Schweigend sammelten Dorn und Eistaucher die Knochen ein. Fast alle waren sauber abgenagt. Dorn schichtete sie sorgfältig auf, wie Feuerholz, das man zum möglichst einfachen Tragen vorbereitete. Den Schädel trug Eistaucher auf Dorns Bitte hin im Brustkorb. Bevor er Schädel und Kieferknochen in den Brustkorb legte, berührte Eistaucher mit dem Schädel Schlimmbein und flüsterte bei sich: Danke, Knack. Wenn du mir helfen willst, bleib hier in mir drin, und wenn nicht, geh an deinen Platz im Himmel und lass Dorn in Ruhe.
Dorn trug die Knochen an den schmalen Teich, den am höchsten gelegenen in dieser Schlucht. Dort, wo das Ufer am tiefsten zum Wasser hinabreichte, nahm Dorn Knacks Schädel und Kieferknochen aus dem Brustkorb. Er sang das Lied, das den Geist befreite:
Eistaucher betrachtete Knacks schwere Stirnknochen, den seltsam langen Schädel, seine großen, abgewetzten Beißer. Seine Zähne sahen noch ganz genauso aus wie zu Lebzeiten, wenn er sie ängstlich grinsend oder schüchtern lächelnd entblößt hatte. Als Eistaucher das sah, verspürte er einen weiteren Stich des Kummers, und Hitze stieg ihm in Augen und Kehle auf. Der Schädel war Knack und war es zugleich nicht. Ein Körper war bloß ein Kleid; der eigentliche Knack war seine Seele, was man daran erkannte, dass er mit ihnen hier draußen im Wald war. Zu ihrer Erleichterung zeigte er sich im Augenblick nicht, doch sie spürten, dass er nicht weit war.
Dorn schlug die Augen auf, die er beim Singen geschlossen hatte. Er blickte sich um, und offensichtlich war da nichts außer dem eisumkränzten Teich, den Bäumen, den Wänden des engen Tals, dem Himmel. In diesem Moment konnte Eistaucher sehen, wie eine Last von Dorns Schultern abfiel.
Eistaucher holte tief Atem und stieß die Luft wieder aus. Das Bienensummen, das in seinem Bein eingesetzt hatte, verriet ihm, dass Knacks Geist nun in ihm drin war und die taube Stelle in seinem Knöchel bewohnte. Einmal mehr entschied er, dass Schlimmbein von nun an Knack heißen würde. Schlimmbein gab es nicht mehr. Eistaucher würde Knack in sich herumtragen, und hoffentlich würde sich der Alte als Freund erweisen, auch wenn Eistaucher einen Teil von ihm hatte essen müssen. Das war ganz schön viel verlangt. Aber Knack hatte ihnen von Anfang an geholfen. Seit Heide ihn gesund gepflegt hatte, war er ihnen bereitwillig zu Diensten gewesen. Vielleicht würde er ja damit weitermachen. Eistaucher würde es später herausfinden.
Vorerst stand er allein mit Dorn im Wald. Behutsam versenkten sie die Knochen im schwarzen Wasser, sahen zu, wie sie einer nach dem anderen versanken, und sangen dabei zum Abschied:
57
Im siebten Monat desselben Jahres, als Elga erneut schwanger war, machten sie sich zu ihrem Sommerzug auf, vorbei an den Eiskappen und dann nach Norden in die Steppe. Die Wanderung unterschied sich so sehr von ihrem Gewaltmarsch nach Hause im Vorjahr, dass ihre Flucht Eistaucher dadurch im Rückblick noch traumartiger erschien. Oder vielleicht war dies jetzt der Traum; oft kam es Eistaucher so vor. Der Himmel war klar, die Luft warm; am Lachsfluss fingen sie mehr Lachse, als sie essen konnten. Nachdem sie eine gute Ladung Fische geräuchert hatten, setzten sie ihren Weg fort, wobei jeder nur eine oder zwei Fäuste am Stück eine Schleife ziehen musste. Kurze Wanderungen, lange Ruhepausen in jedem Tal, an jeder Furt, jedem Pass und Rastplatz, den sie kannten. Auf der Steppe folgten sie den Pfaden entlang der sich windenden Flüsse nach Norden bis zur Rentierschlucht, und obwohl es dort dieses Jahr nicht so viele Rentiere gab wie vor zwei Jahren, gelang es ihnen, eine Reihe der Tiere in ihre Rinne mit dem niedrigen Steilhang am Ende zu lenken, und der Überfluss an Fleisch, den ihnen das bescherte, hielt sie Tag und Nacht beschäftigt. Eines Nachts vor dem Einschlafen gingen Elga und Eistaucher zum Fluss hinab, um sich zu waschen, und hörten zwei Eistaucher stromabwärts. Eistaucher rief seinen Eistaucherruf, und die Eistaucher riefen zurück, und anschließend versuchte Elga es, worauf die Eistaucher erst zögerten und dann auch ihr antworteten. Sie hielten einander und lachten laut über ihr Glück. Es gibt keinen größeren Segen als den Ruf eines Eistauchers.
