Und doch wurde sie von einem unberufenen Auge beobachtet. Der fremde Beduine hatte sich hinter den Stamm einer nahen Palme geschlichen und beobachtete die Gruppe mit der größten Aufmerksamkeit. Auch von dem Gespräche vernahm er den größten Theil und zog sich erst dann zurück, als er bemerkte, daß man sich anschickte, sich zur Ruhe zu begeben. In kurzer Zeit lag die Oase in tiefster Ruhe. Auch die Wüste schwieg, und nur zuweilen erscholl von weitem das bellende "J-a-u" des Schakals oder das tiefe "Om-mu" der Hyäne.
Da erhob sich der Beduine von der Decke, auf welcher er gelegen hatte, und schlich sich zwischen zwei Zelten hindurch, um in das Freie zu gelangen. Er kam unbemerkt hinaus und eilte dann in der Richtung fort, aus welcher er am Tage gekommen war. Nach einer Viertelstunde ungefähr blieb er stehen und stieß den Schrei des Geiers aus, welcher sofort beantwortet wurde.
Er ging dem Tone nach und stand bald vor einem Manne, welcher sich von der Erde aufgerichtet hatte.
"Nun, Selim, ist es das richtige Duar (Zeltdorf) des Mameluken?" "Ja, Sihdi."
"Endlich, endlich habe ich ihn und werde den Preis verdienen, den der Khedive auf seinen
Kopf gesetzt hat! Ist er daheim?"
"Ja! ich habe ihn gesehen und mit ihm geredet."
"Wir sind Deiner Spur gefolgt, sie stieß mit vielen andern zusammen. Wen hast Du getroffen?"
A "Die Männer des Mameluken und eine kleine Kaffila (Kleine Karawane), welche zu ihm wollte."
"Wer war es?"
"Es waren zwei Männer, ein Weib und ein Kind. Die Männer wurden von ihm Katombo und Remusat genannt, und das Weib war die Schwester seines Weibes."
"Remusat? Das ist Manu-Remusat, der Schech el Re<sahn und der Re<s Katombo, welche vor zehn Jahren den Mudellir Hamd-el-Arek ermordeten und dann flohen! Hamdullillah, Preis sei Gott; ich habe sie Alle beisammen, die ich gesucht habe, und werde sie entweder gefangen nehmen oder tödten. Beschreibe mir die Uah!"
Selim, der also einen ganz anderen Namen trug, als er angegeben hatte, kam diesem Befehle nach.
"Wie viele streitbare Männer sind vorhanden?" "Vielleicht siebenzig."
"Dann sind wir ihnen überlegen, auch abgesehen davon, daß sie schlafen und todt sein werden, ehe sie sich wehren können. Kehre jetzt zurück und wache, bis ich mit den Janitscharen komme. Der Schrei des Adler ist mein Zeichen, und wenn Alles in Ordnung ist, so antwortest Du mit dem Tone, den der Bülbül (Nachtigall) ausstößt wenn er träumt." "Ich gehorche, Sihdi! Aber ist es nothwendig, daß ich allein zurückkehre?" "Fürchtest Du Dich? Du mußt schnell zurück, denn wenn man Deine Abwesenheit bemerkt ehe wir kommen, so kann unser Plan verrathen sein."
Selim wandte sich und kehrte nach dem Duar zurück. Sein Verschwinden schien gar nicht bemerkt worden zu sein, aber als er dahin gelangte, wo neben seinem Kameele seine Decke lag, erhob sich neben dem Thiere die hohe Gestalt Katombos. "Wo warest Du?" frug er ihn.
"Ich ging, die Hyänen zu vertreiben, deren Stimmen mich im Schlafe störten."
"Ich hörte die Hyänen dort zur Rechten; Du aber kamst von der Linken. Du redest nicht die
Wahrheit!"
"Mein Mund spricht keine Lüge!"
"Er spricht sie! Wo hast Du die Pistolen her, welche hier in Deinem Gürtel stecken?"
"Glaubst Du, sie sind gestohlen oder geraubt? Ich habe sie gekauft."
"Wo?"
"In-in Siut."
"In Siut? Ah! Bei wem?"
"Bei dem Waffenhändler Omrah-el-Barat."
"Du bist sehr klug, aber Du weißt nicht, daß ich aus Siut bin und sehr wohl weiß, daß es dort keinen Waffenhändler gibt, welcher diesen Namen trägt. Deine Pistolen, welche ich heut genau betrachtete, haben das Zeichen des Khedive, Du bist ein Arnaut oder ein Janitschar."
"Ich bin ein Beni Soliman!"
"Und heißest Mehem al Olahad? In Mesr sagt man Olahad, bei den Beni Soliman aber
Ulahad. Du verräthst Dich selbst und wirst die Wahrheit bekennen, sonst bist Du verloren!"
