Zurück im Leben des Rudels, ruhten Eistaucher, Elga und Dorn sich aus, aßen und ruhten sich wieder aus. Das Kind blieb dicht bei Elga und ließ sie nicht aus den Augen. Abends saß es zwischen Elga und Eistaucher oder bei einem von ihnen auf dem Schoß und hielt sich dabei mit je einer Faust in den Kleidern der beiden fest. Wenn Heide das sah, schüttelte sie den Kopf und sagte: — Du kannst wirklich von Glück sagen, Junge. Ich dachte, du wärst ein Waisenkind.
Am Feuer wollten alle wieder Dorns Geschichten hören, und so erzählte er sie mit krächzender Stimme und starrte dabei ins Feuer oder zu den Sternen empor. Wenn er mit seiner Geschichte fertig war, dann bat ihn oft jemand, nun davon zu erzählen, wie er Eistaucher und Elga gerettet hatte. Doch darauf schüttelte er immer den Kopf.
— Davon kann ich noch nicht erzählen. Die Geschichte ist noch nicht so weit.
Die Leute wussten natürlich, dass der Alte bei der Rettung gestorben war, also ließen sie Dorn in Frieden. Er würde es ihnen schon erzählen, wenn es an der Zeit war. Abgesehen davon erzählte er nur zu gerne all die alten Geschichten, angefangen mit der, wie Vielfraß den Sommer aus dem Winter gezogen hatte, und die beim Erzählen jetzt an das erinnerte, was er selbst gerade geschafft hatte — Eistaucher und Elga aus dem eisigen Norden zu ziehen und zu ihrer sonnenbeschienenen Balme zurückzubringen; er war sichtlich zufrieden mit sich bei seinem Vortrag.
Tatsächlich schien er mit jeder Geschichte mehr Freude am Erzählen zu haben. Morgens saß er dann neben Eistaucher und befahl ihm, die Geschichten alleine zu erzählen, während er dazu nickte und ihm Gedächtnisstützen verriet, mit denen er sie sich merken konnte. Der Unterricht war anders als früher, als Dorns Worte ihm zu einem geprügelten Ohr hereingekommen und zum anderen wieder hinausgegangen waren. Jetzt beobachtete Eistaucher Dorns Gesicht, während der alte Schamane sprach, und stellte fest, dass er dadurch mehr von seinen Worten im Gedächtnis behielt und die Geschichten fast genauso wiederholen konnte, manchmal, indem er sich ein Bild des erzählenden Dorn vor Augen rief, sein Zwinkern, sein Stirnrunzeln und sein schiefes kleines Lächeln und vor allem seinen Tonfall. Man musste sich die Geschichten wie Lieder mit Melodien merken, das war der Trick. Darüber hinaus schnitzte Eistaucher die Reihenfolge von Dorns Geschichten in Stöcke, um sie später als Hilfestellung zu verwenden.
Was auch half, waren die Regeln des Erinnerns, die ihm inzwischen geläufiger waren: die Regel der Drei, die Oben-nach-unten- und die Unten-nach-oben-Regel, die Helfer und ihre Pflichten und derlei mehr. Es fiel ihm noch immer schwer, und selbst wenn er sich eine Geschichte eingeprägt hatte, stellte er einen halben Monat später oft fest, dass sie wieder aus seinem Kopf verschwunden war. Und weil ihm inzwischen daran gelegen war, Dorn eine Freude zu bereiten, frustrierten ihn solche Verluste mehr denn je. Das Herz wurde ihm ein wenig schwer, als er begriff, dass er nun, da er zurück und gerettet war, diese Geschichten würde lernen müssen, selbst wenn er nie besonders gut darin sein würde, sie zu erzählen. Bis jetzt hatte er nie daran geglaubt, eines Tages tun zu müssen, was man als Mann tun musste.
Doch vor allem war er froh. Er beobachtete Elga, die wie ein Nerz aß und zusehends wieder Fleisch auf die Knochen bekam, und konnte kaum glauben, dass sie bei ihnen war. Es kam ihm wie ein Traum vor, und manchmal hatte er Angst, dass er eines Morgens, wenn das Sonnenlicht den Nebel in der Schlucht gelb färbte, in einer Welt erwachen würde, in der die Dinge anders gekommen waren. Es verblüffte ihn immer wieder, dass sie Elga tatsächlich zurückbekommen hatten; das würde er nie ganz hinter sich lassen, er würde immer ein wenig verblüfft sein. Auf keinen Fall sollte ihr je wieder etwas zustoßen.
