Eistaucher wusste nicht, was er tun sollte. Weder hatte er Geschichten über eine solche Situation gehört noch war er sich darüber im Klaren, was Dorn von ihm erwartete. Wahrscheinlich wollte der Schamane, dass er sich aus der Sache raushielt. Vielleicht gab es etwas, das Dorn zu Knack sagen konnte, etwas, das er tun konnte …
Doch ihm schien nichts einzufallen. Seine Lippen zuckten wie ein Fisch auf dem Trockenen, formten lautlos Worte, genau wie Fische es taten. Eistaucher hatte ihn noch nie derart überrumpelt gesehen.
Schließlich riss Dorn sich zusammen, richtete sich auf und seufzte schwer. Er wedelte mit dem Handrücken, wie er es sonst tat, wenn ihm Kinder im Weg standen. — Was ist?, klagte er mit leiser Stimme. — Was soll ich denn machen? Sag es mir einfach, dann mache ich es.
Dann stand er eine ganze Weile bloß da. Schließlich ging er wieder ans Feuer. Eistaucher schlief ein, bevor Dorn zurückkam. Er hatte Knack weder gesehen noch auch nur die leiseste Regung verspürt.
In jenem Winter begannen die Leute davon zu reden, dass Dorn vom Glück verlassen sei. Die anderen wussten nichts von Knack und sahen ihn auch nicht, aber Dorns Verhalten fiel ihnen auf, und sie redeten. Natürlich nicht, wenn er in Hörweite war, obwohl er sie gelegentlich doch hörte. Dann drehte er nur den Kopf zur Seite, wobei er manchmal gedankenverloren nickte. Die Jäger redeten oft davon, dass das Glück einen verließ, denn das war der einzig mögliche Umgang damit; man musste sich dem Narsuk stellen, und wenn es einem selbst passierte, musste man seinen Freunden davon erzählen, damit sie einen für eine Weile führten und einem halfen, und dann geschah vielleicht etwas, wodurch das Glück zu einem zurückkehrte.
Doch für Schamanen lagen die Dinge anders. Sie drangen in Reiche vor, die weit jenseits von Glück und Pech lagen, in Träume, in den Himmel, in Tiere und in Mutter Erde. Sie drangen in Geister ein, und Geister drangen in sie ein. Dafür brauchten sie natürlich Glück, oder zumindest etwas Ähnliches; und wenn sie ihr Glück verloren, machte das nicht nur ihnen die Arbeit als Schamane schwer, auch das ganze Rudel konnte in Mitleidenschaft gezogen werden. Deshalb gefiel den Leuten ganz und gar nicht, was sie bei Dorn beobachteten, und wer darüber redete, dem sagte man, dass er den Mund halten solle.
In einer kalten Winternacht wurde jemand Neues ins Wolfsrudel geboren. Ein Mädchen der Lachssippe. Die Männer saßen ums Feuer und rauchten Dorns Pfeife. Dorn sang eine lange Fassung der Geschichte von der Schwanenfrau, lachte fröhlich über seine eigenen Witze, und wann immer er Eistaucher einen Klaps gab, fühlte es sich liebevoller denn je an.
Eistaucher verbrachte viel Zeit mit Elga, Glückskind und der neuen Kleinen, und er ging Dorn zur Hand. Wenn er nicht beschäftigt war, schnitzte er Figuren aus Geweihen und kleinen Stücken Mammutbein, die sie beim Fest bekommen hatten. Manche waren Spielzeuge für das neue Kind. Elga freute sich darüber, doch das neue Kind ermüdete sie auch, und sie war damit beschäftigt, was bei den Frauen vorging.
— Ist alles in Ordnung?, fragte Eistaucher, wenn er ihr Gesicht sah.
— Nein, antwortete sie dann. — Aber das ist eine Frauenangelegenheit, du kannst nichts daran machen. Donner und Blauhäher merken langsam, dass niemand sie mehr mag. Genau genommen waren sie noch nie beliebt, aber sie glauben, das sei etwas Neues und dass es meine Schuld sei. Was auch stimmt. Inzwischen ist es zu spät für sie, aber das wird ihnen jetzt erst klar, und sie sind wütend darüber und machen alles noch schlimmer, um es besser zu machen. Was nie funktioniert. Aber auf die eine oder andere Art müssen wir da durch. Mach du dir keine Gedanken. Ihr werdet euch vielleicht eines Tages an einer Lösung beteiligen müssen, du und deine Freunde. Aber im Moment reicht es, wenn du dich um Dorn kümmerst.
— Das mache ich.
Bevor er die kleinen geschnitzten Figuren dem Kind zum Spielen gab, brachte er sie zu Dorn und fragte ihn, was er von ihnen hielt. Auch bei seinen Felszeichnungen an der Obertalwand und seinen Holzkohlezeichnungen auf den Felsen im Fluss bat er Dorn, mitzukommen und sie sich anzusehen. Dorn ging dann mit ihm zum Fluss hinab, Eistaucher lief dort über das Eis und machte sich an die Arbeit. Linie für Linie, Tier für Tier.
