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Dorns Stimme war selbst jetzt noch entspannt, obwohl er von seinem schlimmen Schamanen sprach. Sein Schatten zuckte an der Wand entlang wie ein lebendes Bild oder als tanzte sein Geist vor ihnen. Der Widerhall seiner Stimme schien auf einen weit größeren Raum hinzudeuten als den, den sie im Schein der Lampe sehen konnten. Die Wände des Gewölbes schwollen sichtbar an und ab, und zwar nicht im Rhythmus von Eistauchers Herzschlag, der sehr viel schneller pochte. Anders als in der Außenwelt stimmte das, was er hörte, nicht mit dem überein, was er sah. Manchmal saugte der nasse Matsch an seinen Füßen, und dann verfestigte er sich wieder zu nassem Stein. Wenn der Matsch weich wurde, hatte Eistaucher das Gefühl, in den Fels hinabzugleiten, und einmal, als er einen furchtsamen Blick nach unten warf, sah er, dass er bis zu den Knöcheln im Boden stand; hektisch trat er von einem Fuß auf den anderen, um sich zu befreien.

Dorn merkte es, und er streckte den Arm aus, ergriff Eistauchers rechte Hand, führte ihn zur Wand und legte die Hand darauf. — Berühre sie. Halt still.

Er setzte einen kleinen, ausgehöhlten Vogelknochen an die Lippen, der an Heides Holzblasrohr erinnerte, und blies ein Wölkchen schwarzen Pulvers über Eistauchers Handrücken. Sie verschwand in dem neuen schwarzen Fleck an der Wand, und Eistaucher spürte, wie der Stein seine Hand verschluckte, spürte, wie er von seiner Hand vorwärtsgerissen wurde. Die Wand drohte ihn einzusaugen; er war schon bis zum Handgelenk in ihr drin, und jetzt zog er seinerseits angestrengt, um sich zu befreien. Vor Angst wagte er es nicht einmal aufzuschreien.

Dorn legte Eistaucher den Arm um die Hüften, und zusammen und unter Ächzen und Schnaufen gelang es ihnen, Eistaucher aus der Wand zu ziehen. Als Eistaucher schließlich frei war, hielt er sich verblüfft die Hand vors Gesicht und starrte sie an, zitternd vor Erleichterung darüber, sie wiederzuhaben. Dorn führte ihn mit einer Behutsamkeit, die überhaupt nicht zu ihm passte, von der Wand fort. Hinter ihnen, dort, wo Eistaucher fast hineingesaugt worden wäre, befand sich nun ein Loch in der Form seiner Hand.

— Jetzt wird ein Teil von dir immer hier sein, sagte Dorn in einem Singsang.

Eistaucher dachte: Jetzt bin ich also wirklich ein Schamane, und sofort musste er den kleinen Funken der Angst ersticken, der in diesem Gedanken brannte und versuchte, ein Feuer in seiner Brust zu entfachen.

Dorn hielt Eistaucher weiter bei der Hand und zog ihn tiefer in die Höhle. — Hier musst du den Kopf einziehen, wir sind beinahe in der Schwarzen Höhle.

Der abwärts führende Durchgang weitete sich schon bald wieder, und sie betraten einen großen Raum mit einer Decke, die an einigen Stellen tief und gut zu sehen war und an anderen in purer Schwärze verschwand. Dorn stellte ihre Lampen vorsichtig auf dem Boden ab, sodass sie einen kahlen, gekrümmten Teil der Höhlenwand erleuchteten, links von einer großen Spalte, bei der es sich vielleicht um einen Durchgang zu noch tieferen Höhlen handelte, die aber zu schmal war, um einen Menschen durchzulassen. Kalte Luft strich daraus hervor. Ein Geräusch wie von fernen Stimmen drang durch ein Loch im Boden zu ihnen empor. Eistaucher bibberte, während er Dorn dabei half, ihre Sachen auszupacken und sie um die Farbschüssel herum ausbreitete. Dorn griff nach den Holzkohlestöckchen und inspizierte sie sorgfältig; die verbrannten Enden waren so schwarz, dass sie im Lampenschein unsichtbar für Eistauchers Augen blieben, es waren einfach Löcher in seiner Sicht, als er auf den Höhlenboden sah.

Weiter unten an der Wand, rechts der Spalte, hing ein Stein in Form eines Bisonvisels von der Höhlendecke. Die Kolbi einer Frau war darauf gemalt, einmal mehr so schwarz, dass es sich bei ihr um ein Loch im Stein zu handeln schien, dreieckig, ein schwarzer Keil zwischen Beinen, die unterhalb des Knies spitz zuliefen. Der vertikale Spalt des Kolbos war von reinem Weiß; man hatte ihn mit einem Stichel unten in das Dreieck hineingekerbt, sodass er sich vor dem satten Schwarz des Fuchses als leuchtend weiße Linie abzeichnete. Der Spalt, der Schlitz, die Kolbi, die Baginare, der Weg zur Verzückung.

