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Elga lächelte ihr kleines Lächeln und küsste ihn. — Da hast du recht, sagte sie.

Im elften Monat waren sie den ganzen Tag so in Eile, als gelte es, ihren sicheren Untergang abzuwenden. Was auch zutraf, wie die schnell kürzer werdenden Tage deutlich machten. Es wurde kälter, Blätter wirbelten ostwärts, getragen von Winden, die des Nachts Unheil verkündend durch die Große Schlucht heulten. Wie groß die Welt wird, wenn es stürmt!

Brennnesseln für Netzschnur. Lilienzwiebeln. Birkenrinde. Zedernwurzeln. Kiefernharz. Fichtensaft, Innenrinde von der Fichte. Mistelbeeren. All das mussten sie im Herbst sammeln.

Wenn sie zum Sammeln unterwegs waren, nahmen Eistaucher und die anderen oft die Kinder mit. Um die Kinder bei Laune zu halten, wenn sie gerade nicht sammelten, bog Eistaucher ihnen meistens einen Reifen zurecht und ließ ihn rollen, sodass sie Stöcke hindurchwerfen konnten, oder er stellte Ziele für Wurfsteine auf. Er schnitzte Spielzeug aus Astlochstücken, versteckte es und schickte die Kinder auf die Suche. Er musste wie ein Eichhörnchen oder Häher denken, um sich zu erinnern, wo er die Stücke versteckt hatte, denn oft fanden die Kinder sie nicht. Es hatte keinen Sinn, etwas herzustellen und es dann an einem Ort zu verstecken, wo es niemand sah. Versteck deine Gaben nicht im Wald, hieß es, erzähl deine Geschichte nicht dem Wald. Obwohl er oft genau das tat, selbst wenn er dabei nie sprach.

Um den Vollmond des elften Monats stattete das Rudel der über ihnen im Hang gelegenen Höhle seinen jährlichen Besuch ab. Danach überließ man sie den Bären, die dort Winterschlaf hielten. Es handelte sich um eine eher kleine Zeremonie, aber da sie zum Herbstende stattfand, war sie dennoch wichtig: Auf diese Weise dankten sie Mutter Erde für das gute Jahr und festigten ihre Bande untereinander für den bevorstehenden langen Winter.

Diesmal würde Eistaucher mit Dorn im großen Gewölbe bleiben, nachdem sie die Zeremonie beendet hatten und alle anderen gegangen waren. Zum ersten Mal würde er tiefer in die Höhle vordringen, durch die Schamanengänge zu den geheimen Bereichen, die nur die Schamanen betreten durften. Den ganzen Herbst über hatte Eistaucher sich gefragt, ob Dorn ihn dorthin mitnehmen würde, nachdem er so empört über seine Hochzeit gewesen war. Der elfte Monat war immer näher gerückt, ohne dass der Schamane ein Wort darüber verloren hatte. Eistaucher war versucht gewesen, ihn darauf anzusprechen, aber weil er seine Sorge nicht zeigen wollte, schwieg er.

Am Morgen des elften vollen Mondes sagte Dorn: — Hast du die Farben und Pinsel zur Hand und deine Lampen?

— Ja.

— Denk daran, dass du dort drin noch nichts malen wirst, nicht dieses Mal und auch in den nächsten Jahren nicht.

— Ich weiß.

Er würde Dorn lediglich zur Hand gehen. Vielleicht würde Dorn ihn ein paar alte Linien nachziehen lassen. Doch das spielte keine Rolle. Er hatte Elga, und er würde in die Schamanenhöhlen hinabsteigen. Alles war gut und sogar besser.

