahm seinen Sohn mit dem Gefangenen mit.

»Warum sitzt der Häuptling der Mimbrenjos nicht bei Winnetou?« fragte ich ihn. »Winnetou hat ihm Wichtiges mitzuteilen.«

»Was kann es Wichtigeres für mich geben, als mein Ruhm, welcher verloren ging!« antwortete er düster. »Ist der Ruhm deiner Söhne für dich nicht ebenso wichtig, wie der deinige?« »Sprichst du vom Yumatöter?« »Nein, von dem jüngern Sohne.«

»Der hat weder Namen noch Ruhm; an ihn habe ich nicht zu denken.«

»Du irrst. Er wird ein berühmter Krieger werden. Er hat mir den Beweis geliefert.«

»Weil er mit dir gegangen ist? Zu sehen, ob die Yumas sich in der Schlucht befinden, das ist kein Heldenstück. Einen Feind ausspähen, das kann jeder Mimbrenjoknabe.«

»Aber einen Feind niederschlagen und gefangen nehmen, kann das auch jeder eurer Knaben? Der deinige hat es gethan. Hier vor dir steht der Yuma, welchen er gefangen hat.«

»Rede die Wahrheit! Du selbst hast ihn gefangen und dann meinem Knaben geschenkt, wie du demselben

auch schon mein Leben geschenkt hast.«

»Nein. Er hat es gethan, er allein. Ich ging fort; er lauerte dem Yuma auf, schlug ihn nieder und band ihn mit dem Lasso. Als ich wiederkam, war alles geschehen, sodaß ich nichts mehr dabei zu thun hatte.«

Da ging dem Alten doch das Herz auf. Er erhob sich, legte seinem zweiten Sohne die Hand auf das Haupt und sprach:

»Du bist mein jüngerer Sohn, brauchst aber deinen älteren Bruder nicht um seinen Namen und seine Tapferkeit zu beneiden, denn Old Shatterhand ist bei uns und wird dir die Wege zeigen, auf denen du auch einen solchen Namen zu erlangen vermagst. Der Gefangene ist dein und wird am Marterpfahle von dir den Todesstreich erhalten.«

»Sorge dafür, daß sie alle auch wirklich an den Marterpfahl kommen,« bedeutete ich ihm. »Wir müssen die Gefangenen jetzt deiner Aufsicht übergeben, und lassen dazu die Hälfte deiner Krieger bei dir zurück.«

»Mit der andern Hälfte wollet ihr die andern Yumas fangen? Und ich soll hier bleiben und nicht mit euch gehen? Warum wollet ihr mich nicht mitnehmen?«

»Weil einer von uns dreien, du, Winnetou und ich, hier bleiben muß und wir wissen, daß deine Wachsamkeit größer als die unserige ist. Die Gefangenen gehören dir, also mußt du sie auch bewachen.«

»Mein weißer Bruder hat recht. Solange ich hier bin, wird es keinem der Hunde gelingen, uns zu entkommen. Ihr könnt ohne Sorge gehen.«

»Das thun wir auch. Halte dich bereit, uns nachzukommen, sobald wir dir einen Boten senden!«

Nun wurden diejenigen, welche uns begleiten sollten, bestimmt; dann stiegen wir zu Pferde und ritten, bis wir am Ausgange der Schlucht angekommen waren, wo wir abstiegen und die Pferde einigen Wächtern übergaben.

Geritten waren wir, um schneller anzukommen, sonst wäre die Ablösung vor uns dagewesen, hätte den Posten vermißt und Lärm geschlagen. Die Ankunft der Ablösung mußte nun jeden Augenblick erfolgen. Da der Mann die Pferde vielleicht hören konnte, ging ich ihm mit Winnetou entgegen. Die Richtung wußte ich ja. Einige hundert Schritte von der Schlucht blieben wir stehen, um zu warten. Es dauerte kaum zwei Minuten, so hörten wir ihn kommen. Wir gingen auseinander, ich nach links, Winnetou nach rechts, und als der Yuma zwischen uns hindurch wollte, wurde er von beiden Seiten gepackt und in die Schlucht zu den Wächtern der Pferde geschafft.