Zur Rechten schwebte über den Beinen dieser nackten Frau ein Bisonmann, der sie gerade besteigen wollte. Das linke Bein hatte er unter ihr linkes Bein gehakt, um ihre Schenkel auseinanderzudrücken und in sie hineinzustoßen. Es war ganz eindeutig zu erkennen.

Dorn lachte, als er sah, wie Eistaucher das Bild mit großen Augen betrachtete.

— Das war Pfeifhase, erklärte er. — Der ist sich für nichts zu schade.

Dorn verstreute ein paar trockene Kiefernnadeln und entzündete sie mit seiner Lampe, ehe er sich wieder erhob und sich seine Pfeife daran ansteckte. Er sog den Rauch tief ein und atmete ihn dann auf ein leeres Stück Wand. Anschließend drückte er sich mit weit ausgebreiteten Armen dagegen, und Eistaucher befürchtete, dass er mit der Wand verschmelzen und ihn allein zurücklassen würde. Doch er kehrte zurück und setzte sich, und sie rührten die Farbe in einer Schüssel an, indem sie etwas schwarzes Pulver, das Dorn in einem Beutel mit sich trug, mit Wasser aus seinem Wasserschlauch vermischten. Er erklärte, dass er sowohl schwarze Farbe als auch Holzkohlestöcke verwenden würde. Bei der Arbeit stimmte er ein tiefes Summen an, das erst von einer Seite ihrer Nische widerzuhallen schien und dann von der anderen.

Dann erhob er sich wieder und küsste die Steinwand. Er rieb mit den Händen über eine Erhebung, bei der es sich ihm zufolge um eine Löwenschulter handelte, spürte jedem Riss und jeder Vertiefung erst mit den Fingerspitzen und dann mit den Lippen nach. Die Wand war von feinen Rissen bedeckt, aber ansonsten bot sie eine saubere Oberfläche.

Dorn atmete singend aus: — Ahhhhhh, ahhhhhh, ahhhhhh, in gleichbleibender Tonlage. Die Höhle erwiderte sein Summen: — Ahhhhhhhhhhhh. Eistaucher spürte das Geräusch unter der Haut und dann in den Knochen. Auch er summte, ohne sich bewusst dafür entschieden zu haben, als sei er eine Trommelhaut, der nichts anderes übrig blieb, als zu schwingen. Es war eine Art Zittern, als dringe die Kälte der Höhle in ihn ein und mache dabei ein Geräusch wie von Flusseis in der Sonne. In jenem Moment summte alles in der Höhle das gleiche Ahhhhhh, und die Schwingung half Eistaucher dabei, gegen die Kälte anzukämpfen, die aus dem Boden in seine Füße aufstieg wie Wasser. Ahhhhhh, ahhhhhh, ahhhhhh …

Dorn war noch immer mit der Wand beschäftigt. Den Kopf auf die Seite gelegt, zog er eine Linie mit seinem Holzkohlestift, trat zurück, holte tief Luft und atmete dann laut aus. — Ha, sagte er. — Gut. Also, fangen wir an. So kommen wir nun zu dir, Mutter, Schwester! Eine Jagd, die ich selbst an einem Mittsommertag gesehen habe.

Er wählte das Stöckchen aus, mit dem er anfangen wollte, und drückte eine Seite davon mit seiner Klinge platt, behutsam, damit die spröde Kohle nicht zerbröselte. Als er fertig war, tunkte er die Spitze in die Schüssel mit schwarzer Farbe und erhob sich.

Als er das verkohlte Ende des Stöckchens an die leere Wand drückte, sang er: — Ahhh. Die Wand erwiderte seinen Gesang: — Arrrr. Dorn neigte den Kopf beim Malen nach links, und sein ganzer Körper spannte sich an wie der einer Katze auf der Jagd, entspannte sich dann wieder und spannte sich erneut an, als er eine weitere Linie malte. Seine Bewegungen waren geschmeidig, er zog jede Linie, ohne innezuhalten oder abzusetzen. Die runde Erhebung an der Wand wurde zur Schulter eines Löwen. Dann entstand ein Kopf, wie bei einem Dreistrich. Die schwarz ausgemalten Ohren waren abgerundet und standen nach vorne: Die große Katze lauschte. Beide Augen waren vorne im Gesicht erkennbar, ihr Blick war aufmerksam nach links gerichtet. Ein weiterer Kopf vor und unter dem ersten folgte, lang gezogen und finster dreinschauend, die Ohren flach angelegt, eine Tatze nach vorne ausgestreckt. Dann kam ein losgelöstes Bein, das horizontal darüber schwebte. Offensichtlich handelte es sich um dieselbe Vordertatze einen Augenblick später. Der Löwe stürzte sich auf seine Beute.