»Was? Es scheint, die Gegend wimmelt geradezu von Yumaschwärmen. Wir hatten den "großen Mund" mit seinen Leuten; droben in Almaden alto stehen dreihundert, und nun giebt es einen dritten Trupp, welcher die Herden überfallen hat! Das ist doch sonderbar!«
»Old Shatterhand wird es noch weit sonderbarer finden, daß der "große Mund" sich bei dem Trupp befunden hat.«
»Der "große Mund"?« fragte ich beinahe erschrocken. »Der befindet sich doch in den Händen deines Vaters und soll nebst den andern gefangenen Yumas nach den Weideplätzen der Mimbrenjos transportiert werden!«
»So war es; aber es ist ihm jedenfalls gelungen, sich frei zu machen. Dann hat er mit vielen Yumakriegern die Herden überfallen.«
»Die Treiber haben sich natürlich gewehrt?«
»Nur kurze Zeit. Sie zählten nur fünfzig, und der "große Mund" hatte mehrere hundert Krieger bei sich. Einige Mimbrenjos wurden getötet und mehrere verwundet; sie sahen ein, daß Widerstand zu nichts führen könne, und ergriffen die Flucht nach der Hazienda, wo sie Old Shatterhand und Winnetou wußten. Darum sind sie viel eher dort angekommen, als mein großer, weißer Bruder gedacht hat.«
»Warum sind sie nach dieser Richtung geflohen und nicht nordwärts, wo sie deinen Vater wußten?«
»Weil der "große Mund" ihnen den Weg verlegte; weil sie annehmen mußten, daß es nun sehr fraglich sei, ob sie meinen Vater treffen würden, und weil sie nach der Hazienda nicht soweit hatten, wie zu ihm. Auch glaubten sie, von Old Shatterhand und Winnetou notwendig gebraucht zu werden. Ich traf schon am Walde der großen Lebenseiche auf sie und kehrte schnell um, sie meinen beiden berühmten Brüdern nachzubringen. Sie harren unten am Waldesrande, wo die Fährte, welcher wir gefolgt sind, unter die Bäume tritt. Ich vermutete den ersten Yumaposten hier und schlich voran, ihn zu erkundschaften.«
»So weiß man also nicht, auf welche Weise der "große Mund" frei geworden ist?«
»Nein.«
»Dann kann es mit deinem Vater und seinen Kriegern schlimm stehen. Wer weiß, in welcher Gefahr er sich befunden hat und noch befindet. Ihr seid doch wohl so klug gewesen, einige Leute abzusenden, um dies zu erkunden?«
»Ja. Zwei sind fort, um meinen Vater aufzusuchen, und zwei andere sind nach unsern Weideplätzen, um dafür zu sorgen, daß sich schnell zweihundert frische Krieger hinauf nach Almaden alto aufmachen. Hätten wir noch mehr thun sollen?«
»Nein. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen und bei der Eile, welche nötig ist, habt ihr genug gethan. Hol deine Krieger herbei! Sie kommen mir wie gerufen, obgleich der Grund der Schnelligkeit für uns jedenfalls ein betrübender ist.«
Keiner unserer Gefangenen hatte ein Wort des Gespräches gehört, da wir, wie sich ganz von selbst versteht, in vorsichtiger Entfernung von ihnen gestanden hatten. Jetzt blickte ich Winnetou an, und er sah mich an. Ich hatte in Gegenwart des Knaben keinen Vorwurf aussprechen wollen; jetzt aber, als dieser fort war, nahm das Gesicht Winnetous den allerstrengsten Ausdruck an, den ich jemals bei ihm beobachtet hatte, und
er sagte:
»Der "starke Büffel" ist wert, aus der Reihe der Häuptlinge gestoßen zu werden! Kann Old Shatterhand das, was er gehört hat, für möglich halten?«
»Eigentlich nicht, aber unser Freund hat es doch ermöglicht. Wie zornig machte ihn der Gedanke, daß ich den "großen Mund" entkommen lassen wolle! Und nun ist er ihm selbst entflohen!«
»Mein Bruder mag dazu nehmen, daß die Yumas alle gefesselt waren und keine Waffen hatten.«
»Und daß sie von über hundert Mimbrenjokriegern bewacht wurden! Und doch ist der vornehmste und für uns wichtigste von ihnen entkommen!«
»Vielleicht er nicht allein!«
