In jener Nacht am Feuer aßen sie die letzten Reste von Knacks Fleisch, und Dorn ließ das Feuer noch höher lodern als sonst, wärmte sich die Hände an den Flammen und tanzte ein wenig auf der Stelle. — Morgen kommen wir an, sagte er.
— Wirklich?, fragten Eistaucher und Elga gemeinsam. Sie blickten einander an, beide überrascht.
— Morgen oder übermorgen, wenn wir langsam sind. Aber darauf kommt es jetzt nicht mehr an. Wir werden es schaffen. Danke, Knack, danke, Knack, danke danke danke.
Am nächsten Tag erwachten sie und tranken Wasser, setzten sich zum Aufwärmen ans Feuer, gingen in den Schnee hinaus, um sich zu säubern. Erhoben sich mit steifen Gliedern und machten sich schlurfend wieder auf den Weg. Im Laufe des Tages erreichten sie einen Wasserlauf, der Dorn zufolge in den Nordbach mündete. Elga band sich ihre Schneeschuhe um und führte sie in ein Tal voller weicher Schneehöcker hinein, wobei sie einen Pfad trampelte, dem Eistaucher folgen konnte; und auch Dorn folgte. Jetzt, wo ihre Reise beinahe zu Ende war, wurde Dorn schließlich langsamer und schien bei jedem Schritt seine letzten Kräfte aufzuwenden, als sei er völlig ausgelaugt und als seien ihm der zweite und dritte und überhaupt jeder Atem endgültig ausgegangen. In dieser Hinsicht ähnelte er nun Eistaucher, und Eistaucher fragte sich, ob Dorn sich verletzt hatte oder ob er einfach nicht mehr konnte. Als Eistaucher ihn danach fragte, schüttelte er den Kopf und ging auf die gleiche Art weiter.
— Denk dran!, sagte Eistaucher und ahmte dabei Dorns belehrenden Tonfall nach, — auf einer Reise von zwanzigzwanzig Tagen kann man immer noch beim letzten Schritt straucheln!
Dorn schüttelte bloß den Kopf. Er war zu müde, um zu widersprechen. Aber er hatte selbst oft gesagt, dass etwas Ärger den Geist auf gute Art anspornte. Also machte Eistaucher weiter. Er hatte sich das oft genug selbst anhören müssen. — O ja, wiederholte er in Dorns Tonfall, — selbst auf einer Reise von zwanzigzwanzig Jahren kann man immer noch beim allerletzten Schritt Scheiße bauen! Also tu das lieber nicht! Er musste beinahe lachen, so oft hatte er diese Worte schon gehört.
Die erste Landmarke, die Eistaucher ohne Dorns Hilfe wiedererkannte, war der riesige Felsbrocken, der mitten im Westteil des Nordbachs lag und fast von einem Ende des Bachbetts zum anderen reichte. Wie benommen starrte er ihn an. Ein kleiner Keim der Erleichterung spross in ihm, direkt hinter seinem Bauchnabel. Zu diesem Felsen war er oft mit Falke und Moos gegangen, wenn sie die Schlucht entlanggewandert waren; die Holzkohlezeichnung eines Höhlenbären, die er darauf hinterlassen hatte, war noch immer da, auf der großen weißen Fläche, die direkt zum Wasser hin abfiel. Er hatte von der anderen Seite auf den Felsbrocken klettern, sich von oben herunterlassen und mit dem Kopf nach unten malen müssen. Falke und Moos hatten sich kaputtgelacht. Aber dort schlurfte der Bär dahin und beäugte unter seiner flachen Stirn hervor jeden, der ihn vom Ufer aus sah, als überlegte er, ob er ihn angreifen sollte. Dafür, dass sie über Kopf hängend entstanden war, handelte es sich um eine hervorragende Arbeit, und Eistaucher weinte, als er es sah, nicht wegen der Zeichnung oder weil er zu Hause war, sondern einfach nur wegen der Vorstellung, dass er bald nicht mehr auf Schlimmbein würde laufen müssen. Jetzt musste er nur noch eine begrenzte Anzahl Schritte machen. Sie waren weniger als einen halben Tagesmarsch von zu Hause entfernt.
Allerdings brauchten sie länger. Erst spät am Nachmittag, im letzten guten Licht, als alles gelb von der Seite angestrahlt wurde, der Himmel über ihnen sich verdunkelte und die Welt mit dem Herannahen der Nacht größer wurde, stolperten sie hinter ihren langen Schatten her über den Westpass und blickten auf die Wiese an der Felswand hinunter. Sie war leer. Doch Heide kam hinter einem Baum hervorgeschlendert.