"Ich kann nicht mehr sagen, als was ich bereits gesprochen habe."
"So bist Du mein Gefangener!"
Er faßte nach dem Manne.
"Noch nicht!" antwortete dieser.
Er bückte sich, schnellte unter dem Arme Katombos hinweg und riß den Dolch aus der Scheide. Er zückte denselben zum Stoße, Katombo aber kam ihm zuvor und faßte den Arm. "Mörder! Jetzt kostet es Dich das Leben!"
Er hielt ihn fest. Ein lauter Ruf machte alle Schläfer munter. Die Söhne der Wüste sind an Gefahren gewöhnt, und es gibt für sie keinen Schreck, die ihre Glieder lähmen, oder ihnen die Besinnung rauben könnte.
"Herbei, Ihr Männer! Dieser Fremde ist ein Verräther, der mich tödten wollte, weil ich ihn durchschaute."
Der Mann wurde sofort umringt, und Katombo erzählte das Vorgekommene. Natürlich waren auch Remusat und Omar herbeigekommen. Letzterer betrachtete die Waffen des Angeschuldigten genau.
"Er ist ein Janitschar und hat Verbündete in der Nähe. Gestehst Du es?" "Ich kann nichts gestehen?" B "So stirbst Du!"
"Und Du mit mir, Du und ihr Alle; das ist Euer Kismet!" "Ah, jetzt verräthst Du Dich! Bindet ihn!" Er wurde entwaffnet und gefesselt.
"Ist er ein Arnaute oder Janitschar, so wird er gestehen müssen," meinte Katombo. "Mensch, hast Du vielleicht gehört, wie der Kapudan-Pascha des Großherrn heißt?" "Nurwan-Pascha."
"Gut. Ich bin Nurwan-Pascha und befehle Dir, die Wahrheit zu gestehen!" "Du lügest!"
"Bringt eine Fackel herbei!"
Sie wurde gebracht.
"Kannst Du lesen?" frug Katombo.
"Ja."
"Ah, ein Beni Soliman und lesen! Hier lies diesen Biulderi."
Er zog ein Pergament hervor und hielt es ihm vor die Augen. Der Gefangene warf einen Blick auf den großherrlichen Paß und erbleichte. "Glaubst Du nun, daß ich Nurwan-Pascha bin?" "Ja."
"Dann nieder auf die Knie mit Dir, Hund! Ich befehle Dir, die Wahrheit zu sagen. Lügst Du fort, so wirst Du todt gepeitscht."
Der Gefangene warf sich auf die Kniee.
"Frage, Herr! Dein Knecht wird antworten."
"Wie ist Dein wirklicher Name?"
"Selim."
"Was bist Du?"
"Janitschar."
"Was thust Du in der Wüste?" "Ich suche den Mameluken Omar-Bathu." "Du bist nicht allein. Wer ist bei Dir?" "Der Aga mit hundertzwanzig Mann." "Wo ist er?" "In der Nähe. In einer Minute kann er bereits über Euch herfallen."
"Ah! Die Fackel aus. Nehmt Eure Waffen, Ihr Männer; versammelt die Frauen in der Mitte des Duar und verhaltet Euch still! Wer hat Dir diese Oase verrathen?" "Der Aga weiß es, ich nicht."
"Das Leben sei Dir geschenkt, denn Du hast gehorchen müssen und mir jetzt die Wahrheit gesagt."
Er löste ihm die Fesseln und fuhr dann fort:
"Ich gebe Dir die Freiheit. Gehe zum Aga und sage ihm, daß Nurwan-Pascha hier gebietet. Er wird von seinem Vorhaben abstehen."
Selim eilte davon, so schnell als ihn seine Füße tragen wollten; an sein Kameel und die ihm abgenommenen Waffen dachte er gar nicht. In einiger Entfernung von der Oase traf er auf die herbeischleichenden Janitscharen. Der voranschreitende Aga verwunderte sich über sein Erscheinen.
"Du kehrst zurück! Warum?"
"Um Dir zu sagen, daß der Überfall nicht stattfinden darf." "Warum?"
"Der Kapudan-Pascha ist im Duar."
"Nurwan-Pascha! Hat Dir der Sche<tan (Teufel) den Verstand genommen?" "Sihdi, er ist es. Ich wollte es nicht glauben, und er hat mir seinen Biulderi gezeigt." "Wann? Jetzt?"
"Jetzt. Er hatte mein Verschwinden bemerkt und meine Rückkehr erwartet. Er weckte alle Männer des Duar und ließ mich fesseln. Ich mußte ihm Alles gestehen, und nun sendet er mich, Dich zu warnen."
"Warnen? Was geht mich Nurwan-Pascha an! Er ist Offizier des Großherrn, und ich bin