»Ja, es ist sogar wahrscheinlich, daß alle seine Leute mit ihm befreit worden sind. Da er den Herden mit einer überlegenen Anzahl nachgefolgt ist, muß man vermuten, daß eine bedeutende Schar von Yumas auf die Mimbrenjos gestoßen ist, natürlich zufällig, und die Gefangenen befreit hat.«
»So mußte sich der "starke Büffel" bis auf den letzten Mann wehren!«
»Und den "großen Mund" lieber töten, als ihn entkommen lassen! Wir werden den gefährlichen Gegner nun bald wieder zu sehen bekommen. Er kann sich sagen, wohin wir wollen, und wird uns entweder unverweilt folgen oder gar von da aus, wo er auf die Herden getroffen ist, den geraden Weg hinauf nach Almaden einschlagen. Da wir unser so wenig sind, müssen wir ihm zuvorzukommen suchen. Jeder einzelne von uns hat für zehn zu gelten, und was wir nicht durch Gewalt erreichen können, müssen wir durch doppelt scharfe List zu erlangen trachten.«
Jetzt kamen die Mimbrenjos. Ich zählte vierzig. Einige von ihnen waren verwundet; da vier von ihnen als Boten unterwegs waren, hatten sie bei dem Zusammentreffen mit dem »großen Munde« sechs Tote verloren. Sie begrüßten uns stumm, schienen überhaupt sehr kleinlaut zu sein und Vorwürfe von uns zu erwarten; wir enthielten uns aber derselben, welche doch nichts nützen konnten, und ließen uns nur erzählen, wie es bei dem Ueberfalle zugegangen war. Sie hätten sich, trotzdem sie von einer solchen Uebermacht angegriffen worden waren, wohl länger gewehrt, hatten sich aber klugerweise gesagt, daß mir ihre gesunden Glieder nützlicher sein würden, als den Feinden ihr Tod. Sie verdienten keinen Tadel; die Schuld traf ihren Häuptling ganz allein. Zwar wußten wir nicht, unter welchen Umständen ihm der »große Mund« entkommen war, aber es stand doch fest, daß er ihn auf keinen Fall hätte entfliehen lassen dürfen.
Am liebsten wäre ich jetzt gleich nach der Fuente aufgebrochen; aber wir mußten vorher den »schnellen Fisch« erwarten und festnehmen. Wir konnten es allerdings auch so einrichten, daß wir unterwegs auf ihn trafen, aber da hätte er uns von weitem sehen und uns entgehen können. Ich schickte also den jungen Yumatöter hinunter nach der Stelle, an welcher ich gestern mit Winnetou die beiden Boten festgenommen hatte; er konnte dort weit ostwärts blicken und sollte, sobald er die Erwarteten sah, uns sofort benachrichtigen.
Diese zählten sechs Mann. Da ich sie weder töten noch verwunden und auch ihre Pferde unverletzt haben wollte, so war mir die so unerwartete Ankunft der vierzig Mimbrenjos außerordentlich gelegen. Ich konnte den »schnellen Fisch« mit einer solchen Uebermacht empfangen, daß ihm der Gedanke an Gegenwehr sogleich vergehen mußte.
Es war wohl gegen neun Uhr vormittags, als der Yumatöter gelaufen kam, um zu melden, daß er sechs Reiter gesehen habe. Ich machte mich mit fünfzehn Mimbrenjos die Höhe hinunter und legte mich mit ihnen in den Hinterhalt. Wir sahen die sechs im Trabe näher kommen. Als sie den Fuß der Höhe erreichten, ließen sie ihre Pferde langsamer gehen, was uns die Ausführung unserer Absicht erleichterte. Wir drangen von beiden Seiten aus den Büschen auf sie ein, rissen sie von den Pferden und nahmen ihnen die Waffen ab, noch ehe sie recht wußten, wie ihnen geschah. Dann wurden sie nach dem Tümpel geschafft, dessen von Bäumen und Sträuchern freie Ufer kaum Platz für so viele Menschen hatten, wie jetzt hier beisammen waren.
Die schon früher gefangenen Yumas erhoben ein Wehegeheul, als wir die sechs zu ihnen brachten. Der »schnelle Fisch« war noch jung und mußte sich schon ausgezeichnet haben, da ihm ein so wichtiger Posten anvertraut worden war. Er kannte mich nicht; als er aber Winnetou erblickte, ging ein sichtbarer Schreck über sein Gesicht, und er rief aus: