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— Ich weiß, antwortete Eistaucher und wollte einmal mehr erklären, wie biegsam Eschenholz sei und dass er die Fußstangen mit Mammutzahnfassungen befestigen würde, da fiel ihm auf, dass Dorn erneut mit weißen Augen übers Feuer starrte. Eistaucher fühlte ein Kribbeln, auf seinen Armen stellten sich die Haare auf, und in seinem Knöchel meldete sich Schlimmbein mit leisem Summen zu Wort. Langsam zog Dorn die Flöte aus dem Gürtel und hauchte die leise Melodie seiner Entschuldigung hinein. In letzter Zeit hatte er sie um einige vogelartige Töne erweitert, die an Knacks Girren erinnerten. Während er sein Lied spielte, hielt er den Blick die ganze Zeit auf die andere Seite des Feuers gerichtet, die Augen noch immer weit aufgerissen, und flehte Knacks Geist um Verständnis und Vergebung an.

Während dieser Heimsuchung saß auch Heide am Feuer, um in seinem Licht verschiedene getrocknete Kräuterzweige zu begutachten, die Blätter und Samen zu pflücken und sie säuberlich auf kleinen Tüchern zu ordnen, die aus der Unterwolle von Moschusochsen gefertigt waren. Sie arbeitete weiter, ohne sich in irgendeiner Weise anmerken zu lassen, ob sie etwas von dem wahrnahm, was Dorn widerfuhr.

Erst als sie und Eistaucher am nächsten Morgen an der plätschernden und glucksenden Furt durch den Oberbach allein waren, sagte sie zu ihm:

— Ist es Knack, den Dorn zu sehen meint?

Eistaucher wollte nicht darüber reden, aber unwillkürlich nickte er, fast genau so, wie Knack es getan hätte.

Sie musterte ihn, während er zu Boden sah. — Was ist mit Knack geschehen? Wie ist er gestorben?

Erneut wollte Eistaucher nichts sagen, aber die Worte kamen trotzdem aus seinem Mund wie ausgespuckte Kerne. — Eines Morgens, als wir erwachten, war er tot.

Er erzählte Heide davon, wie sie seinen gefrorenen Leichnam anschließend als Schlitten verwendet hatten, ein Schlitten, den sie auf dem Weg langsam aufgegessen hatten, weil sie sonst gestorben wären. Er erzählte ihr, wie Schlimmbein ihn erst gezwungen hatte, einen Tag lang auf Knacks Rücken zu reiten und später auf Knacks gefrorenem Leichnam zu sitzen und sich von Elga ziehen zu lassen, während Dorn den richtigen Weg gesucht hatte. Wie Knacks Geist sich in jener Zeit vielleicht in Schlimmbein eingenistet hatte, weil Knacks Beine zu den ersten Teilen gehörten, die sie von ihm gegessen hatten.

Heide hörte schweigend zu und nickte nur dann und wann, um Eistaucher anzuzeigen, dass sie ihm zuhörte und verstand. Gelegentlich schnaubte sie.

Als er fertig war, seufzte sie schwer.

— Ihr müsst Knacks Knochen einsammeln und ihn vernünftig begraben. Inzwischen dürften die Raben sie blank gepickt haben.

— Das wissen wir. Aber bis dahin …

Sie zuckte mit den Achseln. — Es wird ein langer Winter. Gut möglich, dass er die Sache nie hinter sich lässt, wie lange er auch lebt. Man weiß nie, wie Dorn mit etwas umgeht. Er ist sehr schwer einzuschätzen.

— Da hast du recht, bemerkte Eistaucher.

Als der zweite Wintermonat anbrach, hatte Eistaucher das beste Paar Schneeschuhe, das er hinbekam. Als er damit zufrieden war oder seine Unzufriedenheit zumindest so weit wie möglich überwunden hatte, fertigte er ein weiteres Paar in dieser Art an. Er lud Dorn zu einem gemeinsamen Spaziergang ein, und so schnallten sie sich eines Tages die Schneeschuhe an und wanderten stromabwärts, wie es sich mit neuen Schneeschuhen gehörte. Dorn scherte abwechselnd nach links und rechts aus wie eine Klippenschwalbe, ging am Hang entlang zum Fluss hinab, über den Vorsprung, hinter dem man auf die nächste Biegung stromaufwärts stieß, und ließ sich den steilen Hang auf der Westseite hinabschlittern. Als er die Einmündung des Oberbachs erreichte, hielt er direkt am Eisloch inne. Schwarzes Wasser glitt direkt vor seinen Schneeschuhen dahin. Er warf seine Kapuze zurück, und sein ohrloser, fast kahler Kopf erinnerte an eine Schlange, die von einem Felsen aufblickte. Dünnlippig lächelte er Eistaucher an. — Die sind gut. Wenn Schiefer beim Acht-Acht keinen Mist baut, dann dürfte alles in Ordnung kommen.

