Dorn sagte zu Eistaucher: — Komm zum großen Abgleich der Jahresstöcke, dort kannst du dich als junger Schamane vorstellen. Du wirst den anderen Schamanen eine Geschichte erzählen müssen.
Eistaucher schüttelte den Kopf. — Ich bin noch nicht bereit, ihnen eine Geschichte zu erzählen.
— Zu dumm, weil du es trotzdem tun wirst. Du warst auf Wanderschaft, und jetzt ist es an der Zeit.
— Nein, sagte Eistaucher und ging einfach schnurstracks davon. Beim Acht-Acht war es zu peinlich für einen Schamanen, seinen Lehrling zu bestrafen, deshalb konnte Eistaucher mit so etwas davonkommen. So war das beim Acht-Acht.
Eistaucher zog von Feuer zu Feuer. Für ihn war das einer der Höhepunkte im ganzen Jahr: auf dem Acht-Acht umherzulaufen. Die Leute verkleideten sich, flochten sich Zöpfe und banden sich das Haar zu Knoten hoch, sie bemalten sich die Gesichter oder hatten einfach vor Aufregung rote Wangen. Allein der Anblick war berauschend; ein wenig benommen lief er umher und beobachtete andere, denen es ähnlich ging. Er versuchte, zu dem Gefühl zu tanzen, was ihm auch mehr oder weniger gelang. Die jungen Frauen zeigten sehr viel Haut, und viel davon war rot bemalt, viel war auch nackte braune Haut, noch schlank vom Sommer, aber jede einzelne, die er sah, war umwerfend.
Er kam in den Bereich, in dem die Spiele abgehalten wurden, bei denen er ebenfalls gerne zusah. Ältere aus den hiesigen Rudeln bereiteten die Spiele für die Jungen und Mädchen vor, von den einfachsten Steinwurf-Wettbewerben bis hin zu dem sehr beliebten Sport, Speere durch Reifen zu schleudern, die einen flachen Hügel hinunterrollten. Dabei handelte es sich um ein Spiel, das man in allen Rudeln seit jeher zu Hause spielte, weshalb viele der teilnehmenden Jungen und Mädchen den Reifen trafen, der den sanften Hang hinabrollte und -hüpfte, und ihre fröhlichen Rufe waren weithin zu hören.
Ebenso beliebt waren die Wettbewerbe, bei denen Männer Speere mit Speerschleudern warfen. Das war das wichtigste Spiel für junge Jäger, und jeder Junge hatte schon mindestens zwanzig-zwanzig-zwanzigmal einen Speer mit einer Schleuder geworfen und war an diese Verlängerung des Arms gewöhnt. Die zusätzliche Reichweite ermöglichte Würfe, die so kräftig waren, dass der Speer sich auf der Schleuder durchbog. Es war ein wunderbarer Anblick, wenn so eine zitternde fliegende Lanze sich in ein weit entferntes, mit Gras ausgestopftes Moschusochsenfell bohrte, und Eistaucher stieß zusammen mit den anderen Zuschauern kleine Schreie aus, wenn die Speere durch die Luft zuckten und die Ziele vollständig durchbohrten. Seit jeher handelte es sich bei den Zielen um Moschusochsen, die sehr viel kleiner als Mammuts waren, sich leicht aufspießen, aber schwer treffen ließen. Wenn eines dieser Ziele aus der größtmöglichen Wurfweite durchbohrt wurde, dann erhob sich tosender Beifall, und der Speerwerfer tänzelte fröhlich ein paar Schritte zurück.
Jenseits der Wurfwiese erhob sich eine steile Anhöhe, auf der Hügelrennen veranstaltet wurden, die besonders bei starken und leichtfüßigen Jungen und Mädchen beliebt waren. Jedes Jahr setzten die Ältesten einen neuen Startpunkt fest, von dem aus man sich seinen eigenen Weg zur Kuppe suchen durfte. Der Hügel war von Spalten durchzogen, weshalb es entscheidend war, seinen Weg klug zu wählen, wenn man das Rennen gewinnen wollte. Mit seinem verletzten Bein konnte Eistaucher nicht teilnehmen, obwohl dieses Spiel ihm als Junge gefallen hatte und er gut darin gewesen war. Wehmütig kehrte er dem Hügel den Rücken zu und ging in die andere Richtung weiter.
Auf der anderen Seite der Wiese verwandelten die Vogelsicht-Maler den sandigen Boden in ein Abbild des Festgeländes und der umliegenden Gebiete. Eistaucher kannte die Landstriche jenseits ihres Zuhauses nicht gut genug, um sich ein Urteil über die Ergebnisse dieses Wettbewerbs zu bilden, an dem vor allem Wanderer und Schamanen teilnahmen oder Ältere, die aus dem einen oder anderen Grund auf Reisen gewesen waren.