Sie blieb abrupt stehen, als sie sie sah. Einen Moment lang war sie starr vor Überraschung. Dann blickte sie über die Schulter und sagte: — Kind, deine Eltern sind hier. Sogar der Unaussprechliche ist hier.
Und dann setzte sie sich unvermittelt auf einen Baumstamm und sah ihnen entgegen, während sie sich näherten. — Ich dachte, du wärst fort, rief sie und vergrub das Gesicht in den Händen.
Das Kind blickte neugierig zu Elga auf, die ihre Stöcke fallen ließ, es ergriff und hochhob. Es blickte mit einer Mischung aus Angst und großer Überraschung auf sie hinab. Eistaucher trat hinzu, und zu zweit hielten sie das Kind zwischen sich, das zu heulen und zu strampeln begann.
Heide wischte sich durchs Gesicht und sah von ihrem Baumstamm aus zu. — Du kannst wirklich von Glück sagen, Junge, sagte sie zu dem Kind.
Sie stand auf und umarmte erst Elga, dann Eistaucher und dann sogar Dorn.
— Was ist mit Knack?, fragte sie.
Dorn schüttelte den Kopf. — Er ist gestorben. Ich erzähle dir später davon.
Heide musterte ihn. Schließlich sagte sie: — Wie ich sehe, bist du hässlicher denn je.
— Du hast mir meine Schönheit vor langer Zeit gestohlen, antwortete Dorn und wandte sich von ihr ab. — Hier, nimm unsere Rucksäcke. Nimm Eistauchers Rucksack. Sein Bein macht ihm wieder zu schaffen.
— Das hat er seiner Schamanenwanderschaft zu verdanken.
— Frau!, sagte Dorn. — Sei still. Bitte. Sei jetzt still und hilf uns zurück ins Lager. Wir sind müde.
Siebter Teil
Alle Welten treffen sich
54
Das Lager der Wölfe in seiner kleinen Balme, der Blick auf die Gewundene Au, den Gewundenen Berg, den Steinbison und den Fluss in seiner Schlucht. Die Mittsommersonne, die ihr Abendlicht schräg durch die westliche Schlucht wirft und auf den Rauch des Feuers trifft. Daheim daheim daheim daheim daheim.
Heide begleitete sie und trug all ihre Sachen, und als sie das letzte Stück des Pfads am Fluss hinabstolperten und im Lager eintrafen, war es bereits nach Sonnenuntergang, und das Feuer schien auf jedes Gesicht, Masken ihrer selbst, Masken des Glücks über die unverhoffte Heimkehr der Reisenden: Falke und Moos schrien Eistaucher ins Gesicht und umarmten ihn stürmisch, und auch die anderen streckten die Hände aus, um sie zu berühren, um sich zu vergewissern, dass sie echt waren, so groß war die Überraschung. Selbst Salbei gab ihm einen Kuss. Das erinnerte Eistaucher an die Nacht, in der er von seiner Wanderschaft zurückgekehrt war, doch diesmal war er an einen Ort jenseits des Himmels geschickt worden, einen Traumort, der wirklicher war als die Wirklichkeit. Oder vielleicht war auch das jetzt die wirkliche Wirklichkeit, so unbestreitbar wie ein Schmerz, wie die Hitze, die ihm ins Gesicht stieg.
Sie blieben eine Weile wach, redeten und schlürften Entensuppe, bis die Erschöpfung die Reisenden schließlich niederstreckte und man sie zu Bett trug. Die ganze Nacht sah Eistaucher in seinem Traum nichts als die vom Feuer angestrahlten Gesichter, lachend, maskenhaft. Sein Rudel.
Nach dem Aufwachen taumelte er wie ein Holzmann ans östliche Ende des Lagers. Der Steinbison überspannte noch immer den Fluss, das Morgenlicht erfüllte die Schlucht, das Lager briet in der Sonne, und die Luft war von sommerlichen Gerüchen, vom Glucksen des Flusses und vom Gezwitscher der Vögel erfüllt. Jeder Baum war ein Bienenstock. Der Himmel war blau, und es schien unvorstellbar, dass sie vor nur wenigen Tagen in Wind und Schnee gebibbert hatten. So war das manchmal im sechsten Monat. Und daheim blieb daheim, ob man nun da war oder nicht. Eistaucher blickte sich weiter um, setzte sich und berührte den Boden, kostete die Erde. Es war schwer zu glauben. Das Gefühl war wie eine Knospe im Frühling, er konnte sie ansehen und wusste, dass sie einmal zu etwas Großem erblühen würde.