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Darauf ging ich mit Winnetou, die Yumas zu beschleichen. Sie hatten noch immer keine Feuer brennen; dennoch waren wir schon nach einer halben Stunde wieder zurück, um unsere Leute zu holen und ihnen ihre Anweisungen zu geben. Die Feinde hatten es uns leicht gemacht. Sie saßen alle in der ungefähren Mitte ihres jetzigen Weideplatzes beisammen, und nur vier von ihnen patrouillierten außerhalb des Platzes hin und her, um die Tiere zusammenzuhalten. Wenn es uns gelang, die vier ohne Lärm aufzuheben, so konnten wir die andern leicht umzingeln, so daß sie sich ohne Gegenwehr ergeben mußten. Im andern Falle aber waren wir gezwungen, auf sie zu schießen.

Glücklicherweise stellte sich heraus, daß dies nicht notwendig war. Die vier wurden unschwer überwältigt; einem von ihnen teilte ich alles mit, was geschehen war und schickte ihn, als wir die andern umzingelt hatten, zu diesen, um ihnen den Stand der Dinge klar zu machen und ihnen zu sagen, daß wir nur zehn Minuten auf ihren Entschluß, sich zu ergeben, warten, im Weigerungsfalle aber dann auf sie schießen würden. Sie waren so klug oder auch so feig, die zehn Minuten gar nicht verstreichen zu lassen, bevor sie sich uns auslieferten.

Nun wurden zunächst einige Feuer angebrannt und die Pferde herbeigeholt; dann schickten wir dem »starken Büffel« einen Boten, um ihm sagen zu lassen, daß er mit seinen andern Mimbrenjos und den Gefangenen kommen solle. Als dies geschehen war, entwickelte sich ein sehr reges Lagerleben. Wir betrachteten das geraubte Vieh als Eigentum des Haziendero, nahmen uns aber dennoch die Freiheit, einige Stücke davon zu schlachten, um Fleisch zu haben. Das kleine Opfer konnten wir verlangen, da wir gesonnen waren, ihm den Raub zurückzubringen. Zwischen mir und Winnetou wurde beschlossen, gleich morgen mit den Herden nach der Hazienda aufzubrechen. Als wir dies dem Häuptlinge der Mimbrenjos sagten, fragte er:

»Was soll indessen mit den Gefangenen geschehen?«

»Sie sind dein. Mache mit ihnen, was du willst,« antwortete Winnetou.

»So werde ich sie sofort nach den Weideplätzen meines Stammes bringen, wo wir über sie Gericht halten werden.«

»Dazu brauchst du Leute; ich aber kann doch mit Old Shatterhand die Herden nicht allein nach der Hazienda treiben!«

»Ich werde euch fünfzig Männer mitgeben, welche euch helfen.«

Das hatten wir erwartet und nahmen das Anerbieten natürlich augenblicklich an. Für mich galt es nun, mit dem »großen Munde« zu sprechen, um das Nötige über den Mormonen und seine Absichten zu erfahren. Ich war freilich überzeugt, daß er sich hüten werde, mir die Wahrheit zu sagen, hoffte aber, indirekt wenigstens soviel zu erfahren, daß ich das übrige durch Schlüsse zu ergänzen vermochte. Ich brauchte das Gespräch mit ihm gar nicht zu beginnen, ihm gar nicht merken zu lassen, wieviel mir an der Sache lag; ich war vielmehr überzeugt, von ihm angeredet zu werden, sobald er mich in seiner Nähe sehen würde. Darum gab ich mir den Anschein, die Fesseln der Gefangenen untersuchen zu wollen, und kam dabei auch zu ihm.

Als ich seine Riemen betastete, fragte er in zornigem Tone, doch so, daß nur ich es hörte:

»Warum hast du meine Krieger überfallen?«

»Weil sie unsere Feinde sind.«

»Aber warum thust du es, da du doch dein Versprechen halten und sie wieder freigeben mußt?« »Ich mußte ihnen doch die geraubten Tiere abnehmen, da ich sie dem Haziendero zurückbringen will.« »Dem Don Timoteo Pruchillo?« »Ja.«

»Der ist ja gar nicht mehr Haziendero!« lachte er. »Wer denn?«

»Das Bleichgesicht, welches ihr Melton nennt.« »Melton? Wie kommt der dazu, Haziendero zu sein?«

»Er hat die Hazienda dem Don Timoteo abgekauft. Willst du etwa ihm die Tiere bringen?«