Auf einem südwärts gelegenen Sonnenhang nahe der Vogelsicht hielten die Schamanen ihre Zusammenkunft ab, bei der sie wie immer mit ihren Jahresstöcken herumfuchtelten und laut stritten. Wann immer man mehr als zwei Schamanen auf einem Fleck hatte, handelte es sich nicht mehr um eine Schamanenangelegenheit, weshalb ein solches Zusammentreffen schnell zu einem besoffenen Schlamassel ausartete. Nach altem Brauch versuchten sie daher hier, sich über das Jahr einig zu werden, bevor sie sich im Suff die Köpfe einschlugen.
Viele der Schamanen bei diesem Acht-Acht waren ohrlose alte Schlangenköpfe wie Dorn, was bedeutete, dass sie entweder bei demselben Schamanen wie er in die Lehre gegangen waren, einem Mann namens Pfeifhase, oder bei anderen Schamanen, die ihrem Gedächtnis mit den gleichen Mitteln nachgeholfen hatten. Eistaucher verlor ein wenig den Mut, als er Heide und eine Reihe anderer Frauen zwischen den alten Schlangenköpfen sitzen sah; einige dieser Frauen waren die Schamaninnen ihrer Rudel, andere Kräuterfrauen, die sich für den Abgleich der Jahresstöcke interessierten, oder Freundinnen der Schamaninnen.
— Jeder kann als Schamane enden!, hatte Dorn einmal Eistaucher erklärt. — Wenn es über einen kommt, hast du keine Wahl! Die Frage ist, wer kann sich dem entziehen? Und die Antwort lautet: niemand! Weder Mann noch Frau, weder Greis noch Kind, weder Mensch noch Tier. Schamane zu werden, ist ein Schicksal, das jeden ereilen kann. Selbst dich.
Als er an diese Worte und Dorns Stirnrunzeln dachte und all die ohrlosen alten Spinner sah, wie sie lachten und sich gegenseitig mit ihren Jahresstöcken schlugen, drehte Eistaucher sich um und ging. Was für ein Haufen verstunkener alter Männer, es war nicht zum Aushalten. Wegen seiner Wanderschaft wurde von ihm erwartet, dass er irgendwann während des Fests zu den Schamanen ging und sich ihre Glückwünsche dafür abholte, dass er Dorns Lehrling geworden war, und es wurde von ihm erwartet, dass er eine der alten Geschichten vortrug, wie Dorn es von ihm verlangte. Vielleicht die Schwanenbraut — aber ihm fiel nicht eine einzige Zeile davon ein. Am besten ging er einfach, bevor Dorn ihn sah.
Er konnte also nicht beim Hügelrennen mitlaufen, er konnte keine Vogelsichtbilder machen, er konnte nicht über die Anzahl der Monde im Jahr sprechen und auch keine Geschichte vortragen. Am besten ging er zurück zum Wurfplatz und machte ein paar Würfe mit seiner neuen Speerschleuder. Er hatte sie so beschnitzt, dass sie wie der Kopf eines Steinbocks aussah, was ihm sehr gut gelungen war; Eistaucher meinte, dass er selbst auf die weiteste Entfernung eine gute Chance haben würde, den Moschusochsen zu treffen.
Noch besser gefiel ihm aber die Idee, sich zu den Trommlern zu setzen, Maische zu trinken und mitzutrommeln. Das konnte er jederzeit tun, es war gedankenloser Spaß und gehörte zu den besten Sachen am Fest. Trinken, rauchen, trommeln, den ganzen wunderbar rauchigen Sonnenuntergang hindurch lachen. Und dann, wenn die Sonne unterging, ans Feuer gehen und tanzen.
Bei Einbruch der Dunkelheit wetteiferten einige Männer und Frauen bei den Feuern darum, wer das schönste Feuer-Spektakel fabrizieren konnte. Viele versammelten sich im Kreis um diese Gruppen, um zuzusehen, wie die Spieler sehr lange Stangen nahmen und kleine Beutel aus Stoff oder Leder an das dünne Ende knoteten, um sie dann von sich weg in die höchsten Flammen zu halten. Oft wandten sie dann die Köpfe ab; und die Zuschauer warteten, bis der Beutel Feuer fing und grün, blau oder lila aufloderte, manchmal in einem kurzen Funkenschauer und manchmal mit einem Knall wie leisem Donner. Da sie alle ihre Abende damit verbrachten, ins Feuer zu sehen, ließ der Anblick von etwas Neuem, Unerwarteten, das aus den Flammen hervorblitzte, sie vor Überraschung und Entzücken laut auflachen, und wenn die ganze Menge auf einmal lachte, war das ein beglückendes Gefühl. Die Feuerknaller hoben sich ihre größten Beutel immer bis zuletzt auf und hielten sie gemeinsam an den Stangen in die Flammen, sodass die schnelle Folge lauter, bunter Kracher einem in den Ohren wehtat und für lauten Beifall sorgte.