Dorn saß derweil an einem kleinen Feuer, das er entfacht hatte, und begutachtete Eistauchers Arbeit. Wenn sie am Ende eines solchen Tags ins Lager zurückkehrten, holte er oft einen großen, glatten Schieferstein und eine Stange mit Bienenwachs vermischten Erdbluts hervor und gab beides Eistaucher, um ihm anschließend Tiere und Haltungen anzusagen, die er als Dreistriche malen sollte:
— Eine Hyäne, die dich über die Schulter anblickt.
— Die Hörner eines Steinbocks von hinten.
— Die Hörner eines Steinbocks direkt von vorne.
— Ein Elkbulle, erschöpft nach der Brunst.
— Ein junges Nashorn, das im Schlamm feststeckt.
— Eine Löwin auf der Jagd. O ja, das ist hübsch. Genau so sieht sie einen an, nur ein Punkt und ein Tränenkanal.
— Ein Hengst, der den Kopf in den Nacken wirft, um einen Rivalen einzuschüchtern, der sich seinen Frauen nähert. Ah, gut gemacht. Pferde beherrschst du inzwischen wirklich hervorragend.
Eistaucher wusste nicht, was er von diesen undornigen Bemerkungen halten sollte, also wischte er einfach den Schiefer sauber und wartete auf die nächste Ansage. — Pferde sind wunderschön, sagte er.
— Ja.
Eistaucher und Dorn blieben Zuschauer, als Falke und Moos sich mit Schiefer und Steinbock anlegten. In gewisser Weise kam es vielleicht auch deswegen dazu, weil Dorn das Glück verlassen hatte, denn wenn er nach wie vor ein gefürchteter Schamane gewesen wäre, dann hätten die Leute sich unter seinen Augen vielleicht besser benommen. Andererseits hatte es wohl ohnehin dazu kommen müssen, weil Schiefer in Nahrungsfragen ständig Entscheidungen traf, die außer Donner und Blauhäher und Gams keiner der Frauen gefielen, ob es nun um ihre Wintervorräte oder ums Abendessen ging. Außerdem waren es inzwischen Falke und seine Freunde, die das meiste Fleisch für den Winter heimbrachten. Und letztendlich lag es daran, dass die beiden sich seit jeher nicht leiden konnten, nicht, seit Schiefer auf Falke aufgepasst hatte, als der noch ein Kind gewesen war, erklärte Heide.
Also hackten sie beständig aufeinander herum, krach-krach-krach, dass die Funken flogen. Als Schiefer einmal am Feuer saß und den Duft seiner Maische einsog, kam Falke blutüberströmt, mit den Hinterläufen einer Saiga um den Hals und den Hufen auf der Brust, ins Lager. Die Masse über seinen Schultern ließ ihn wie einen Bison aussehen, und als er zwischen Schiefer und dem Feuer entlangging, machte er eine Kopfbewegung, die an die erinnerte, mit der ein Bisonmännchen ein Weibchen zur Unterwerfung aufforderte. Als Schiefer das sah, sprang er auf, wodurch er fast einen Huf ins Auge bekam. Er fegte den Huf beiseite, doch dadurch traf ihn der andere an der Wange, obwohl Falke noch währenddessen zurücktrat, sodass er so tun konnte, als wäre das Ganze ein Versehen gewesen. Er lachte. Schiefer kochte vor Wut, während Falke sich Rumpf und Beine vom Kopf hob und sie wie zum Schutz vor sich hielt. Schiefer verfluchte ihn mit rotem Kopf, und Falke wackelte mit den Saiga-Hufen in seine Richtung, wieder ein Bullenkommando an eine Bisonfrau. — Aus dem Weg, alter Mann. Ich wollte nur am Feuer vorbei zum Schneidstein gehen, ich habe keine Ahnung, warum du mich so angesprungen hast!
Als Erwiderung zog Schiefer bloß eine finstere Miene und stapfte zum Holzhaufen davon.
Immer wieder kam es zu solchen Vorfällen. Es nahm kein Ende. Die Albereien der beiden wurden bösartig. Ihr Rudel bestand nun aus zwei Dutzend neun, und drei der verheirateten Frauen waren schwanger. In vielerlei Hinsicht ging es ihnen gut. Im letzten Frühjahr hatten sie kaum gehungert, und langsam sah es danach aus, dass sie auch den kommenden Frühling gut überstehen würden. Fast machte es den Eindruck, als könne es Jahr für Jahr so weitergehen. Woher also die Anspannung? Ging es einfach nur darum, wer Anführer war, wer ihr Oberhaupt sein wollte? Der junge Mann, der es auf den Alten abgesehen hatte, und der Alte, der sich wehrte? Draußen bei den Herden war das oft zu beobachten. Aber brauchte das Rudel wirklich einen Anführer? Eine Menge Rudel schienen auch ohne gut zu funktionieren. Die Männer taten, was zu tun war, die Frauen entschieden in ihren ständigen Gesprächen ohne viel Aufhebens über Familien- und Sippenangelegenheiten, und alles lief gut. Es war sicher schön, in so einem Rudel zu leben. Falke würde es wohl eher nicht gefallen, aber Moos durchaus. Falke gab Anweisungen, Moos machte Vorschläge. Das war etwas, das Eistaucher auch ohne Heides Hilfe herausgefunden hatte, etwas, das er sein ganzes Leben lang an den beiden beobachtet hatte, seit ihrer Kindheit.