— Was meinst du damit?
— Das zeige ich dir.
Sie setzte sich mit ihm zusammen in die Sonne, einen Vorrat von Stöcken, Geweihen, Stoßzahnstücken, Lederbändern und Zedernrindenkordel bei der Hand, und sie verbrachten den ganzen Morgen damit, ein Holzgestell anzufertigen, das ein bisschen an einen Stiefel erinnerte, mit Lederbändern, mit denen Heide es an seinem Fuß, seinem Knöchel und seinem Unterschenkel befestigen konnte. Mit diesem Gestell, das bis zu seinem Knie hochging, konnte er gehen, indem er das ganze Gerät vorschwang und bei jedem Schritt mit der Unterseite aufsetzte. Dadurch humpelte er ziemlich, aber wie er auch auftrat und was er auch tat, der linke Fuß und Knöchel wurden genau in Position gehalten. Heide erklärte, dass der Bruch dadurch Zeit zum Heilen bekommen würde. Und es stimmte, dass er, wenn er das Gestell trug, nie das Knacken spürte, nicht einmal beim Gehen.
Also konnte er nun beim Feuerholzsammeln helfen und andere gemächliche Aufgaben im Lager übernehmen. Nachdem er den Holzstiefel bis in den siebten Monat hinein verwendet und nachts weiter Blasen mit heißem Wasser auf den Knöchel gelegt hatte, spürte er kaum noch Schmerzen, und auch die Schwellung war sichtbar zurückgegangen. Er war langsam, und seine Bewegungen waren, wie Falke es ausdrückte, hässlich anzuschauen, aber schließlich kam der Tag, an dem er den Stiefel nicht mehr brauchte, barfuß gehen konnte und dabei keine Schmerzen im Knöchel hatte. Er spürte eine gewisse Steifheit und Schwäche im Vergleich zu Gutbein, aber keinen Schmerz. Das verblüffte Eistaucher; er hatte nicht damit gerechnet, hatte nicht gewagt, darauf zu hoffen. Heide hatte ihn geheilt!
Sie schüttelte den Kopf, als er das zu ihr sagte: — Nein, nein. Dein Körper hat sich selbst geheilt. Aber ich weiß, was du damit sagen willst. Wenn man verletzt ist, fällt es einem sehr schwer, daran zu glauben, dass der Körper sich selbst heilen kann. Meistens scheint es genau andersherum zu sein. Wir zerfallen in unsere Einzelteile und sterben, so ist der Lauf der Welt. Aber manchmal heilt etwas. Ich habe das zu oft beobachtet, um noch daran zu zweifeln, das eine oder andere Mal sogar bei mir selbst. Nein, Heilung gibt es wirklich. Aber warum kommt sie das eine Mal zu uns und das andere Mal nicht?
Mit düsterer Miene schüttelte sie den Kopf. — Das weiß niemand. Eigentlich wissen wir überhaupt nichts. Nichts außer dem, was uns Rabe auf den Kopf scheißt, wir wissen nur, was uns aus dem Arsch der Welt überliefert ist. Aber was die Welt da oben im Schilde führt, warum wir genau diese Scheiße bekommen und keine andere, kann niemand sagen.
Sie saßen in der Sonne an die Felswand gelehnt, umgeben vom Geruch von Thymian und grauem Stein und dem Fluss, der sich in der wärmer werdenden Luft dahinschlängelte. Eistaucher ließ langsam und vorsichtig den Fuß kreisen. Er konnte einfach nicht mit dem Grinsen aufhören.
— Heute Morgen ist das ziemlich gute Scheiße, bemerkte er, schnupperte und blickte sich um.
Sie warf ihm einen finsteren Blick zu, offensichtlich war ihr nicht nach Frohsinn zumute. Schließlich wechselte sie das Thema. Es gab eine Reihe von Waldpflanzen, die er für sie holen sollte. Er konnte es langsam angehen lassen, und sie schlug vor, dass er den Holzstiefel mitnehmen sollte, falls er das Gefühl bekommen sollte, ihn doch zu brauchen. — Du willst dich doch sicher nicht wieder verletzen, gerade jetzt, wo du dich wieder erholst.
