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"Und die Andern?"

"Gefangen und fortgeführt."

"Und Sobe<de?"

"Ist mitgefangen."

"Omar und Dein Vater?"

"Todt! Hier liegen sie."

Er wandte langsam das verwundete Haupt. Sein Auge fiel auf die beiden Leichen; es sah auch die große Zahl der umherliegenden Todten; er schloß es wieder. Die Ohnmacht nahm ihn gefangen.

Die Frauen des Orientes werden nur für den zukünftigen Mann erzogen, und da der Orientale vorzugsweise Krieger ist und unter der Möglichkeit steht, öfters verwundet zu werden, so gibt es selten B ein Weib, welche nicht mit der Behandlung der Wunden bekannt ist. Auch Ayescha wußte sehr wohl, was für einen solchen Fall zu thun sei. Sie suchte unter dem Grün nach einer schmerzstillenden Pflanze und fand sie auch. Nachdem sie eine Menge davon gesammelt hatte, zerdrückte sie dieselben, ließ den Saft in die Wunde träufeln, legte die ausgedrückten Pflanzen auf und verband dann den Kopf.

Diese Behandlung schien dem Kranken wohlzuthun; er fiel in einen tiefen Schlaf, welcher ihn erst am nächsten Morgen wieder aus seinen wohlthätigen Armen entließ. Die Scene, welche gestern sein mattes Auge erblickt hatte, war noch dieselbe. Er mußte sich erst besinnen.

"Ist Alles todt?" frug er dann.

"Nur Einige sind entkommen."

"Warum verschonte man mich und Dich?"

"Deines Ranges wegen."

"Und Sobe<de - warum nahm man sie mit fort?"

"Sie ist für das Harem des Vizekönigs bestimmt."

"Allah inhal, Gott verdamme ihn! Pflege mich und gib mir fleißig Wasser und Pflanzensaft, damit ich gesund werde und sie Alle an ihm rächen kann." "Da wirst Du viele Wochen warten können!"

"Gott ist groß und allmächtig. Er kann Alles. Und mein Körper ist stark. Fürchtest Du Dich allein zu sein?"

"ich fürchte mich vor den Todten, und in dieser Nacht waren die Hyänen und Schakals hier in der Nähe. Werden die Entflohenen zurückkehren?"

"Sie werden kommen wenn sie merken, daß sich die Mörder entfernt haben." Er schlummerte wieder ein.

Ayescha suchte Kräuter für ihn und abgefallene Datteln für sich und ihre Tochter. So verging der Tag; der Abend brach herein, und ihm folgte die Nacht. Die Thiere, welche die Janitscharen zurückgelassen, hatten für sich selbst gesorgt. Wasser und Datteln nebst Strauchwerk gab es für sie genug.

Die Nähe der Todten, welche in Folge der Hitze bereits einen höchst widerwärtigen Geruch ausströmten, war auch in anderer Beziehung für Ayescha eine unheimliche, wenn nicht gefährliche. Der Geruch lockte die Hyänen, Schakale und Fenneks an, welche sicherlich heute Nacht ihr schauriges Mahl gehalten hätten, wenn das Weib mit dem Verwundeten allein geblieben wäre. Gegen Mitternacht aber huschte ein Schatten herbei, bei dessen Nahen Ayescha anfangs erschrak. Es war einer der entflohenen Mameluken.

Er suchte unter den Leichen herum und nahte sich auch der Stelle, an welcher sich die Lebenden befanden. Hier stutzte er, wurde aber durch den Zuruf Ayeschas beruhigt. "Allah akbar, Gott ist groß! Hier sind noch Lebende? Hat Dich der Janitschar übersehen?" "Nein. Er hat mir die Freiheit freiwillig gelassen." "Und Katombo getödtet?"

"Er ist nur verwundet. Ich und mein Kind sind unbeschädigt." "Wo sind die andern Frauen und Kinder?"

"Der Aga hat sie mitgenommen. Er wird die Frauen an Harems und die Kinder an Sklavenhändler verkaufen."

"Allah incharliek, Gott verbrenne ihn! Hätte ich ein Weib, so jagte ich ihm nach, denn hier sind noch Pferde und Kameele. Aber ich habe die Todten gezählt. Es fehlen drei der Unsrigen. Sind sie gefangen?" "Nein."

"So sind sie auch entkommen und werden zurückkehren, sobald sie bemerken, daß er fort ist. Ich will sehen, ob sie in der Nähe sind, und ihnen ein Zeichen geben, welches sie kennen."