Dann brach der neue Mond des achten Monats an, und sie waren wieder zum Fest unterwegs. Langsam wurden alle etwas nervös, doch mit Sicherheit war niemand im Rudel so nervös wie Eistaucher, der sich nicht überwinden konnte, Elga auch nur für den kleinsten Augenblick von der Seite zu weichen. Sie hatte etwa die Hälfte ihrer Schwangerschaft hinter sich.
Und so erreichten sie das Festtal in einer ganz anderen Stimmung als in den vergangenen Sommern, dicht zusammengerottet, die Männer vorne und die Kinder zwischen den Frauen versteckt, die sich zum Kämpfen und Töten bereit gemacht hatten, die Haare zu Zöpfen geflochten und hochgebunden wie sonst nur für den Tanz der achten Nacht. Die Männer hielten ihre Speere in einer Weise vor sich, die beim Fest unüblich war. Schiefer und Steinbock und Dorn gingen vorne, flankiert von Falke und Moos und Achtlos und Speerwerfer, und noch während sie zu ihrem üblichen Lagerplatz zogen, riefen sie den Jahreszählern zu, dass sie eingetroffen waren und einen Richtspruch brauchten.
Und den brauchten sie tatsächlich, denn die Nordleute waren bereits da und hatten ihr Lager am Nordrand der Wiese aufgeschlagen, wie sie es immer taten, wenn sie das Acht-Acht überhaupt besuchten, und ihre Männer hatten die Wölfe gesehen und überquerten in eben diesem Moment mit Speeren in den Händen die Wiese. Die Jahreszähler begriffen, dass sie gebraucht wurden, und kamen so schnell wie möglich von überall her auf der Festwiese zusammen. All das Gerenne und Geschrei erregte natürlich auch die Aufmerksamkeit der sonstigen Festbesucher.
Die Nordleute brüllten: — Da sind sie! Diebe, Mörder! Wir wollen Gerechtigkeit! Und wenn wir die nicht bekommen, töten wir sie!
Aber an der Spitze der Wolfsmänner stand Schiefer, der gut darin war, unverrückbare Entschlossenheit zur Schau zu tragen, seinen Speer in beiden Händen vor der Brust. Die anderen Wolfsmänner standen genauso da, die Speere kampfbereit erhoben. Eistaucher pochte das Herz bis zur Kehle. Er stand direkt neben Elga.
Die größeren Männer unter den Jahreszählern drängten sich ins Zentrum der wachsenden Menge, und einer von ihnen rief die Anwesenden laut zur Ordnung. Laut den Regeln des Fests mussten alle gehorchen. Wenn jetzt jemand zu kämpfen anfing, würde er dafür heftig zusammengeschlagen und anschließend des Fests verwiesen werden, vielleicht für immer. Die meisten Jahreszähler stammten aus Rudeln, die besonders nah am Festgelände lebten, und sie duldeten keinen Verstoß gegen ihre Regeln; wenn sie merkten, dass man ihre Herrschaft infrage stellte, dann pumpten sie sich auf wie Kröten und rotteten sich wie Löwen bei ihrer Beute zusammen, den Blick starr, die Augen weit aufgerissen. So sahen sie auch jetzt aus, mit geschwelltem Kamm, bereit, vorzuspringen und zuzuschlagen. Ihr Anblick machte deutlich, dass die Nordleute und die Wölfe eindeutig nicht die gefährlichsten unter den Anwesenden waren, auch wenn sie die wütendsten sein mochten. Und selbst diese Wut war sicher teilweise gespielt; denn die Verbrechen, um die es ging, lagen bereits Monate zurück.
Der Sprecher der Jahreszähler hob beide Hände hoch in die Luft. Die Menge verstummte.