Heide war sichtlich erfreut über ihre Rückkehr. — Es war langweilig, ohne den plappernden alten Unaussprechlichen mit seinen Karbunkeleien. Die meisten Männer in diesem Rudel sind Trottel, und die Frauen tragen gerade etwas aus, deshalb gab es niemanden mehr, mit dem man reden konnte. Außerdem braucht ein Rudel wohl seinen Schamanen, selbst wenn er eine kleine Schlange ist.
Sie musterte Eistaucher eingehend. — Ich bin froh, dich zu sehen, Eistaucher. Aber lass dir eines gesagt sein: Du musst dich um diesen schlimmen Knöchel kümmern, sonst wirst du dein Leben lang humpeln. Noch bist du ein junger Mann, kaum mehr als ein Kind. Sicher willst du nicht zwanzig Jahre lang lahm sein. Man braucht beide Beine, um in der Welt zurechtzukommen!
— Das weiß ich, sagte Eistaucher besorgt. — Das kannst du mir glauben.
— Warum läufst du dann immer noch damit herum?
Eistaucher war überrascht. — Weil ich helfen muss! Ich kann doch nicht nur rumsitzen und mich wie ein Kleinkind füttern lassen. Ich kann vielleicht nicht jagen gehen, aber wenigstens kann ich noch Feuerholz sammeln.
Er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da schüttelte sie den Kopf. — Wir sind bestens zurechtgekommen, bevor du wieder da warst. Wir brauchen dich nicht. Hör mir zu! Wenn du dich nicht einen Mondlauf lang hinsetzt und dein Bein ausruhst, wirst du nie wieder jagen können. Und wir brauchen dich als Jäger. Im Lager kommen wir auch eine Weile ohne dich aus. Alle werden es verstehen. Selbst Steinbock wird es verstehen. Und wenn nicht, sorge ich dafür, dass er es versteht. Bei den letzten Worten klang sie so bedrohlich, dass Eistaucher ein Schauer über den Rücken lief.
Der Blick, mit dem sie ihn festnagelte, war keinen Deut sanfter. — Also, tust du, was ich sage, oder nicht?
— Ich werde es versuchen.
Von da an saß Eistaucher selbst am Tag, während alle anderen unterwegs waren, im Lager herum. Er kümmerte sich mit um Glückskind und die anderen Kinder, schlug Klingen von Blöcken ab, gerbte Felle und schnitt und nähte neue Jacken und Beinlinge für Elga. Gut genug nähen konnte er dafür zwar, aber einige Frauen fertigten Kleider an, die so viel besser waren als seine, dass er schließlich aufgab und stattdessen anfing, aus Stöcken kleine Figuren zu schnitzen und Erdblut zu Pulver zu zermahlen sowie die Geschichten aufzusagen, die er lernte. Was er auch tat, Heide wollte ihn nicht aufstehen lassen. Jeden Abend und oftmals auch tagsüber erhitzte sie Wasser, indem sie Steine vom Feuer in einen Eimer legte, goss das heiße Wasser dann in Blasen und legte sie über Schlimmbeins Knöchel. Sie probierte auch einige ihrer Salben an ihm aus, schüttelte aber zweifelnd den Kopf, wenn sie sein Bein nach einer solchen Behandlung untersuchte. Offenbar hielt sie die Wasserblasen für das beste Heilmittel, und auch Eistaucher fand, dass sie sich gut anfühlten. Anschließend hielt sie immer seinen Fuß in den Händen und drückte behutsam auf die Haut über dem geschwollenen Knöchel, um festzustellen, wo es wehtat, und rieb sie, um die Heilung zu beschleunigen.
— Das solltest du auch machen, sagte sie zu ihm. — Du spürst es besser. Wenn ein Band oder eine Sehne reißt, dann heilt die Verletzung manchmal einfach nicht. Aber manchmal heilt sie auch doch. Die Leute genesen sehr viel öfter von solchen Rissen und Brüchen, als man meinen sollte. Du musst also das Beste hoffen und dir sagen, dass es schon klappen wird. Du kannst dich wieder davon erholen. Zumindest solltest du dich früher oder später wieder schmerzfrei bewegen können.
— Das wäre gut.
Tatsächlich tat es nicht mehr so weh wie auf ihrem Marsch. Aber manchmal, wenn er Schlimmbein versehentlich bewegte oder ein wenig aus dem Gleichgewicht geriet, schoss nach wie vor der kleine, reibende Schmerz durch sein Bein. Heide sah es ihm an, und sie sah auch, dass er nicht mehr lange würde herumsitzen können. Fast einen Monat lang tat er das nun schon, und bald würden sie sich auf die Reise nach Norden vorbereiten. Er musste aufstehen und einen Versuch wagen. Also erklärte sie eines Morgens, dass sie ihm einen Heilschuh anfertigen würde.