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Alles, was er nun zu tun hatte, war still zu sitzen und die Anzeigen auf der Steuerkonsole zu beobachten, während der Skipper die drei großen Tanks zum anfliegenden Habitat manövrierte. Es war eine schwierige Mission gewesen; sie hatten den meisten Brennstoff der Graham schon dafür verbraucht, über den Nordpol des Jupiter aufzusteigen, um sich der fünfzig Millionen Elektronenvolt-Synchrotron-Strahlung zu entziehen, die um den Äquator des Planeten tobte. Dann hatten sie sich weiter als auf allen bisherigen Missionen vom Jupiter entfernen müssen — ganze zwanzig Planetendurchmesser in Richtung der Sonne —, bis sie die große Magnetosphäre des Planeten mit der starken Strahlung verlassen hatten. In der der Sonne abgewandten Richtung erstreckte der Schweif der Magnetosphäre sich fast bis zur Umlaufbahn des Saturn.

Der Hauptbildschirm zeigte das Habitat in einer Falschfarben-Infrarotdarstellung. Tavalera schaute zum Beobachtungsfenster auf und sah die Goddard von trübem Sonnenlicht eingerahmt, das vom langen röhrenförmigen Körper reflektiert wurde. Für ihn hatte das Habitat die Anmutung eines Abflussrohrstücks, das lautlos durch den leeren Raum trieb.

»Löse Tank Nummer eins«, sagte der Skipper mechanisch.

Tavalera sah, dass die Freigabelampe grün aufleuchtete. Er vergrößerte die Darstellung auf dem Bildschirm und sah eine Armada von Technikern in Raumanzügen und Einmann-Raumgleitern am anderen Ende des Habitats hin und her wuseln: Sie warteten darauf, den Kugeltank abzufangen und ans fliegende Abflussrohr anzuflanschen.

Bei Tank Eins lief alles reibungslos, wie auch bei Tank Zwei.

»Oh, oh«, sagte der Skipper plötzlich.

Tavaleras Herz krampfte sich in der Brust zusammen. Es gab Probleme.

»Tank Drei hängt«, sagte sie ruhig. »Du wirst rausgehen und ihn losmachen müssen.«

Vor dieser Eventualität hatte Tavalera sich schon die ganze Zeit gefürchtet. Er hatte keine Probleme damit, in einem Schiff durchs Vakuum des Raums zu fliegen, nicht einmal in einer so winzigen Kiste wie der Graham. Aber mit nichts anderem als einem dünnen Raumanzug dort draußen zu sein — das machte ihm wirklich Angst.

Der Skipper klappte das Helmvisier hoch. »Was ist los, Sonnyboy; hast du mich nicht verstanden?«, fragte sie schroff. »Steig in einen Anzug! Wir müssen den Tank lösen, bevor dieses verdammte Habitat außerhalb unserer Reichweite ist.«

Wir, sagte Tavalera sich. Sie sagt, ›wir‹ müssten die Panne beheben. Aber sie meint nur mich. Sie selbst bleibt schön hier drin.

Widerwillig löste er den Gurt, stieß sich vom Sitz ab und schwebte in den rückwärtigen Bereich des Moduls, wo die Raumanzüge aufbewahrt wurden. Es dauerte nur etwa zwanzig Minuten, in den Anzug zu steigen und die Schläuche anzuschließen, doch der Art und Weise nach zu urteilen, wie der Skipper ihn verfluchte, schien es Stunden zu dauern. Schließlich kam sie zu ihm herüber und prüfte ihn aus; sie machte das aber so fahrig, dass Tavalera wusste, dass sie geschludert haben musste. Dann schob sie ihn zur Luftschleuse.

»Mach schon, du Lahmarsch.«

Gaeta war hungrig, müde, verschwitzt und überhaupt nicht gut drauf, während er darauf wartete, dass die Techniker die innere Luke der Luftschleuse öffneten.

Wie er sie aus dem Innern des gepanzerten Anzugs betrachtete, fragte er sich, wieso die idiotas tarugas so lang brauchten, nur um die richtigen Zahlen in die an der Wand montierte Tastatur der Luftschleuse einzugeben.

Fritz legte die Hand auf den Ohrhörer und murmelte etwas ins Mikrofon.

»Wieso dauert das so lang?«, fragte Gaeta ungehalten.

