»Wieso soll ich heute Abend nicht etwas kochen?«, schlug sie vor.
Er wirkte im ersten Moment verlegen und sagte dann: »Sie sind ein Mensch mit vielen Talenten, Holly, aber ich glaube, ich bin doch ein besserer Koch als Sie.«
»Zeigen Sie mir, wie man Chili zubereitet?«, fragte sie begierig.
»Natürlich. Aus Soja und Pintobohnen«, erwiderte er. »Ich werde Ihnen sogar zeigen, wie man die Bohnen so zubereitet, dass sie nicht blähen.«
»Bekomme ich denn nie mehr was zu essen?«, beklagte Manny Gaeta sich. »Die Cafeteria hat wahrscheinlich schon wieder geschlossen.«
»Dann spielt es eh keine Rolle mehr, nicht wahr«, sagte Fritz von Helmholtz unwirsch.
Im Panzeranzug stand Gaeta einen guten halben Meter über den Deckplatten. Er schaute durchs stark getönte Visier des Helms auf von Helmholtz hinab.
»Cabrön«, murmelte Gaeta. Fritz ist mir manchmal so sympathisch wie Hämorrhoiden, sagte er sich.
Von Helmholtz schaute von seinem Palmtop auf und blickte ihn mit gerunzelter Stirn an. »Wir müssen zuerst noch den Vakuum-Test durchführen.«
»Es ist verdammt heiß hier drin. Ich schwitze.«
»Dann schalte die Kühlung ein«, sagte von Helmholtz ungerührt.
»Ich will die Batterien nicht unnötig belasten.«
»Die laden wir über Nacht wieder auf.«
Gaeta wusste, dass er den Test einfach abzubrechen vermochte, indem er den Anzug herunterfuhr und die Luke öffnete. Er steckte nun schon seit Stunden in diesem Kokon und hatte fast jede Prozedur durchlaufen, die sie brauchen würden, um den Vorbeiflug am Jupiter aufzuzeichnen. Gaeta war müde, verschwitzt und fühlte sich unwohl.
Aber er wusste, dass Fritz Recht hatte. Du musst alles überprüfen. Vergewissere dich, ob auch alles funktioniert. Nicht dass du eine böse Überraschung erlebst, wenn du draußen bist.
»In Ordnung, Vakuum-Test«, murmelte er und überflog die Weihnachtsbaumbeleuchtung der Kontrolllampen, die in den Helmkragen eingelassen waren. Alles im grünen Bereich außer zwei gelben Lampen: eine schlappe Batterie und ein Lüfter, der zu langsam lief. Vielleicht ist das der Grund dafür, weshalb es hier drin so verdammt heiß ist, sagte er sich.
Fritz stand an der großen Überwachungs-Konsole und studierte den Diagnosebildschirm. »Dieser Lüfter wird ausgetauscht werden müssen«, sprach er ins Mikrofon.
Einer der Techniker nickte missmutig. »Die Verabredung zum Abendessen hat sich damit erledigt«, grummelte er.
Fritz richtete sich auf und drehte sich zu Gaeta um. »Komm, meine kleine Sylphe. Zur Luftschleuse Nummer vierzehn.«
Gaeta setzt sich in Bewegung. Der Anzug fühlte sich trotz der Servomotoren, die die Arm- und Beinbewegungen erleichterten, starr an. »Ich fühle mich hier drin wie ein Zinnsoldat«, sagte er Fritz. »Ölkännchen! Ölkännchen!«
Fritz verzog keine Miene. »Die Lager sind selbst schmierend. Wenn der Anzug bewegt wird, schleifen die Gelenke sich mit der Zeit ein.«
»Ja, sicher.«
Gaeta folgte Fritz zur Doppeltür des Labors. Einer der Techniker öffnete sie ihnen. Zu seiner Überraschung sah Gaeta Holly Lane draußen auf dem Gang stehen. Sie machte große Augen, als sie den Anzug auf sich zustapfen sah.
Er bewegte langsam den Arm und krümmte die Finger in einer mechanischen Bewegung. »Hallo, Holly«, rief er.
»Manny? Stecken Sie da drin?«
»Ja.«
Sie präsentierte ihm einen kleinen Plastikbeutel. »Ich habe ihnen etwas Chili mitgebracht. Selbst gemacht.«
»Wir haben im Moment keine Zeit zum Essen«, sagte von Helmholtz. »Wir sind sehr beschäftigt.«
»Kommen Sie doch mit, Holly«, rief Gaeta. »Wir gehen zur Luftschleuse vierzehn runter.« Er setzte den schweren Gang durch den Korridor fort.
»Sie wollen jetzt schon nach draußen gehen?«, fragte Holly und machte ihm hastig den Weg frei.