»Fällt mir nicht ein! Ich schaffe sie zu Timoteo Pruchillo.« »Den findest du nicht. Er ist aus dem Lande hinaus.« »Woher weißt du das?«

»Von Melton, der es so mit Weller beschlossen hatte.«

»Also befindet sich Melton jetzt als Besitzer auf der Hazienda?«

»Nein.«

»Wo ist er denn?« »Auf - in - -«

Er hielt stockend inne; er hatte mir eine Antwort geben wollen, sich aber anders besonnen, und als ich meine Frage wiederholte, äußerte er:

»Ich weiß es nicht.«

»Soeben wolltest du es mir doch sagen! Dann sage mir, was aus den weißen Einwanderern geworden ist!« »Sie müssen - - sie sind - - sie befinden sich - -« Er stockte wieder.

»So rede doch!« forderte ich ihn auf.

»Ich weiß auch dieses nicht.«

»Aber ich hörte es dir an, daß du es weißt!«

»Ich kann es unmöglich wissen. Alle die Männer und Leute, von denen du redest, waren meine Gefangenen. Du weißt, daß ich sie freigelassen habe. Wie kann ich wissen, was sie dann gethan haben und wo sie sich befinden!«

»Du mußt es wissen, denn du hast die Pläne Meltons kennen gelernt. Er hat dich aufgefordert, die Hazienda zu überfallen.«

»Wer hat dir diese Lüge gesagt?«

»Es ist keine Lüge, sondern die Wahrheit. Als Melton mit den Einwanderern unterwegs war, hast du ihn mit Weller aufgesucht und das Nötige verabredet.«

»Auch das ist eine Lüge!«

»Leugne nicht! Ich selbst habe euch beobachtet.«

»So haben deine Augen dich getäuscht.«

»Meine Augen täuschen mich nie. Dein Leugnen bringt dir keinen Nutzen. Ich will und muß unbedingt wissen, was nach dem Ueberfalle und der Einäscherung der Hazienda mit den Einwanderern geschehen ist.«

»Und ich kann es dir nicht sagen, da ich es selbst nicht weiß.« »Du weißt es. Du hast versprochen, mir Auskunft zu erteilen.«

»Und du hast versprochen, uns frei zu lassen; anstatt aber dieses Versprechen zu erfüllen, nimmst du immer mehr von uns gefangen!«

»Ich werde es erfüllen, wenn du das deinige hältst.« »Ich habe es gehalten und dir alles gesagt, was ich weiß.«

»Es ist nicht wahr, doch streiten wir uns nicht! Wir wären quitt gewesen, wenn jeder sein Wort gehalten hätte; nun sind wir ebenso quitt, weil keiner es gehalten hat. Ich bin heute die letzte Nacht bei euch. Morgen früh trenne ich mich von dem "starken Büffel", welcher euch nach seinen Weideplätzen transportieren wird, wo ihr den Martertod sterben werdet.«

Ich that so, als ob ich gehen wolle. Das half. Morgen fort von hier! Er hoffte, durch mich frei zu werden! Und ich war nur noch heute abend da! Von dem »starken Büffel« hatte er keine Gnade zu erwarten.

»Warte noch!« rief er, als ich mich schon einige Schritte entfernt hatte.

»Nun?« fragte ich, mich ihm wieder zuwendend.

»Wirst du uns wirklich freilassen, wenn ich dir alles sage?«

»Ja. Aber du weißt ja nichts!«

»Ich weiß es. Melton hat mir geboten, zu schweigen.«

»So öffne endlich den Mund. Was ist mit den Einwanderern geschehen?«

»Halt erst du dein Wort! Weißt du, was ich dir, als du uns gefangen nahmst, gesagt habe? Daß ich dir deine Fragen nur als freier Mann beantworten werde.«

»Und ich meinesteils habe dir mitgeteilt, daß ich dir die Freiheit nicht eher gebe, als bis du meine Fragen beantwortet hast.«

»Ich bleibe bei meiner Entscheidung, und so mußt du dich anders besinnen.«

»Auch ich werde meinen Entschluß nicht ändern, und so bleibt es bei dem, was ich gesagt habe: Der "starke Büffel" wird euch morgen fortschaffen.«

Ich wendete mich abermals zum Gehen. Dieses Mal ließ er mich weiter fort; dann rief er mir nach:

»Old Shatterhand mag noch einmal herkommen!«