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Falke freute sich für Eistaucher, und wahrscheinlich war er auch glücklich, ihn als Rivalen um Salbei los zu sein. Als sie den Fließt-ins-Lier mit schwereren Schleifen denn je hinter sich ließen, zogen sie nach Süden und dann stromaufwärts zu den Pfaden, die am Lier entlangführten. Die Schleifen waren so vollgeladen, dass sie sich gerade noch ziehen ließen, und jeder, der älter als fünf war, musste eine nehmen. Aber genau so sollte man von dem Sommermarsch zurückkehren, von der Hochheide hinunter und zurück zur Gewundenen Au, wo sie ihr Geheul ausstießen, die Häuser wieder aufstellten und sich neu einrichteten.

Vierter Teil

Der Hungerfrühling

21

Die Herbsttage konnten sie nun damit verbringen, zu essen, das restliche Rentierfleisch und die Lachse zu räuchern und zu trocknen, Nüsse und Eicheln zu sammeln und die Bitterkeit aus ihnen herauszuspülen, Samen und Beeren und Blätter zu pflücken und all diese Vorräte richtig einzulagern. Während sie ums Feuer saßen, fertigten sie auch neue Kleider und Werkzeuge an und neues Spielzeug für die Kinder. Außerdem stellten sie Fallen auf und gingen jagen, wobei sie es insbesondere auf die Enten abgesehen hatten, die bald weiterziehen würden. Und sie führten die Herbstinitiationen durch.

Einmal mehr zeigte Schiefer sich höchst geschäftig. Pinienkerne wurden auf alten Rehhäuten drei Tage in der Sonne ausgebreitet, bevor sie sie in die Zedernholzbüchsen einlagerten, und jeder Kern musste einzeln auf kleine Risse oder Insektenlöcher in der glatten Oberfläche überprüft werden. Getrocknetes Fleisch und Beutel voll Öl wurden in Löcher versenkt, deren Böden mit Kiefernnadeln ausgelegt waren und die man mit Baumrinde, Erde und Steinen darüber zudeckte. Dorn half Schiefer und Donner beim Verstauen der Vorräte und kratzte Markierungen in einen Stock, der seinem Jahresstock ähnelte und mit dem er ausrechnete, wie viel sie von dem, was sie im kommenden Winter brauchen würden, schon beisammenhatten. Schiefer würde nicht ruhen, ehe sie ausreichend Nahrung hatten, um bis zum nächsten Frühjahr davon zehren zu können. Höchstwahrscheinlich würde es ihnen gelingen, einige Wintertiere zu fangen. Tatsächlich gab es in manchen Wintern so viele Schneeschuhhasen, dass man fast ausschließlich von ihnen leben konnte. Aber es gab auch andere Jahre. Sie hatten schon so manchen harten Frühling durchgemacht, woran Schiefer sie immer wieder erinnerte. Dorn und Heide und alle älteren Angehörigen des Rudels waren sich einig: lieber vorsorgen als das Nachsehen haben. Mit vollem Lager schläft man ruhiger. Wenn von den Nüssen ein Teil zu verderben drohte, bevor sie sie essen konnten, dann konnten sie anderen Rudeln etwas abgeben, die um Hilfe baten, oder sie konnten sie zum Frühlingsende an die Raben verfüttern und ihnen für ein weiteres Jahr ohne Hunger danken. Außerdem war es wahrscheinlicher, dass sie im nächsten Frühjahr doch wieder ihre Nüsse zählen würden, genau wie in diesem. Zwei Dutzend und drei Personen aßen eine Menge.

Die Frauen legten fest, dass Eistaucher und Elga zum Vollmond des zehnten Monats heiraten würden, und als die Sonne an jenem Morgen über die Hügel stieg, standen sie alle unten am Fluss auf der Sandbank. Elga trug ein Kleidungsstück von jeder Frau des Rudels, und ihr Haar war zu Zöpfen geflochten und hochgebunden, sodass sie noch viel größer als Eistaucher aussah und elchartiger denn je. Donner und Blauhäher und Heide und Salbei leiteten die Hochzeit und ließen die beiden ihre gegenseitigen und an das Rudel gerichteten Schwüre aufsagen, in einem Singsang, der trotz seiner Kürze das Versprechen der Rudelfrauen an den Bräutigam beinhaltete, ihn totzustechen, sollte er seine Frau jemals schlecht behandeln; diese Worte sprach Salbei, die dabei genau vor Eistaucher stand und ihm mit dem steten Blick eines Wolfes in die Augen sah. Eistaucher schüttelte sein Unbehagen darüber ab, und zu seiner Erleichterung fiel ihm auf, dass Dorn, der diese Heirat nie erwähnt hatte und während der gesamten Zeremonie eine finstere Miene zur Schau trug, am Ende trotzdem seinen Bisonkopf aufsetzte, die Flöte an die Lippen setzte und zum Tanz aufspielte, der noch den ganzen Tag ging.

