Danach hieß es trinken, trommeln und tanzen. Eistaucher kam an ein Feuer mit einem Ring von Tänzern. Wegen Schlimmbein, wie er es auf der Wanderung nach Norden zu nennen begonnen hatte, saß er anfangs bei den Trommlern, klemmte sich seine kleine Holz- und Hauttrommel zwischen die Knie und trommelte. Von je weiter her die Leute zum Acht-Acht anreisten, desto kleiner die Trommeln, die sie mitbrachten. Diese kleinen Trommeln übernahmen die schnellsten Teile, und Eistaucher fand sich ohne Schwierigkeiten in den Fünfertakt ein, um anschließend zwischen Fünfer-, Vierer- und Dreiertakt zu wechseln, je nachdem, wohin der Geist des Stückes sie führte. Diese Trommelgruppen wurden von niemandem angeleitet und wechselten manchmal trotzdem ganz unvermittelt Rhythmus und Richtung, wie ein Vogelschwarm am Himmel. Es war wirklich etwas Besonderes, Teil eines solchen Moments zu sein, so deutlich zu spüren, dass es einen gemeinsamen Geist gab, der sie alle ergreifen und lenken konnte. Es geschah immer wieder, auf so erstaunlich einfache Weise — man spürte es in Händen, Ohren und dem ganzen Körper. Und auch dieses Erstaunen trommelten sie heraus! So ging das die ganze Nacht.
Irgendwann kurz vor Mitternacht erwachte Eistaucher aus seiner Trommel-Trance und sah plötzlich alles von überall. So musste die Welt für Eulen aussehen. Er konnte alle Entfernungen sehr viel genauer bemessen als sonst. Und so viel mehr als sonst flackerte vor seinen Augen: die Flammen, die Funken und der emporströmende Rauch, die tanzenden, wie Vögel gekleideten Leute. Die Bilder bewegten sich im Takt seines Herzschlags, mit jedem Pochen, das er in seinem Körper spürte, entstand ein neues flackerndes Bild vor seinen Augen. Anscheinend war Mutter Eule in ihm, und er sah den Tanz wie noch nie zuvor, nicht nur was dieses Acht-Acht betraf, sondern in seinem ganzen Leben.
Natürlich waren da auch junge Frauen in ihren Pelzen und Federn, mit ihren Halsketten und Armbändern und Fußbändern, sprangen im Takt der Trommeln barfuß auf und ab, vor dem flackernden Feuerschein, klapperten mit Schellen und woben miteinander Kreise im Tanz ums Feuer. Sie hatten Punkte, Schlangen- und Wellenlinien aus roter und weißer Farbe auf der Haut, und ihre Mützen und Mäntel bestanden oft aus den schönsten Teilen von Vögeln, von Wildentenköpfen bis zu dem Brustkleid von Spechten, oft aus so vielen Bälgern zusammengenäht, dass der Umhang oder der Kopfschmuck weit größer als der jedes lebenden Vogels war. Direkt vor ihm wippte ein Umhang aus Specht-Brustkleidern, unter dem angemalte Frauenbrüste hervorschauten, weiß mit roten Warzen. Wie flatternde Vogelschwingen flackerte das Bild. Eine andere Tänzerin trug einen Mantel aus den Rücken und Hälsen von Eistauchern, und dieses dichte, prächtige schwarz-weiße Gewand war so auffällig und wunderschön, dass Eistaucher den Blick nicht abwenden konnte.
Die junge Frau, die es trug, hatte er noch nie gesehen. Sie war groß und grobknochig; mit Sicherheit war ihr Tier der Elch, und ihre Art zu tanzen war entsprechend gemächlich und einfach. Sie wurde von schnelleren, schlankeren Frauen umtanzt, im Vergleich zu denen sie plump wirkte, und es war genau das, was Eistauchers Blick bei ihr verharren ließ und schnell zu ihrem schönsten Zug wurde, das, was ihn fesselte und weiter zusehen ließ. Sie wusste, was sie konnte, und tat es. Sie hatte Freude am Tanz. Sie war schwer und langsam, aber hervorragend gebaut, mit langen Beinen, einem kräftigen Oberkörper, hübschen Brüsten und breiten Schultern. Ihr Haar hatte die Farbe des Feuersteins von der Hünenstatt, und dann und wann fing sich der Flammenschein darin. Sie trug es in einem dicken Dreierzopf auf dem Rücken, der an der Spitze mit einem Band aus Eistaucher-Halsfedern zusammengebunden war: Ihre Freundinnen hatten gute Arbeit geleistet. Sie stampfte umher und hatte keine Hemmungen, gegen jeden zu stoßen, der ihr zu nahe kam. Auf ihren Lippen lag ein sorgloses Lächeln, selbstsicher und entspannt. Sie kannte in diesem Moment keine Sorgen, sie war sie selbst und wollte sonst nichts. Diesen Eindruck erweckte sie, wenn man sie ansah.
