Als sie alle in der Roten Höhle waren, versammelten sie sich im Kreis um Dorn, und er reichte seine brennende Pfeife herum, damit jeder einen Zug aus ihr nehmen konnte. Inmitten des Rauchens und Hustens schüttelten einige der Männer Rasseln und bliesen in dicke Kürbisse. Die Frauen sangen die Danksagung für das Jahr, wie sie es bei diesen Besuchen immer taten, und dann steckte Dorn alle Fackeln in der Mitte in den Boden, sodass die Schatten des um sie herumtanzenden Rudels an die Wände geworfen wurden, als schwarze Gestalten, die sich über die roten Tiere bewegten, welche sich nach einer Weile selbst zu bewegen begannen. So tanzten sie zusammen mit den Tieren in der Höhle, langsam, um ihre Geister nicht zu verschrecken, und dann traten sie an die Wände heran und berührten die Flanken der Tiere und ihre eigenen Schattenhände, um so mit den Höhlengeistern in Verbindung zu treten.
Anschließend ließen sie sich alle dicht bei den Fackeln nieder, hielten sich bei den Händen und beobachteten schweigend die pulsierenden Wände um sie herum. Es wurde so still, dass sie einander atmen, ihren eigenen Herzschlag hinten in ihren geöffneten Mündern hörten. Das immer so geschäftige Jahr fand zu seinem stillen Moment des Dankes. Lange Zeit saßen sie so da, blickten auf die Tiere um sie herum, deren rotes Pulsieren wie die Initiation ihrer Frauen aussah, und es fühlte sich wie der längste Moment des ganzen Jahres an, wie die Spindel, um die sich die Sterne drehen.
Dann gab Dorn mit einem lauten Summen einen Ton vor, und alle anderen fielen mit ein. Solcherart ihren Abschied summend, erhob sich das Rudel. Einer nach dem anderen kehrte der Kammer den Rücken zu, gelangte durch den hellen Raum hinaus ins Freie, wurde durch die Baginare der Welt neu geboren, hinein in die Gewundene Au. Ihre Schamanen Dorn und Eistaucher ließen sie in der Höhle zurück, damit sie weiter für sie sprachen.
22
Dorn entzündete mehrere Öllampen an den Fackeln, und als die kleinen Dochte brannten, löschte er die Fackeln, indem er sie in den feuchten Lehm am Boden drückte. Für eine Weile war es erschreckend dunkel, doch dann konnte Eistaucher wieder sehen, wenn auch nicht so deutlich wie im Licht der Fackeln.
Eistaucher folgte Dorns schwarzem Rücken tiefer in die Höhle hinein. Die Lampen in ihren Händen flackerten bei jedem Schritt und ließen ihre Schatten über die Wände tanzen, sodass die ganze Höhle zu zittern schien.
Als Eistauchers Augen sich an die Lichtverhältnisse angepasst hatten, nahm er die Wände deutlicher wahr. Das weißliche Gestein schimmerte an vielen Stellen feucht, wölbte sich vor oder wich vor ihm zurück, sodass der Stein mal zu glitzern schien und an anderen Stellen dunkler wirkte. Hier und dort war er von einer dünnen, durchsichtigen, nassen Schicht bedeckt, die wie Eis aussah; an anderen Stellen schimmerte glatter Matsch darauf; und an wieder anderen Stellen war er sauber abgesplittert, als wäre er frisch behauen.
Plötzlich kam ein schwarzer Löwe aus der Wand zu seiner Rechten, setzte genau auf ihn zu. Ängstlich zuckte Eistaucher zurück. Er hörte, wie Dorn weiter vorne dumpf lachte; dem Schamanen war nicht entgangen, wie Eistauchers Lampe geflackert hatte.
Jetzt traten zu beiden Seiten des Ganges schwarze Tiere in voller Größe aus den Wänden heraus. Langsam schritten Dorn und Eistaucher zwischen ihnen hindurch, gingen abwärts und erreichten einen großen, unregelmäßig geformten Raum, in dem an allen Wänden Gruppen von Tieren gemalt waren. Sie begannen etwa auf Brusthöhe und reichten so hoch, wie man den Arm strecken konnte, wanden sich wie ein Gürtel um die beiden herum. Dorn blieb in der Mitte des Raums stehen und drehte sich langsam im Kreis, und Eistaucher drehte sich mit.
Der Boden unter seinen Füßen war feucht und an einigen Stellen schlammig. Je nach dem Wechsel von Licht und Schatten schienen sich verschiedene Tiere über die Wände zu ziehen. Am Fuße einer Wand gab es ein schwarzes Loch, aus dem ein leises, glucksendes Geräusch drang. Ansonsten war es sehr still.