Größtenteils handelte es sich um Frauenarbeit, aber Jungen, alte Männer oder Schamanen übernahmen sie auch, besonders in diesem Monat. Viele der Mädchen arbeiteten für Heide und lernten dabei, was Heide über Pflanzen und Heilung und Geburtshilfe wusste, ohne dass sie viel Aufhebens darum machen musste. Eistaucher wünschte sich, dass Dorn es mit seinem Schamanenkram genauso gehalten hätte. Aber Frauen gingen die Dinge anders an. Viele von ihnen zogen tagsüber los, um Fallen zu stellen. Dann verschwanden sie entlang des Flussufers, um Unterwasserschlingen auszulegen, mit denen sie Bisamratten ertränkten. Manche von ihnen warfen Speere auf die vielen kleinen Tiere in der Schlucht und töteten ein paar Schwestern, um sich während ihrer Monatsblutungen die Zeit zu vertreiben, wenn so einige von ihnen übellaunig waren. Ja, auf ihre Art waren alle Frauen Jägerinnen, ob sie nun auf die Jagd zogen oder nicht. Einige der unheimlichsten Frauen gehörten zu denen, die im Lager blieben. Sie bildeten verschworene Gemeinschaften innerhalb des Rudels und starrten einen an. Fällten Urteile über einen. Sie schlitzten einem die Kehle auf, wenn sie anders nicht bekamen, was sie wollten. Selbst Elga, trotz all ihrer Wärme und der Liebe, mit der sie ihn in sich aufnahm und mit der sie ihn durch den Schnee nach Hause gezogen hatte — selbst Elga hatte manchmal einen Blick, der eher an einen Höhlenbären als an einen Elch denken ließ. Man kam ihr besser nicht in die Quere, und das galt jetzt mehr denn je. Was auch in Ordnung war, weil Eistaucher immer das wollte, was sie wollte. Außerdem richtete sie ihren Höhlenbären-Blick vor allem auf Donner und Blauhäher und auf Salbei.
Da hielt man sich am besten raus. Also überquerte er den Steinbison und durchstreifte die dichten Wälder an den Nordhängen jenseits der Urdecha, auf der Suche nach Nieswurz und Nachtschatten und Minze und Pilzen und Trüffeln, die er unter Farnen oder hinter den kleinen Quellen fand, die aus den ausgehöhlten schattigen Bruchkanten am Rand der Schlucht gurgelten, oft genau dort, wo die Felswände in die sanfter zum Talgrund hin abfallenden bewaldeten Hänge übergingen. An Stellen, die immer im Schatten lagen, gediehen Pflanzen, die es sonst nirgendwo gab. Felsen im ewigen Schatten waren mit Moosen und Flechten bewachsen, und zu ihren Füßen wuchsen Farne und wucherten ganze Netze von Büschen. Kleine Blumen und der trockene Duft von Thymian, der von sonnigeren Flecken herangetragen wurde, verliehen dem Geruch nach kühlem Grün eine würzige Note. Rotkehlchen pickten neben ihm auf dem Waldboden. Sie waren als ruhige und kluge Vögel bekannt, die sich oft in der Nähe von Menschen aufhielten, solange sie nicht belästigt wurden. Eistaucher fühlte sich durch ihre Anwesenheit gesegnet. Gegenüber, auf der Sonnenseite der Schlucht, bewegten sich die Kiefernäste im Wind.
Eistaucher verspürte keine Schmerzen beim Gehen. Immer wieder vergewisserte er sich dieses Wunders und stellte immer wieder fest, dass es Wirklichkeit war, um im nächsten Moment bei einem vielversprechenden Farnbeet auf die Knie zu sinken und darunter nach Nachtschatten zu suchen. Gelegentlich stand er auf und blickte auf den Fluss hinunter, der sich durch seine Schlucht wand, und auf ihr Lager auf der anderen Seite. Ein Glück, dass sich die besten Überhänge in dieser Schlucht an den Nordwänden der Schlucht befanden und damit in Richtung der sonnigen Südseite wiesen. Der Fluss wollte, dass die Menschen sich an seinem Bett wohlfühlten, und hatte die Dinge entsprechend eingerichtet. Hier auf der Schattenseite wäre ein Überhang verschwendet gewesen, und tatsächlich gab es auch weniger solcher verschwendeten Überhänge, unter denen es meist besonders feucht war. Andererseits gediehen dort gewisse Schattengewächse besonders gut.
Er erhob sich, hielt sich die Blätter und die frischen Knospen eines Minzzweigs unter die Nase und spürte, wie ihr Duft ihm zu Kopfe stieg. Unten im Lager sah er Elga und Glückskind am Feuer sitzen. Elga stanzte gerade mit einer Knochenahle Löcher in Leder, während Glückskind mit etwas spielte, das wie die kleinen Holzeulen aussah, die Eistaucher ihm geschnitzt hatte.
Kaum zu glauben, dass er nicht träumte. Doch hier stand er, hoch aufgerichtet und ohne Schmerzen, in der Kühle eines ganz gewöhnlichen Morgens. Eigentlich waren inzwischen die Dinge, die er in der Ferne erlebt hatte, zu Träumen geworden, obwohl sie ihm immer noch bedrohlich erschienen. Zu ihrer Zeit waren sie wirklich gewesen und hatten ihn mit Entsetzen und Hoffnungslosigkeit erfüllt, doch nun war all das vorbei. Es ließ sich nichts mehr an ihnen ändern, und sie konnten ihm auch keine weiteren Schmerzen mehr bereiten. Er musste keine Angst mehr vor ihnen haben. Er war aus ihnen erwacht, in diesen Traum, der kein Traum war. Einmal mehr trat er von jener Welt, in der er sich zuvor aufgehalten hatte, in die nächste. Alle Welten treffen sich. Es war Zeit, dem nachzuspüren und sich zu freuen.