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Er sah mich mit seinen hellen Augen forschend an, doch war es ihm dieses Mal nicht möglich, meine Gedanken zu erraten. Darum fuhr ich fort:

»Der Häuptling der Apatschen versteht die Yumasprache; ich würde mich freuen, wenn er sie so gut zu sprechen verstünde, daß er für einen Yuma gehalten werden kann.«

»Winnetou redet diese Sprache gerade wie ein Yuma.«

»Das ist sehr gut. Ich habe mit Absicht die beiden Boten nicht zu den drei andern Yumas legen lassen; sie sollen nicht miteinander flüstern können. Der Häuptling der Apatschen hat ihre Namen gehört. Der eine Bote heißt "schwarzer Geier" und derjenige von den drei andern, welcher mir für meine Absicht am geeignetsten erscheint, weil er jedenfalls der am wenigsten Kluge von ihnen ist, wird "dunkle Wolke" genannt. Wir lassen das Feuer ausgehen, sodaß es finster wird. Dann schleicht Winnetou sich zum "schwarzen Geier", giebt sich für die "dunkle Wolke" aus und - -«

»Uff!« unterbrach mich der Apatsche mit einer Bewegung der Ueberraschung. »Jetzt verstehe ich meinen Bruder. Ich bin die "dunkle Wolke", und es ist mir gelungen, aus meinen Fesseln zu schlüpfen?«

»Ja, so meine ich es.«

»Der Gedanke ist vortrefflich! Ich will natürlich die roten Brüder auch losbinden, damit sie fliehen können. Während ich mich anstelle, als ob ich die Banden des "schwarzen Geiers" lösen wolle, wird er mir sagen, was der "schnelle Fisch" an der Fuente beschlossen hat.«

»Ja, er wird es gewiß sagen, wenn es Winnetou gelingt, ihn zu täuschen.«

»Ich werde ihn täuschen. Er wird mich gewiß für die "dunkle Wolke" halten, zumal ich nur flüstern kann und nicht laut sprechen darf. Im Flüstern sind die Stimmen aller Menschen ähnlich.«

Infolge dieses Planes wurde kein Holz mehr ins Feuer gelegt; Winnetou streckte sich ebenso wie ich lang aus und gab sich nach einigen Minuten den Anschein, fest zu schlafen; der Mimbrenjo hatte die erste Wache und setzte sich so, daß er der "dunklen Wolke" den Rücken zukehrte. Wenn der Knabe wachte, konnte es leichter erscheinen, daß ein Gefangener sich befreite, als wenn Winnetou oder ich die Augen offen gehabt hätte, zumal er ihm den Rücken zudrehte. Der kleine Mimbrenjo fing seine Sache sehr klug an. Er gab sich den Anschein, sehr ermüdet zu sein, legte sich auch lang, stemmte den Ellbogen auf die Erde, stützte den Kopf mit der Hand und schloß, nach wiederholten scheinbaren Versuchen wach zu bleiben, die Augen.

Ich hatte die meinigen ein ganz klein wenig offen und sah, daß die Roten ihn scharf beobachteten und sich bedeutungsvolle Blicke zuwarfen. Ebenso sah ich, daß die Polizisten, welche mein Verhalten begriffen hatten, mit dem Juriskonsulto und dem Haziendero flüsterten. Wahrscheinlich gaben sie ihnen den einzigen guten Rat, der hier zu geben war. Die Flamme sank tiefer und tiefer.

Ich bemerkte, daß die Yumas sich in ihren Fesseln streckten und wanden, um dieselben zu zerreißen. Dann ging das Feuer aus, und es wurde so finster, daß man die Hand vor den Augen nicht zu sehen vermochte.

Es könnte scheinen, als ob unser Plan ein Wagnis gewesen sei. Die Yumas waren zwar gefesselt, aber nicht an Bäume angebunden; sie konnten sich jetzt in der Dunkelheit fortwälzen und einander dann mit den Zähnen die Riemen öffnen; aber ich befürchtete das nicht, denn einmal sollte die Dunkelheit nicht lange anhalten, und das andere Mal mußte Winnetou bei dem »schwarzen Geier« es sofort merken, wenn die Roten an ihrer Befreiung arbeiteten.

