— Sprecht, sagte er gewichtig und machte den Nordleuten dabei mit Blicken deutlich, dass er meinte: Sprecht, und tut sonst nichts.
Ein Jende aus einem der anderen Häuser sprach für sie, ein Mann, für den Eistaucher einige Male in den Spalten gearbeitet hatte, und als er die Stimme des Mannes hörte, zog sich Eistauchers Magen zu einer kleinen Kugel zusammen.
Einige der Jahreszähler kannten die Sprache der Jende, und einer von ihnen gab die Aussage des Nordmanns kurz in der Südsprache wieder, die die meisten Anwesenden verstanden. Sie lautete wie erwartet: Eistauchers Rudel habe vor drei Sommern eine ihrer Frauen geraubt, und im darauffolgenden Sommer hätten sie sie zurückgeholt und Eistaucher daran gehindert, sie erneut zu rauben. Dann seien Eistauchers Leute in ihr Lager eingefallen und hätten mit seiner Hilfe ein Haus niedergebrannt und sie erneut entführt. Bei dem Angriff seien viele verletzt worden, eine Frau und ihr Kind seien an ihren Verbrühungen gestorben, und eines der größten Häuser sei zerstört worden.
— Die Frau, um die es geht, kam vor drei Sommern von alleine zu uns, erklärte Schiefer, sobald der Übersetzer seinen Bericht beendet hatte. — Sie gehörte überhaupt nicht zum Rudel der Nordleute. Sie spricht nicht einmal ihre Sprache. Sie kommt aus dem Osten und hat sich uns bei jenem Fest aus freien Stücken angeschlossen. Das könnt ihr alle bezeugen. Sie hat bei uns eingeheiratet, und wir haben sie aufgenommen. Dann haben die Nordleute sie entführt. Und dann haben wir sie zurückgeholt. Wir haben getan, was getan werden musste. Es ist ein Jammer, dass einige von ihnen verletzt wurden, aber nicht wir haben angefangen.
Auf diese Aussage folgte heftiges Geschrei bei den Jende, übertönt von Schiefers wütenden Erwiderungen. Auf immer lautere Beleidigungen folgte das Drohen mit Speeren, worauf die Jahreszähler sich noch mehr aufplusterten und ihre Stöcke schlagbereit über die Köpfe erhoben. Erneut hob ihr Sprecher die Hand, diesmal zur Faust geballt, und der Lärm verebbte und erstarb schließlich ganz.
Mit einem Mal stand Elga vorne zwischen Dorn und Schiefer, Glückskind auf dem Arm. Hastig trat Eistaucher hinter sie.
— Ich stamme aus dem Osten, verkündete sie laut.
Die letzten Worte sprach sie so stockend und voller Zorn, dass alle ein wenig zurückzuckten. Eistaucher und die restlichen Wölfe rissen vor Verblüffung Augen und Münder auf; sie hatten Elga nie auch nur halb so viele Worte sprechen hören und nie in einem derart erstickten, zornigen Tonfall. Doch jetzt war es so weit. Elga, die immer auswich; diesmal hielt sie direkt auf ihren Gegner zu. Sie blickte in die Menge, die die Augen nicht von ihr abwenden konnte. Der Tag gehörte ihr.
Die Nordleute hatten natürlich etwas auf ihre Worte zu erwidern. Sie stritten ihre Geschichte ab und betonten, dass nicht nur welche von ihnen verletzt worden waren, sondern dass ein Kind an Verbrühungen gestorben war und später auch noch eine Frau. Außerdem habe man eines ihrer Häuser in Brand gesteckt, sie bestohlen und so weiter. Selbst ohne die Hilfe des Übersetzers verstand man sie recht gut. Es schien, dass die beiden Sprachen mehr Worte gemein hatten, als ihnen bislang klar gewesen war.
Anstatt ihnen Zugeständnisse zu machen, stieß Schiefer weitere harsche Beleidigungen aus. Dann fiel Steinbock mit ein. Das brachte den Zorn mehrerer Nordleute in Wallung, worauf die aufgeplusterten Jahreszähler sich zu Schiefer und Steinbock umdrehten: Auch sie missbilligten, wie die beiden sich aufführten. Die jungen Wolfsmänner waren nicht in Schiefers und Steinbocks Geschrei eingefallen, sondern ließen ihren Anführern den Vortritt, was die Nordleute zu erneuten Schimpftiraden ermutigte, aber auch Schiefers Wut weiter anstachelte.
Schließlich schob Dorn sich vor Schiefer und Elga und hielt ein mit roten Kordeln zusammengebundenes Paar von Eistauchers neuen Schneeschuhen empor. Als es still wurde, sagte Dorn:
Der letzte Teil von Dorns Rede war in erster Linie an die Jahreszähler gerichtet, denen es gefiel, wenn man an sie appellierte. Es gefiel ihnen auch, dass Dorn ihnen die vier Paar Schneeschuhe überreichte, damit sie sie an die Nordleute weitergaben. Eistaucher und die anderen Wölfe reichten sie durch. Jedes einzelne Paar war an den Unterseiten mit roten Lederkordeln zusammengebunden. Eistaucher stellte fest, dass er den Atem anhielt wie beim entscheidenden Moment einer Jagd. Er zwang sich, Luft zu holen.
Den Jahreszählern und auch der Menge gefiel es, dass Dorn und sein Rudel daran gedacht hatten, eine Entschädigung mitzubringen. Die Nordleute waren natürlich nach wie vor höchst unzufrieden, aber gleichzeitig beäugten sie mit widerwilligem Interesse die neuen Schneeschuhe, die die Jahreszähler emporhielten. Kurz berieten ihre Männer sich; es sah danach aus, als versuchte der Anführer, die Hitzköpfe zum Einlenken zu bewegen. Und tatsächlich wandten sie sich anschließend mit leisen Worten an die Übersetzer, die nickten und sich ihrerseits kurz berieten. Der Sprecher der Jahreszähler beugte sich zu ihnen vor und nickte zufrieden, nachdem er ihnen eine Weile zugehört hatte. Er und seine Gehilfen nahmen die vier Paar Schneeschuhe, hoben sie hoch über ihre Köpfe und brachten sie so zu den Nordleuten und übergaben sie mit feierlicher Geste an vier von ihnen. Dann hielt der Sprecher der Jahreszähler beide Hände mit nach außen gekehrten Handflächen empor, drehte sich auf der Stelle und segnete die Menge.