»Sicherheitsanweisung«, sagte Fritz. »Sie haben ein Team auf einer EVA und wollen sichergehen, dass sie nicht in der Nähe der Luftschleuse sind, wenn wir sie öffnen.«

»Maldito. Ich will doch gar nicht nach draußen, ich will nur in der offenen Luftschleuse stehen. Hast du ihnen das denn nicht gesagt?«

»Sie wissen…« Fritz neigte den Kopf und legte wieder die Hand auf den Ohrhörer. »Wiederholen Sie das noch mal?« Er hörte zu, nickte und schaute zu Gaeta auf. »Noch fünf Minuten. Dann können wir die Luftschleuse evakuieren.«

»Fünf Minuten«, grummelte Gaeta.

Holly trat vor ihn; sie wirkte wie eine kleine Elfe, als sie zum Helm visier aufschaute.

»Besteht irgendeine Möglichkeit, dir das Chili zukommen zu lassen?«, fragte sie mit einem Lächeln. »Du musst doch schon am Verhungern sein da drin.«

Er erwiderte ihr Grinsen und fragte sich, in welchem Maß sie sein Gesicht durchs stark getönte Visier überhaupt zu sehen vermochte. Er dankte ihr stumm für den Gefallen, den sie ihm — unwissentlich — getan hatte. Gaeta hatte nämlich schon seit über einem Jahr versucht, einen Flug im Habitat mit dem Ziel Saturn zu ergattern. Dann hatte Wendell ihn aus dem Hauptquartier der Astro Corporation angerufen, und in weniger als zwei Wochen war alles arrangiert worden. Er hatte nicht mehr zu tun, als ein Auge auf dieses dürre Mädchen zu halten, was überhaupt kein Problem war. Und als Gaeta nun auf Holly hinabschaute, wurde er sich bewusst, dass sie gar nicht dürr war; sie war schlank, geschmeidig und noch dazu verdammt attraktiv. Una guapa chiquita.

»Ich bin wirklich schon am Verhungern«, sagte er zu Holly, »aber ich darf diese Blechbüchse erst dann wieder öffnen, wenn der Test gelaufen ist, den wir durchführen wollen.«

Sie nickte leicht verdrießlich.

Plötzlich verscheuchte Fritz sie mit einem Winken von Gaeta und sagte den Technikern, dass sie die innere Luke öffnen sollten.

»Ich dachte, du hättest fünf Minuten gesagt«, sagte Gaeta ebenso ungehalten wie überrascht.

»Fünf Minuten, bis wir die äußere Luke öffnen dürfen«, sagte Fritz nervös, während einer der Techniker den Code der Luke eingab. »Wir wollen uns jetzt schon darauf vorbereiten. Ich habe auch noch nichts zu Abend gegessen.«

Gaeta lachte, als die schwere Luke sich einen Spalt weit öffnete. Zwei Techniker zogen sie ganz auf. Der klobige Anzug passte nämlich nur durch die große Frachtluke der Luftschleuse. Der Anzug hatte keine beweglichen Teile außer den Gelenken für die Arme und Beine. Der darin eingesperrte Gaeta hatte das Gefühl, einen Panzer zu fahren.

Er erhaschte einen Blick auf Holly, die an der Seite stand und gespannt zuschaute, während er über die Schwelle der Luke stapfte und mit den gestiefelten Füßen im Innern der Luftschleuse zum Stehen kam.

»Schließe die innere Luke«, ertönte Fritz' spröde Stimme im Helmlautsprecher.

»Bestätige Schließen der inneren Luke«, sagte Gaeta.

Sie waren nun alle aus seinem Blickfeld verschwunden. An der Wand links neben sich sah er die Schaltfläehe der Luftschleuse mit den roten und grünen Kontrolllampen. Das Licht wurde gedämpft, als die innere Luke sich schloss, und eine der roten Lampen wechselte über Gelb zu Grün.

Gaeta war allein in der kahlen Kammer eingesperrt, wie ein Roboter in einer metallenen Gebärmutter. Er spürte einen Druck auf der Blase, doch den spürte er immer, wenn er nervös war. Das würde sich wieder legen. Und das wäre auch besser so, sagte er sich; wir haben nämlich darauf verzichtet, einen Katheter zu legen.

»Auspumpen«, sagte Fritz.

»Auspumpen«, wiederholte er.

Er hörte die Pumpen nicht, die die Luft aus der Kammer absaugten, und spürte nicht einmal die Vibrationen durch die dicken Sohlen der Anzugstiefel. Wie oft habe ich schon in diesem Anzug gesteckt, sagte Gaeta sich. Das erste Mal bei der Wanderung durchs Mare Imbrium. Dann beim Sturz in die Wolkendecke der Venus. Und beim Eintauchen in die Jupiteratmosphäre. Vielleicht ein Dutzend Testläufe für jeden Stunt. Insgesamt fast fünfzigmal. Ich fühle mich hier drin fast schon wie zu Hause.