An jenem Abend gingen Eistaucher und Elga mit ihren Bärenfellen an den Rand des Lagers, jenseits von Heides Schlafstatt, und liebten sich die ganze Nacht hindurch, dann und wann unterbrochen von Pausen, in denen sie ein Nickerchen machten oder redeten.

Von da an verlor sich Eistaucher völlig in Elgas nächtlicher Welt und ihren Paarungen. Nichts anderes war für ihn von Bedeutung. Tagsüber beachtete er Dorn überhaupt nicht. Er unternahm kurze Jagdausflüge, um seine Fallen zu überprüfen, doch oft begleitete ihn Elga, und sie unterbrachen ihr Tun, um sich niederzulassen, sich zu küssen, ihre Kleider abzulegen und sich zu paaren. Manchmal sagte oder tat Elga Dinge, die Eistaucher geradewegs in einen Traum stürzten, zum Beispiel wenn sie murmelte: — Ich hungere nach dir. Sie wurden immer besser darin, einander Lust zu bereiten, und er lernte, die Unterschiede zwischen seinen verschiedenen Ergüssen im Laufe einer Nacht zu spüren, zwischen dem ersten, bei dem er hart war und der kribbelte, und dem dritten, der ihn tief berührte, als sei er für einen kurzen Moment mit der Seele in sie hineingeschnellt. Es war kaum zu fassen, wie sehr die Liebe sie ergriff und erschütterte, wenn sie sich vereinten, wie es spritzte und sich verengte und sie fest aneinanderzog. Es geschah in den Blicken, mit denen sie einander ansahen, in der Art, wie sie sich umklammerten, in ihrer Empfindung, füreinander bestimmt zu sein, sich unter all den vielen Geschöpfen Mutter Erdes gefunden zu haben und ihr ganzes Leben lang glücklich beieinander sein zu können, und das einzig Traurige war, dass sie nicht noch länger in solcher Verzückung leben konnten, und jeder hoffte für sich, zuerst zu sterben, um nicht ohne den anderen leben zu müssen.

Nach solchen Momenten lagen sie ineinander verschlungen da, und manchmal redeten sie. Eistaucher verspürte das Bedürfnis, ihr alles Wichtige zu erzählen, was ihm jemals widerfahren war, und von ihr wünschte er sich das Gleiche; und obwohl sie nach wie vor eine stille Person war, machte sie ihm manchmal eine Freude, indem sie einem ähnlichen Drang nachgab, Geschichten aus ihrem Leben zu erzählen. Sie war in ein Rudel weit im Osten geboren worden, wie weit, wusste sie nicht, doch nach ihrer ersten Monatsblutung hatte man sie mit einem Mann aus einem Rudel verheiratet, das weiter im Westen lebte, allerdings immer noch ein gutes Stück nördlich und östlich der Urdecha.

— In dem Rudel sind einige schlimme Sachen passiert, sagte sie einmal und wandte dabei stirnrunzelnd den Blick ab. — Darüber möchte ich nicht reden. Das ist nicht nötig. Ich habe vor, es zu vergessen. Mein Leben beginnt mit dir. Mit einem schläfrigen kleinen Lächeln zog sie ihn wieder in sich hinein.

Eistauchers Geschichte war etwas komplizierter, zumindest in seinen Augen.

— Mein Vater Tulik war Dorns eigentlicher Lehrling, erklärte er ihr. — Eigentlich hätte er der nächste Schamane werden sollen und nicht ich. Wenn er am Leben geblieben wäre, dann hätte Dorn ihm vielleicht bereits seine Aufgaben übertragen und wäre losgezogen, um ein Waldmann zu werden oder so. Aber mein Vater wurde auf der Jagd von einem Elk getötet, und meine Mutter ist im darauffolgenden Frühjahr gestorben, manche behaupten, weil sie zu traurig war, um fett genug für den Winter zu werden. Aber Heide sagt, dass es ein Fieber war. Wie dem auch sei, nach ihrem Tod haben sich vor allem Heide und Dorn um mich gekümmert. Und so hat Dorn mich schließlich als seinen Lehrling behandelt, obwohl ich ihn nie darum gebeten hatte, und ich mag es auch nicht. Aber alle scheinen einfach davon auszugehen, dass ich das nun mal bin. Sie wissen, dass ich keine Lust dazu habe. Moos wäre ein besserer Schamane. Aber jetzt lässt es sich nicht mehr ändern. Jetzt spielt das allerdings keine Rolle mehr, weil ich jetzt dich habe. Ich hoffe, dass ich mit dir zusammen ein viel besserer Schamane werde.