Er stieß mich mit der Hand an, um anzudeuten, daß er sich jetzt fortschleichen werde, und er that dies mit solcher Geschicklichkeit, daß ich, der ich neben ihm gelegen hatte, nicht das mindeste davon bemerkte. Er hatte alles von sich gelegt und glitt hinüber nach der Stelle, an welcher der »schwarze Geier« neben seinem Genossen lag. Bei ihm angekommen, berührte er ihn leise mit der Hand und raunte ihm zu:

»Still! "Schwarzer Geier" erschrecke nicht und lasse keinen Laut hören!«

Der Rote war über die unerwartete Berührung wahrscheinlich erschreckt, denn es verging eine Weile, in welcher er sich sammelte; dann fragte er ebenso leise:

»Wer ist's?«

»Dunkle Wolke.«

Jetzt mußte es sich entscheiden, ob die Täuschung gelang oder nicht. Winnetou war gespannt darauf. Da flüsterte der »schwarze Geier«:

»Ich fühlte meines Bruders Hand. Ist sie denn frei?«

»Beide Hände sind frei. "Dunkle Wolke" war nicht fest gebunden und hat sich losgemacht.«

»So mag "dunkle Wolke" schnell auch mich befreien! Die Hunde schlafen. Wir fallen über sie her und schlagen sie tot!«

Winnetou nestelte an den Fesseln des Yuma herum und fragte:

»Ist's nicht besser, sie leben zu lassen? Der "schnelle Fisch" wird sich freuen, sie lebendig gefangen zu sehen.«

»Dunkle Wolke ist nicht klug. Männer wie Old Shatterhand und Winnetou muß man töten, wenn man sicher sein will. Wer sie leben läßt, befindet sich in Gefahr. Der "schnelle Fisch" konnte nicht gleich mit uns reiten; er wird am Vormittag mit fünf Kriegern kommen, um die weißen Gefangenen zu holen. Aber warum macht "dunkle Wolke" nicht schneller! Es ist doch nicht schwer, einen Knoten zu lösen!«

»Der Knoten ist gelöst, aber ein anderer als derjenige, den der "schwarze Geier" meint.«

Nach diesen Worten huschte Winnetou von ihm weg und kehrte zu uns zurück, um mir das Ergebnis unserer List mitzuteilen. Da unser Zweck erreicht war, blies der Mimbrenjo in die Asche, unter welcher noch einige Holzkohlen glimmten; ein kleines Flämmchen erschien, erhielt Nahrung, und bald brannte das Feuer so hell wie vorher.

Winnetou lag wieder neben mir; wir thaten so, als ob wir schliefen. Es machte uns Spaß, zu sehen, mit welchen Augen der »schwarze Geier« die »dunkle Wolke« betrachtete; er sah, daß sie gefesselt war. Das mußte ihn befremden; doch nahm sein besorgtes Gesicht sehr bald den Ausdruck der Beruhigung an; weil er anscheinend eine Erklärung des Rätsels gefunden hatte: der eingeschlafene Mimbrenjo war erwacht und hatte sich bewegt; das hatte die »dunkle Wolke« gehört und war schnell an ihren Platz zurückgekehrt und einstweilen wieder leicht in ihre Fesseln geschlüpft, um zunächst abzuwarten, ob der Wächter das Feuer wieder anblasen werde oder nicht.

Bald darauf schlief ich ein. Der Mimbrenjo hatte den ersten, Winnetou den zweiten und ich den dritten Teil der Nacht zu wachen. Als letzterer mich weckte, gab es doppeltes Licht; das Feuer brannte, und über uns stand der helle Mond. Mein erster Blick war auf den »schwarzen Geier« gerichtet. Er stellte sich schlafend, schlief aber nicht, da er noch immer auf die »dunkle Wolke« wartete. Ich setzte mich so, wie der Mimbrenjo gesessen hatte, den Rücken nach der »Wolke« gerichtet und dabei mit stillem Vergnügen die wütenden Blicke beobachtend, welche der Geier aus seinen von Zeit zu Zeit sich öffnenden Augen auf den Genossen schleuderte, dessen Verhalten er sich nun längst nicht mehr erklären konnte.

Die Nacht verging; es wurde Tag, und ich weckte Winnetou und den Yumatöter. Der »schwarze Geier« konnte seine Wut nicht mehr bemeistern. Sein Gesicht war verzerrt, und sein Auge schoß Blitze auf seinen Kameraden, der sich während der Nacht nicht gerührt hatte. Winnetou sah es auch, trat zu ihm und sagte mit dem ihm eigentümlichen halben Lächeln:

»"Schwarzer Geier" glaubt, ein großer Krieger zu sein, hat aber noch nicht gelernt, seine Gedanken zu verhüllen. Ich lese in seinem Gesichte, daß er auf "dunkle Wolke" zornig ist.«

»Der Häuptling der Apatschen erblickt Dinge, welche nicht vorhanden sind!«

»Was Winnetou erblickt, ist vorhanden. Warum hat "dunkle Wolke" den Wächter nicht erschlagen? Drei haben gewacht und "dunkler Wolke" dabei den Rücken zugekehrt. "Dunkle Wolke" konnte von hinten schlagen oder stechen, und dann die andern Yumas befreien.«