Eistaucher hängte seine Trommel an die Schlaufe hinten an seinem Mantel und stand auf. Es war Zeit zum Tanzen.
Er mischte sich neben ihr in die Menge. Selbst wenn er Schlimmbein schonte, konnte er sie immer noch geschwind umtanzen, und das tat er auch.
— Hallo, sagte er zu ihr, — Mein Name ist Eistaucher, deshalb gefällt mir dein Umhang. Wer bist du?
— Ich bin Elga, sagte sie.
— Ah, gut, antwortete er. — Das ist gut.
— Das ist es, sagte sie, straffte sich mit Elchswürde und machte eine hübsche kleine Drehung. — Und Eistaucher, ist Eistaucher auch gut?
Obwohl kein Mensch wirklich nachahmen konnte, wie ein Eistaucher seine Flügel vor der Sonne ausbreitet, streckte Eistaucher seine Arme aus und streckte und streckte und streckte sie, und Elga lachte, als sie das sah. Genau genommen war das eine ziemlich lustige Art zu tanzen, und es passte zum rhythmisch flackernden Feuerschein, weshalb Eistaucher eine Weile so weitermachte und dabei daran dachte, wie Vögel einander umwarben, die Kraniche, die Tauben und sogar die Eistaucher, was war das für ein Schauspiel! Er entspannte sich, um eine etwas menschlichere Tanzweise zu finden, während er sie umkreiste. Mit einem verträumten Lächeln folgte sie seiner Drehung, wie ein Elch, der an einem sonnigen Tag vor sich hin kaut. Sie war größer als Eistaucher, und auch schwerer. Ihr Eistaucherumhang war atemberaubend schön, aber der Körper, um den er lag, die Schultern, das Brustbein, die Brüste, die Rippen, der Bauch und die Hüften, die Arme, der Rücken, die Beine, all das war noch schöner als der Rücken eines Eistauchers. Mit seinem Eulenblick konnte er erkennen, dass ihr Gesicht das genaue Abbild ihres Selbst war, genau wie bei den Leuten aus seinem Rudel. Die Gesichter von Menschen waren die Dreistriche ihrer Natur, so einfach war das; irgendwie wurde ihre grundlegende Natur ihnen vorne auf die Köpfe gestanzt, als spielte Rabe ein Spiel mit ihnen, wenn er sie in die Mütter steckte, die sie zur Welt brachten. Jeder konnte ihnen ihre Natur ansehen. Und jetzt sah Eistaucher mit dem Eulenblick, und hier vor ihm tanzte eine Frau, ruhig, offen, vielleicht ein bisschen verträumt und in sich gekehrt, und all das konnte er ihren großen Augen und ihrem Mund ansehen, ihrem ganzen ovalen Gesicht. Ein kleiner Mund, die Lippen dick und gerundet, wenn sie etwas erwiderten oder ein Lächeln unterdrückten, doch jetzt lächelte sie, sodass er nur dann und wann Blicke auf ihren ruhenden Mund erhaschen konnte, wenn sie über einen Tanzschritt nachdachte oder sinnierend in die Nacht hinausblickte. Wenn sie lächelte, sah man ihre kleinen, runden Zähne, die mehr an einen Otter als an einen Elch erinnerten, was auch schön war. Nein, sie war sie selbst: Er war verliebt in ihren Anblick, war verliebt darin, wie sie langsam und mit Bedacht in ihren Kreisen tanzte. Und sie schien zufrieden in diesen Kreisen zu sein, sie wandte sich ihm beim Tanzen zu und umrundete das Feuer in einer Geschwindigkeit, die zu seinen Eistaucher-Gesten passte.
— Woher kommst du?, fragte er.