Im Zwielicht des elften vollen Monds machte sich das Rudel auf den Weg hinauf von der Gewundenen Au zu der Lehmrampe, die aussah, als hätte man sie mit einem riesigen Stichel in die Felswand eingegraben. Die an die überhängende Wand der Balme gemalten Tiere hießen sie willkommen und führten die Besucher zum Höhleneingang. Es handelte sich um ein breites Loch in der Wand, das an der höchsten Stelle etwa mannshoch und von herabhängendem Gestrüpp gesäumt war. Die Tierbilder zu beiden Seiten des Eingangs zeigten, wie die Tiere in die Unterwelt heimkehrten, die sie geboren hatte. Die zur Linken waren größtenteils rot und die zur Rechten schwarz, doch jedes Tier hatte auch rote oder schwarze Stellen, ohne dass die beiden Farben sich miteinander mischten.

Obwohl die Nacht hereinbrach, leuchteten das letzte Zwielicht und der Schein des vollen Monds ein gutes Stück in die Höhle hinein, sodass die vorderen Wandbereiche noch gut zu sehen waren. Die Wände des ersten Raums waren nicht bemalt; er galt noch nicht als Teil des eigentlichen Höhleninnern, sondern als letzter Ausläufer der Außenwelt. Im Leib von Mutter Erde war er nicht das Sabelean, sondern die Baginare.

Als sie alle in dem großen, düsteren Raum auf dem Boden saßen, sprach Dorn fast in einer Art Plauderton zu ihnen, der sich völlig von seiner üblichen Schamanenstimme unterschied.

Wir hatten einen schlimmen Schamanen, der uns zwickte Und uns mit dem Stock schlug, bis wir bluteten, Uns Knochennadeln durch die Ohren stach Und sie seitlich herausriss, damit wir nichts vergaßen. Ihr seht, was mir blieb, nichts als Löcher im Kopf, Die zu meinem Gehirn führen. Richtig war das nicht, doch eines gebe ich zu: Ich erinnere mich sehr gut. Ich weiß zum Beispiel noch, Wie er uns zum ersten Mal in diese Höhle führte, Um hier die heiligen Tiere zu malen. Das war eine seiner Zaubersachen. Er ließ uns alle die Felswände bemalen Unter der Balme, wo Ordech und Urdecha sich treffen, Mit Kohle und Blutstein. Wir sollten es genauso machen wie er, Nicht wie Kinder mit den Farben spielen, Bunte Dreistriche sollten wir malen, Mit allen Kniffen, die ihr hier seht, Sodass unsere Brüder und Schwestern aussahen, Als bewegten sie sich im Licht und sprängen euch an. Ich weiß noch, wie er mich und die anderen Jungs Zwang, seinen Zauberstaub zu essen, Wir kotzten von dem bitteren Pulver Und wandelten danach kniehoch überm Boden, Wobei man sehr leicht hinfällt. Er zerrte uns in die Tiefen der Höhle Und sang dabei ein Geisterlied, Damit die große Muttergöttin, auf deren Leib wir stehen, Wusste, dass wir kommen, Und er sagte, wir würden uns mit ihr paaren, Indem wir ihr Innerstes beträten. In jener Nacht wären wir die Spritzmilch. Der Mond war voll, und Pfeifhase, der Schamane, Ergriff eine Öllampe und führte uns in Mutter Erdes Kolbi, Die warm war und feucht, was auch sonst.

Alles eröffnete sich uns, und es pulsierte nicht rosig, sondern gelb und rot.

Dorn hielt inne und ließ den Blick über die sie umgebenden Höhlenwände schweifen.

— Und da wären wir wieder, schloss er unvermittelt. — Ich will es euch zeigen.

Sie entzündeten ihre mitgebrachten Kiefernfackeln, und im wabernden Schein der Flammen drangen sie tiefer in die Höhle vor. Der nächste Bereich wurde nur noch vom gelben Fackelschein erleuchtet, der die Tiere an diesen ersten bemalten Wänden rot hervorstechen ließ. Bei den meisten handelte es sich um rote Löwen, weshalb man diesen Ort entweder die Löwenhöhle oder die Rote Höhle nannte oder manchmal einfach nur die Erste Bemalte Höhle. Dorn zufolge hatte jedes Rudel, das diese Höhlen aufsuchte, seine eigenen Namen für ihre verschiedenen Räume, und die jeweiligen Schamanen konnten diese Namen nicht abgleichen.