Er suchte eine Rhababa (ein musikalisches Instrument mit schmetternden Tönen) und fand sie. Sie an den Mund setzend, entlockte er ihr einige schrille, weithin schallende Töne. Dies wiederholte er einige Male, und bald zeigte sich der Erfolg: es kamen drei Gestalten herbei, welche in der Nähe herumgeschlichen waren, um zu sehen, ob die Oase wieder sicher sei. Er unterrichtete sie von der Lage der Dinge. Sie stillten erst den empfindlichen Hunger und Durst, welchen sie empfanden, und beriethen dann, was zu beginnen sei. Alle vier waren noch Jünglinge. Sie hatten nicht für Weib und Kind zu kämpfen gehabt und also die Einzigen gewesen, welche geflohen waren. Ganz derselbe Umstand hielt sie auch ab, sich dadurch in neue Gefahr zu begeben, daß sie den Janitscharen nachjagten, was sie jedenfalls gethan hätten, wenn sich nähere Verwandte von ihnen unter den Gefangenen befunden hätten. Der Sohn der Wüste als geborener Räuber und Krieger fürchtet sich nicht, ganz allein einer großen A feindlichen Karawane zu folgen, um den Augenblick abzuwarten, welcher ihm für seine Pläne günstig erscheint. Und dann ist kein Fuchs so listig, kein Panther so blutdürstig und kein Löwe so todesmuthig wie er.

Die Vier beschlossen also zu bleiben, sich der Pflege des Kranken und der Bewachung der Oase zu widmen und dann später zu sehen was zu thun sei.

Noch während der Nacht begruben sie die Todten - allerdings nur die Ihrigen, welche unter dem Sande der Wüste eine Ruhestätte fanden, während die gefallenen Janitscharen weit hinausgetragen und den wilden Thieren zum Fraße hingestellt wurden.

Einige Monate später zog eine kleine Kaffila ein in das große Karawanserei zu Bulakh, der Vorstadt von Kairo. Sie bestand aus einem Weibe mit einem Kinde und fünf Männern. Der Eine von den Letzteren sah sehr bleich aus, aber in seinem dunklen Auge loderte ein Feuer, welches verrieth, daß er zwar vielleicht krank gewesen sei, doch alle Kräfte seines hohen starken Körpers wieder besitze.

Er übergab Weib und Kind seinen vier Begleitern und schritt nach der Straße el Kantareb, wo er vor einem palastähnlichen Hause hielt, an dessen Thür ein wohlbewaffneter Neger als Schildwache stand.

"Wem gehört dieses Haus?" frug er ihn.

"Du mußt hier fremd sein, Sihdi, daß Du dieses nicht weißt. Es gehört dem Khedive, Gott erhalte ihn, und drin wohnt stets der Oberkadi, welchen der Großherr, Gott segne sein Antlitz, jährlich sendet, um Recht zu hegen zwischen ihm und dem Vizekönig." "Der Tag des Wechsels ist vorüber. Wie heißt der neue Kadi?"

"Der neue Kadi-Baschi, willst Du sagen! Er hat einen Namen so lang wie der Nil; wir aber nennen ihn kurz Abu-Mossalem." "Ist er daheim?"

"Er sitzt in seinem Divan, denn es ist die Stunde, in der jeder Gläubige mit ihm reden darf, um von ihm Recht zu erflehen. Willst Du zu ihm?"

"Ja."

"So gehe, und Allah gebe Deinem Worte Segen!"

Katombo trat ein und stieg eine Treppe empor, deren Stufen mit kostbaren Teppichen aus

Smyrna belegt war. Droben stand ein Verschnittener, in ein reiches Gewand gekleidet. Sein

Handjar glänzte von Gold und seine Pistolen waren reich mit Silber ausgelegt.

"Was willst Du?" herrschte er den Kommenden in den hohen Fallsettönen an, welche den

Kastraten eigenthümlich sind.

"Ich will mit dem Kadi-Baschi reden."

"Wer bist Du?"

"Das werde ich ihm selbst sagen."

"Du hast es mir zu sagen, denn ohne meine Erlaubniß darfst Du nicht zu ihm."

"Wo ist sein Divan?"

"Dort!"

Er zeigte mit der Linken nach einer Thür, während er ihm die geöffnete Rechte entgegenhielt als deutlichen Beweis, daß er nur Diejenigen einlasse, welche bereit waren, diese Erlaubniß für ein Bakschisch zu erkaufen. "Du willst ein Bakschisch?" frug Katombo.

"Weißt Du nicht, daß eine offene Hand auch eine offene Thür macht?" "Und weißt Du nicht, daß der Prophet sagt: "Die gierige Hand eines Dieners schadet dem Herrn. Wehe dem, der die Gerechtigkeit gegen Gold und Silber verkauft!" Du wirst von mir nichts erhalten."

"So ist der Kadi-Baschi für Dich nicht zu sprechen." "Er ist es; das werde ich Dir beweisen."

Er holte aus und versetzte dem Menschen einen so kräftigen Schlag in das Gesicht, daß dieser nach rückwärts taumelte und zur Erde stürzte. Im Nu aber sprang er wieder auf und zog den Handjar, um sich mit demselben auf Katombo zu werfen. Dieser aber faßte ihn mit der Linken bei der Faust, welche die Waffe umschlossen hielt, und wiederholte den Hieb in der Weise, daß der Verschnittene laut aufbrüllte.