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Dorn hingegen war nicht glücklich. Zuerst überraschte das Eistaucher. Doch dann begann er zu verstehen: Dorn würde niemals glücklich sein. Es war nicht seine Art. Viele alte Leute waren so. Aber nein, Windhauch war denkbar glücklich gewesen, bis kurz vor ihrem Tod. Es lag an Dorn. War er seit jeher so? Eistaucher konnte sich nicht erinnern.

Eines Nachts saßen sie ums Feuer und aßen Lachs und eine Körnermaische, die Donner auf einem heißen Stein gekocht hatte. Dorn stand und trank aus einer Kelle, und Eistaucher saß am Feuer, massierte sich den linken Fuß und betastete die neuen, harten kleinen Knötchen darin, fest und schmerzfrei. Er hob den Blick, weil Dorn zusammengezuckt war, und sah, dass der Schamane über Eistauchers Kopf hinweg etwas auf der anderen Seite des Feuers anstarrte. Sein Gesicht sah aus wie eine hölzerne Maske, über die der Feuerschein flackerte. Niemand sonst benahm sich seltsam, alle plauderten miteinander über dies und das: Nur Dorn war erstarrt. Mit einem Mal erkannte Eistaucher, dass Dorn Knacks Geist anstarrte. Das war es, was sein maskenhaftes Gesicht bedeutete.

Eistaucher zog sich der Magen zusammen, und die Haare auf seinen Armen stellten sich auf. Er wagte es nicht, sich umzudrehen, um den Geist selbst zu sehen, dafür war er viel zu verängstigt. Vielleicht stand Knack halb aufgefressen da, blutend, die roten Augen rachedürstend, mit spitzen Reißzähnen im Mund. Um nichts in der Welt würde er sich umdrehen.

Dorn blieb wie gebannt stehen. Einen Moment lang war alles in der Schwebe. Die Leute redeten im orangefarbenen Feuerschein. In Eistaucher regte sich wider Willen Neugier. Er wollte sehen, ohne hinzuschauen, wissen, ohne zu sehen. Er hielt den Atem an, spürte, wie sein Arschloch sich schmerzhaft zusammenkrampfte, wandte den Kopf und sah nach unten ins Feuer; und dann verdrehte er die Augen weit nach rechts und warf einen Blick über die Flammen in die Richtung, in die Dorn starrte.

Es war tatsächlich Knack. Er stand am Rande des Feuerscheins, in der Dunkelheit zwischen zwei Bäumen, flackernd tauchte er auf und verschwand. Ganz sicher war es Knack. Sein blasses Gesicht sah vor Kälte erstarrt aus, sein Haar, sein Bart und seine Stirn mit Frost bestäubt, aber seine Augen waren lebendig, und ihr Blick war auf Dorn gerichtet. Seine Miene wirkte tadelnd. Alle Stücke von ihm, die sie gegessen hatten, schienen unter seinem Bärenfellmantel noch immer da zu sein.

Dann wanderte sein erfrorener Blick von Dorn zu Eistaucher, und Eistaucher riss schnell den Kopf herum, zutiefst bestürzt. Sein Gesicht kribbelte. Dorn sah zu Eistaucher hinunter und dann wieder zu Knack. Das Gesicht des Schamanen verriet, dass der Alte sie immer noch ansah. Eistaucher kauerte sich mit gesenktem Kopf zusammen. Er war zu nichts in der Lage, als furchtsam zu Dorn aufzublicken.

Dorn nahm sehr langsam seine Flöte vom Gürtel und spielte eine Melodie, die Eistaucher an das Lied über Wolfstäuscher erinnerte. Dann wandelte die Melodie sich, und er erkannte sie als Knacks dreifaches Pfeifen, das Dorn irgendwie in eine Totenklage verwandelte. Eins zwei drei, eins zwei drei. Während Dorn spielte, starrte er die ganze Zeit über das Feuer hinweg Knack an. Schließlich hörte er auf zu spielen, nickte, küsste die Flöte und verstaute sie. Dann wandte er sich ab und ging zu Bett.

Danach trieb Knack sich oft im Lager herum. Bei Nacht am Feuer bemerkte Eistaucher oft, dass Dorn den Geist am Rande des Feuerscheins sah, wie eine Hyäne in der Nähe eines toten Tiers. Wenn das geschah, spielte Dorn auf seiner Flöte, aber Eistaucher hatte den Eindruck, dass das nicht genügte. Vielleicht würde der Geist zufrieden sein und verschwinden, wenn sie Knacks Knochen richtig bestatteten. Darauf setzte Eistaucher seine Hoffnungen.

