Natürlich war die Sache kompliziert, nachdem Heide auf Dorns Sachen gepinkelt und damit gedroht hatte, ihn mit ihren Pfeilen totzuschießen. Jetzt würden sie einander in ihrer verqueren Ehe wahrscheinlich schlimmer ankläffen denn je. Andererseits konnte es ohnehin nicht viel schlimmer werden. Außerdem war das Eistaucher egal. Es war sogar gut für ihn: Je schlechter Dorn und Heide miteinander auskamen, desto weniger Zeit hatten sie dafür, ihn herumzukommandieren. Sie würden aufeinander losgehen, und Eistaucher würde sich unbemerkt davonstehlen. Und seine Elga würde er auch haben.
Er blickte zu ihr und versuchte, ihr mit einem Lächeln all das zu vermitteln. Verunsichert hatte sie ihn im Auge behalten, aber als sie nun seine Miene sah, entspannte sie sich. Sie warf der Wolfsfrau einen flehentlichen Blick zu.
In diesem Moment kehrte Salbei ins Lager zurück. — Wer ist das?, fragte sie.
Aller Blicke richteten sich auf Eistaucher. — Das ist Elga, sagte er und trat an ihre Seite. — Sie kommt zu uns, wenn die Frauen einverstanden sind. Wir werden heiraten, wenn die Frauen einverstanden sind.
Das ließ Salbei zusammenzucken, und für einen Moment trat ein wütendes Funkeln in ihre Augen. Elga hielt den Blick derweil in aller Seelenruhe zum Himmel gerichtet, als sei sie überhaupt nicht da. Eistaucher erkannte plötzlich, dass es immer so mit ihr sein würde, dass sie wenn möglich einfach auf Abstand von Problemen gehen würde. Dass das Schwerste vielleicht sein würde, sie bei sich zu halten.
In den letzten Tagen des Fests, um den Vollmond des achten Monats, feierten viele schon so lange, dass sie nun den ganzen Tag lang hingestreckt dalagen, und das Trommeln und Tanzen wurde größtenteils von den Jungen und Mädchen übernommen. Viele Männer hatten sich in ihr Lager oder zu Rudelfreunden gelegt, bis oben hin voll mit Maische und Fleisch, und selbst die Frauen, die herumsaßen und das Essen zubereiteten, wirkten etwas benommen. Sie hatten einmal mehr bewiesen, dass ein zu großes Festmahl schlimmer ist als Hunger, dass genug so gut ist wie ein Festmahl und was man noch so alles sagte. Aber es gab nur sehr wenige, die es sich verkneifen konnten, einmal im Jahr jede Zurückhaltung aufzugeben. Manchmal musste man einfach loslassen.
In der Trümmerlandschaft jenes Morgens bastelte Eistaucher sich eine Fingerschiene und band sie mit Heides Hilfe an seiner Hand fest. Sie meinte, dass er den Knochen zwischen zwei der Knöchel nicht gerade gerichtet habe, was er sah und auch spürte, aber er wollte nicht noch mal daran ziehen und drehen, um es richtig hinzubekommen. Er wusste, wie sehr das wehtun würde. Heide bot ihm an, es für ihn zu tun, doch er schüttelte den Kopf. — Das kommt schon in Ordnung.
— Es wird krumm verheilen.
— Das macht nichts. Dann erinnert es mich an diesen schönen Tag! Und er lächelte sie an, erfüllt von der Vorstellung, dass Elga bei ihm bleiben würde.
Krächzende Wortwechsel zwischen einigen der erschöpften Feiernden störten hier und da die Ruhe, die sich über den Festplatz gesenkt hatte, seit nur noch einige Jungs sich trommelnd an einem Vierertakt versuchten. Maische-Kopfschmerzen machten die Leute reizbar. Doch bei den Streitereien ging es nur darum, den anderen mit Worten niederzumachen, selbst wenn jemand ernsthaft wütend war. Flüche wurden hin und her geschleudert und schockierende Beleidigungen ausgetauscht, aber keine Schläge. Niemand zettelte eine Prügelei an, nur weil ihm gerade danach war, dafür waren solche Auseinandersetzungen zu gefährlich. Jeder wusste, wie ein Kampf zwischen zwei brünstigen männlichen Geweihtieren aussah, wie sie zusammenprallten, einander traten und bluteten, und obwohl es auch dabei eigentlich nur darum ging, den anderen in seine Schranken zu weisen, gab es oft Unfälle, manche der Tiere wurden aufgeschlitzt oder brachen sich ein Bein, und viele starben hinterher oder wurden getötet. Dann und wann begingen Männer bei den Festen die gleiche Dummheit, meistens, wenn sie betrunken waren, und auch das endete mit gefährlichen Verletzungen und zeigte nur, wie dumm es war, sich zu prügeln. Das Leben war so schon gefährlich genug; früher oder später verletzte man sich immer aus Versehen, da konnte man noch so vorsichtig sein. Ganz nach dem Sprichwort: Jeder Weg führt ins Unglück. Oder: Wenn du verletzt bist, ist dein Rudel verletzt. Letztendlich hatten sie einfach alle genug Erfahrung mit Verletzungen, um sie zu vermeiden.