»Nee. Die Sicherheits-Jungs haben meine EVA gestrichen. Sie wollen gleich eine ganze Truppe rausschicken, um die Brennstofftanks in Empfang zu nehmen, die vom Jupiter kommen. Ich bleibe in der Schleuse, während sie geöffnet wird, um den Leuten nicht im Weg zu sein. Wir werden den Vorbeiflug am Jupiter morgen aufnehmen; das ist nämlich der Zeitpunkt der größten Annäherung.«
»Darf ich dabei zuschauen?«
»Sicher«, sagte Gaeta und freute sich über das nervöse Zucken in Fritz' rechter Wange. »Kommen Sie nur mit.«
Tanker Graham
»He, Tavalera, pass gut auf, wir beginnen nun mit dem Rendezvous-Manöver.«
Raoul Tavalera murmelte eine Obszönität. Ich weiß auch, dass wir mit dem verdammten Rendezvous-Manöver beginnen, entgegnete er dem Skipper stumm. Wieso, zum Teufel, sind wir wohl sonst hier draußen?
Die Graham war kaum mehr als ein Paar leistungsstarker Fusionstriebwerke und eine Wohnkapsel, die die zweiköpfige Besatzung beherbergte: den herben Skipper und Tavalera, der die Tage zählte, bis er sein soziales Jahr beendet hatte und wieder in seine Heimat New Jersey zurückkehren konnte. Er schwor sich, nach der Rückkehr den Boden zu küssen und die Oberfläche des Planeten Erde nimmermehr zu verlassen.
Die kleine Graham hatte drei riesige, mit Wasserstoff- und Helium-Isotopen gefüllte Kugeln im Schlepp, mit denen die Fusionstriebwerke beschickt werden sollten. Die Kugeln würden bald ans näher kommende Habitat angeflanscht werden; nachdem dieser Auftrag dann erledigt war, würden die Graham und ihre zweiköpfige Besatzung in die relative Sicherheit und Behaglichkeit der Station Gold zurückkehren, die sich im Orbit um den Jupiter befand.
Der Skipper hatte sich auf dem Kommandantensitz angeschnallt; ihr hässliches, teigiges Gesicht verschwand fast völlig unter dem Sensor-Helm. Alles, was Tavalera von ihr sah, war ihr fieses Pferdegebiss und der versiffte Overall, den sie trug, seit sie die Raumstation vor vier Tagen verlassen hatten.
Als Tavalera zum ersten Mal zum Jupiter gekommen war, hatte er sich über die Aussicht gefreut, in die Wolken von Jupiter einzutauchen. Vor seinem geistigen Auge lief eine waghalsige Operation ab, bei der er in die obere Schicht von Jupiters wirbelnden Wolken eintauchte und Isotope aus der abgrundtiefen Atmosphäre des Planeten schöpfte. Riskant und aufregend. Und lebensnotwendig.
Fusionsbrennstoff vom Jupiter versorgte nämlich die Kraftwerke und Nuklearraketen der Zivilisation im ganzen Sonnensystem, von der Erde bis hin zum Asteroidengürtel und darüber hinaus.
Damals hatte Tavalera sich noch ein aufregendes Leben vorgestellt, wo er spannende Missionen in Jupiters Wolken durchführte und von Schwärmen von Groupies angeschmachtet wurde. Die Realität war stinklangweilig. Die spektakulären Tauchgänge in die wirbelnden Wolken wurden von robotischen Raumfahrzeugen erledigt, die aus der Sicherheit der Station Gold ferngesteuert wurden. Tavaleras einzige Flugmission bestand in routinemäßigen Shuttleflügen und darin, Brennstofftanks zu Schiffen aus der Erde-Mond-Region oder dem Gürtel zu transportieren. Und die Frauen an Bord der Station suchten sich die Männer nach dem Kriterium des Ranges aus, was bedeutete, dass Tavalera — ein popeliger Ingenieur, der sein soziales Jahr ableistete — ziemlich weit unten auf der ›Wunschliste‹ stand. Außerdem, sagte er sich griesgrämig, waren die meisten Frauen eh hässlich, und die paar hübschen waren wahrscheinlich lesbisch.
Er begann die Missionen zu zählen, zählte die Tage und Stunden und Minuten, bis er endlich entlassen wurde und nach Hause fliegen durfte. Diese Mission war besonders langweilig gewesen: Vier geschlagene Tage lang schleppte er drei große Brennstoffbehälter zu einem Rendezvous-Punkt mit dem näher kommenden Habitat, das zum Saturn unterwegs war. Tavalera war schon seit vier Tagen nicht mehr aus dem Overall herausgekommen und sah dementsprechend aus. Der Skipper hat ihn deswegen gefrotzelt und gefragt, ob er denn nicht mit den Kleidern unter die Dusche gehen wolle. Schlampe!, sagte er sich.