Dorn trug in diesen Tagen beständig ein angestrengtes Stirnrunzeln zur Schau. Mehr denn je sah er aus wie eine schwarze Schlange. Manchmal konnte Eistaucher ihn mit einem beschnitzten Stück Wurzelholz oder Geweih ablenken oder mit einem in Schiefer gekratzten Bild, oder einem auf ein Stück Holz gemalte Tier. Oft erzählte er auch eine von Dorns Lieblingsgeschichten, darunter die über den Mann, der eine Schwanenfrau geheiratet und dadurch sein Leben ruiniert hatte und am Ende in eine Möwe verwandelt worden war. Wenn Eistaucher zum Ende dieser Geschichte kam, lächelte Dorn immer ein düsteres kleines Lächeln.

— Gut gesprochen, Junge. Immerhin ist das deine Geschichte. Und du wirst langsam besser darin, sie zu erzählen. Sehr viel besser als damals beim großen Fest. Jetzt trägst du das Ende mit echtem Gefühl vor. Du weißt, wie sich das anfühlt, was? Aber vergiss nicht den Teil mit dem alten Mann, der ihm hilft.

Der Vollmond des Sommermonats nahte. Nach und nach war der Entschluss gereift, dieses Jahr nicht zum Acht-Acht zu reisen. Viele verschiedene Gründe wurden dafür genannt, aber der wichtigste war wohl, dass Schiefer eine direkte Konfrontation mit den Nordleuten vermeiden wollte. Er schlug vor, dass sie bis zum Lachsfluss gehen, die Lachse fischen und den darauffolgenden halben Monat damit verbringen sollten, in den Schluchten westlich der Eiskappen zu jagen. Anstelle der Rentiere in der Steppe würden sie Pferde, Moschusochsen, Schafe, Bären und all die anderen Tiere des Westens erlegen. Frühling und Sommer waren so stürmisch gewesen, dass vielleicht ohnehin keine Rentiere kommen würden. Es war bekannt, dass sie in Sturmjahren manchmal ausblieben.

Natürlich hielten einige aus dem Rudel diese Veränderung für einen Fehler, und niemand verpasste gerne das Acht-Acht, vielleicht mit Ausnahme von Eistaucher. Wieder einmal war das eine Sache, bei der Schiefer nicht gut dastand. Zunehmend gelang es ihm nicht mehr, dem Rudel ein Gefühl der Einigkeit zu vermitteln. Immer wieder schimpfte Steinbock wegen dieser oder jener Sache mit Falke und Moos, und Falke hatte keine Hemmungen zurückzuschimpfen, wobei er immer verstohlen zu Schiefer blickte. Die Jugend hat ihren eigenen Kopf. Dorn, der abgesehen von Heide der Älteste im Rudel und obendrein Schamane war, hätte die Streitigkeiten schlichten sollen. Doch Dorn war zerstreut und fahrig, und anstatt sich dazu zu äußern, wie sie den Sommer verbringen sollten, verbrachte er seine Tage mit immer längerem Flötenspiel.

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Also blieben sie in diesem Sommer daheim. Einige von ihnen zogen nach Westen zum Lachsfluss, während andere zur Jagd nach den Pferdeherden aufbrachen, die durch die große Schlucht kamen, und sie in Kolbispalten hineintrieben, aus denen sie nicht entkommen konnten. Die im Lager Zurückgebliebenen stellten Fallen auf. Sie mussten nicht nur für sich genug Vorräte für den Winter anlegen, sondern auch, um dem Rabenrudel zurückzugeben, was sie während des Hungerfrühlings von ihm erhalten hatten, und noch ein wenig mehr als Dankeschön. Da sie dieses Jahr keine Rentiere erbeuten konnten, war das eine echte Herausforderung, die sie jedoch, wie sich im Laufe des Herbstes herausstellte, bewältigen konnten; nur den Anteil für die Raben bekamen sie nicht zusammen.

— Das muss vielleicht noch ein Jahr warten, gestand Schiefer. — Oder wir sehen, wie es im Frühling wird, und entscheiden dann.

— Wir werden auch den Nordleuten Wiedergutmachung leisten müssen, warnte ihn Dorn, — wenn wir nächstes Jahr zum Acht-Acht gehen. Selbst wenn es ihre Schuld war. Das Urteil wird von den Jahreszählern getroffen, und es könnte gegen uns ausfallen. Wir müssen also darauf vorbereitet sein. Aber Nahrung taugt nicht für eine solche Wiedergutmachung, wir brauchen etwas anderes.