Deshalb beschränkten Streitereien auf den Festen sich meist darauf, dass die Leute einander anbrüllten. Auch deshalb war Dorns Angriff auf Eistaucher so schockierend. Beinahe schien es, als hätte Dorn versucht, ihm das Malen unmöglich zu machen und Eistaucher damit den Teil des Schamane-Seins zu nehmen, an dem ihm am meisten lag. Für Eistaucher ergab das keinen Sinn, weshalb er lange darüber nachdachte, während er eine Schüssel nach der anderen von Heides Kieferntee schlürfte und sich den Finger mit einer Salbe einrieb, die sie ihm gegeben hatte.
Um das zu bekommen, was man will, muss man das bekommen, was man braucht. Wenn das Feuer heiß genug ist, gibt es keinen Rauch. Fürchte dich nicht, wenn du an deinem Platz bist. Lass dich nicht vom Zorn vergiften. Jeder ist sich selbst der Richter. Für niemanden ist es gut, allein zu sein. Jeder, dem es gut geht, muss etwas geträumt haben. Wer die Geschichten erzählt, beherrscht die Welt. Dem gebrannten Kind ist das Feuer ein Schrecken. Ein hungernder Mensch isst den Wolf. Eine kluge Maus baut ihr Nest am besten im Ohr der Katze. Wer nichts wagt, der nichts gewinnt. Erst in der Not kennt man seine wahren Freunde.
Moment, ich sehe etwas: zwei rote Augen. Ein verängstigter alter Mann.
Tja, es gab so viele alte Sprichworte, und oft liefen sie einander zuwider wie zwei Klingen auf den gegenüberliegenden Seiten eines Baumstamms. Letztlich fällt der Baum in die eine oder andere Richtung, aber bis dahin weiß man trotzdem nicht, was man tun soll.
Nach einer Weile kam Eistaucher auf etwas, das ihn vielleicht weiterbringen würde. Er sammelte all seinen Mut für einen Versuch und ging dann zu der Hügelkuppe, auf der sich die Schamanen trafen.
Der Aschehaufen ihres großen Feuers war fast erloschen, nur hier und da schimmerte noch etwas Rosafarbenes aus den Brocken hervor, Überbleibsel von den seltsamen Gegenständen, welche die Schamanen in die Flammen warfen. Im Moment war etwa ein Dutzend alter Männer anwesend, die sogar noch mitgenommener aussahen als die übrigen Festbesucher. Sie hielten ihre Ausschweifungen länger durch, weil sie mehr Übung darin hatten, aber da sie beim Acht-Acht ordentlich Maische tranken und sich zusätzlich noch mit Rauch und Pilzen, Tänzen und Geißelungen und Schlafentzug benebelten, war irgendwann auch ihre gewaltige Ausdauer erschöpft. Jetzt lagen sie reglos herum, ihre Tierschädel über die Köpfe gezogen, um sich vor der Sonne zu schützen, was sie mehr denn je wie zerzauste dumme Trottel erscheinen ließ. Trunken und erschöpft lagen sie über den Boden verstreut da, wie Löwen nach einer erfolgreichen Jagd. Auch Dorn war dabei und starrte Eistaucher unter seinem Bisonkopf hervor an.
Er und seine Mitzauberer hatten ihre Leiber so ausgiebig mit roten Punkten und Halbmonden und Wellenlinien und Webmustern bemalt, dass man kaum hinschauen konnte. Bei ihrer Geistreise in der vorangegangenen Nacht hatten sie sich mit dem Waldfrosch, der Birkenfrau, Rabe, den Nordlichtern und vielen mehr vereinigt; sie alle hatten ihre Körper verlassen und waren hoch durch die Lüfte oder in der Tiefe geflogen, hatten sich in Mischwesen aus ihnen selbst und ihren Tiergeistern verwandelt, und anscheinend waren sie noch nicht ganz zurück.