— Du kannst ihm doch helfen, schlug Eistaucher vor.

Dorn bedachte ihn mit einem durchdringenden Blick, widersprach jedoch nicht.

Nicht lange danach stand Eistaucher im Sonnenuntergang auf dem Hügelkamm zwischen dem Ober- und dem Untertal, und von dem Grat über dem Pfad sah er Knack herabkommen. Erschrocken machte er einen Satz nach hinten, doch dann schaute er genau hin und erkannte, dass es ein anderer Alter war, ein echter, kein Geist. Darauf erfasste ihn eine neue Angst, und während er den Pfad zum Lager hinabrannte, überlegte er, ob Knacks Geist schlimmer oder besser gewesen wäre. Wahrscheinlich besser. Noch immer fühlte er Knacks Rücken, auf dem der Alte ihn durch die Nacht getragen hatte, als er nicht mehr hatte laufen können; er sah noch immer Knacks Schneeschuhabdrücke vor sich, die hier und da von Dorns abwichen, um einen günstigeren Weg einzuschlagen. Vor Kummer zog sich etwas in ihm zusammen und entlockte ihm ein Klagen, das wie der nächtliche Ruf eines Eistauchers klang.

Tief im Winter, doch die Tage wurden länger; Unwetter; ums Feuer sitzen, Dinge anfertigen und Geschichten erzählen. Nachts, wenn alle schliefen, Elga lieben, leise inmitten der anderen, spüren, wie sie unter ihren Decken miteinander verschmolzen, zu einem leise spritzenden und klammernden Tier mit zwei Rücken, fast regungslos, was das Ganze seltsam eindringlich machte, eine Vereinigung, eine geheime Liebe, die wie ein roter Visel aus dem Schnee erblühte. Der Schnee, der vereiste Fluss. Schwarze Wasserlöcher, an die sie sich nicht heranwagen mussten. Ein Keil auf Elgas Stirn, weil sie sich an etwas störte, was Donner oder Blauhäher getan hatten, und schweigend und mit eisigem Blick darüber nachgedacht, was sie dagegen unternehmen würde. Stern, die sich um all die neuen Kleinen kümmerte, Glückskind, das plapperte, die ersten Worte sprach, Glückskind, das laufen lernte. Sie zum Lachen brachte. Falke mit Entchen. Trotz allen Geredes hatten die Frauen in den letzten Wochen mehrere Ehen innerhalb des Rudels arrangiert. Anscheinend, so teilte man ihnen nun mit, war daran nichts Ungewöhnliches.

Essen, was Schiefer aus seinen Gruben holte, auf seine Miene achten, um herauszufinden, wie es um die Vorräte stand.

Sich an den vorangegangenen Winter erinnern und feststellen, dass man noch mehr Glück gehabt hat als Glückskind.

Im Frühling, als der Schnee an den südlichen Hängen geschmolzen war und das schwarze Wasser auf den sonnigeren Teichen bloßlag, kehrten Dorn und Eistaucher zu dem Baum westlich des Nordtals zurück, an dem sie Knacks Leichnam für die Raben zurückgelassen hatten. Dorn sprach kein Wort über den Anlass ihrer Reise, und auch Eistaucher schwieg. Es gab keinen Grund, auf etwas derart Offensichtliches hinzuweisen: Knacks Geist führte sie bei jedem Schritt ihres Weges, strich zwischen den Bäumen umher und blickte sich gelegentlich zu ihnen um, wie um sich zu vergewissern, dass sie ihm noch folgten. Dorn war offensichtlich fest entschlossen, diese Begegnungen nicht zu beachten, und Eistaucher verspürte ein warmes Summen in Schlimmbein, das ihn nervös machte, als könnte der Schmerz zurückkehren, wenn er sich nicht benahm. Wäre Dorn nicht gewesen, dann hätte er wahrscheinlich den Schwanz eingekniffen und wäre wie ein Kaninchen zurück ins Lager gerannt, ohne ein einziges Mal den Blick vom Boden zu heben.

Dorn fand den Baum ohne Schwierigkeiten wieder. Unter ihm lag Knacks skelettierter Brustkorb, seine restlichen Knochen waren im Lauf des Frühlings von kleinen Aasfressern um ihn herum verteilt worden. Einige fehlten, aber sie hatten ohnehin nicht seinen ganzen Leichnam den Raben überlassen.