Eine ganze Weile sahen sie die Malereien an, von denen einige bloß Dreistriche, die meisten aber voll ausgeführt waren. All die heiligen Tiere waren da, Bär und Löwe, Bison und Pferd, Mammut und Nashorn; sie alle standen still und bewegten sich zugleich, und da sie einander überlagerten und von sehr verschiedener Größe waren, wohnte ihrer Reglosigkeit eine angespannte, bebende Bewegtheit inne. Letztlich blieb jedes Tier an seinem Platz und zitterte nur leicht im Lampenschein.
Dorn stieß ein kurzes Lachen aus und ging weiter. Eistaucher folgte ihm, wobei er wie geheißen genau in die Fußstapfen des Schamanen trat, womit man wohl einerseits der Göttin seinen Respekt erwies und es außerdem vermied, in den Schlamm einzusinken, der einen Großteil des Bodens bedeckte.
Die Durchgänge zwischen den verschiedenen Räumen waren eng. Die Räume selbst waren hingegen groß, größer als jede Behausung. Obwohl die Wände unregelmäßig und deshalb voller schwarzer Schatten waren, wurde man sich ihrer immer ganz gewahr, und sie flackerten im Licht der Lampen. An manchen Stellen waren sie mit roten Linien und Spiralen bemalt, und wenn Eistaucher sie genau betrachtete, wanden sie sich unter seinem Blick, bis sie sich schließlich von der Wand lösten und vor ihm her durch die Schatten schwebten, wie Farbblasen, die direkt auf seinen Augäpfeln saßen. Selbst als er die Augen schloss, konnte er die Punkte noch sehen und ein Netz roter Linien, das sie verband und sich im Takt seines Herzschlags auf und ab bewegte. Als er die Augen wieder öffnete, hatte sich alles in ein Gewirk aus rot-schwarzen Mustern verwandelt, manche eng- und manche weitmaschig. Der Schoß von Mutter Erde war wie ein Weidenkorb.
Sehr langsam setzten sie ihren Weg fort, und Eistaucher hatte das Gefühl, eine lange Zeit unterwegs zu sein. Am Ende eines gewundenen, abschüssigen Gangs stiegen sie auf einen kantigen Felsbrocken, den hier offensichtlich einmal jemand als Trittstein an einem tiefen Abbruch platziert hatte. Weiter vorne wurde es kurz so eng, dass sie sich seitlich zwischen den Wänden hindurchquetschen mussten, sodass Eistaucher spürte, wie die Erde ihn einmal klamm drückte, ehe sie ihn passieren ließ.
Jetzt befanden sie sich wahrhaftig im Schoß von Mutter Erde, im Kolbos, im Sabelean. Ich mag ihre Kolbi, sagten Männer oft und fügten manchmal noch hinzu: Sie heißt einen willkommen wie ein Reh. Aber hier unten war es zu tief und dunkel und kalt für solche Worte. Dies war der Schoß von Mutter Erde, die den Himmel und alles andere geboren hatte. Sie bewegten sich in ihrem Innern. Die Wände um sie herum waren leicht glitschig vor Nässe, genau wie in Elgas Fuchs. Mit ihren Malereien schwängerten sie Mutter Erde mit den Tieren, die ihr am heiligsten waren. Eindeutiger konnte das nicht sein. Dorn bemalte die Wände ihrer Kolbi mit seiner Farbe, und dann brachte sie das Tier zur Welt, das er gemalt hatte, und so weiter fort.
Dorn sang ein Lied, das ziemlich genau das aussagte, was Eistaucher dachte:
Dorn war beim Singen dieses Lieds entspannter, als Eistaucher ihn je erlebt hatte. Es klang fast, als habe er eine andere Stimme, oder als spräche jemand anders mit seiner Stimme. So war Dorn anscheinend, wenn er glücklich war. Eistaucher sah ihn zum ersten Mal so.
— Du sorgst dafür, dass sie zu uns kommen, sagte Eistaucher. — Von hier gebiert Mutter Erde. Wir sind in ihrem Schoß.
— Ich teile der großen Mamma mit, dass wir diese Tiere ganz besonders lieben, sagte Dorn. — Sie gebiert alle Geschöpfe der Sonne, unabhängig davon, was wir tun. Aber wir können ihr zeigen, was wir lieben. Deshalb malen wir hier drin nur die heiligen Tiere. Es ist schön, wenn man sie dort oben an die Wände hängt, als würden sie schweben, als hätte man sie mit einem Speer an den Himmel geheftet. So hat Pfeifhase es immer gemacht. Er malte sie sogar mit hängenden Beinen, die Hufe eingebogen. Je schwerer sie in der Welt sind, desto deutlicher hat er sie so gemalt. Er beherrschte viele solche Tricks, kleine Witze für ihn selbst und die, die sie sehen konnten.