Eistaucher sah Dorn mit offenem Mund bei der Arbeit zu. Ein weiterer Kopf entstand vor dem angreifenden Löwen, mit geöffnetem Maul und aufgerissenen Augen, deren mit Bedacht platzierte Pupillen genau anzeigten, worauf der Blick des Löwen sich richtete. Dann folgte ein riesiger Kopf, der bisher größte, vorneweg; dieser starrte vor Hunger geifernd geradeaus. Schließlich folgte ein kleinerer Kopf im Dreistrich und dann noch einer.
Als all diese Köpfe fertig waren, setzte Dorn sich hinter den Lampen auf den Boden und betrachtete sein Werk. Dann sprang er mit einem frisch präparierten Stöckchen vor und begann von Neuem zu zeichnen. — Ahhhhhh.
Mehr Löwen und einige Streifen, die er sowohl mit den Fingern als auch mit dem Stock an die Wand wischte, um bestimmte Bereiche des Kopfes dunkler zu machen. Er tunkte seine Finger oder ein kleines Mooskissen in die schwarze Farbe und trug sie sehr behutsam auf. Jetzt setzten die Löwen geschmeidig nach links, sechs Löwenköpfe, manche größer und manche kleiner, geschwärzt oder als Dreistriche, mit einigen Schnörkeln und losgelösten Tatzen darum herum, um den Bewegungsfluss zu betonen. Sie alle zitterten im Lampenschein.
Darüber fügte Dorn zwei Löwen hinzu, die sich nicht um die Jagd kümmerten und sich mit den Schnauzen berührten, wie Katzen in einem Rudel es manchmal taten. Noch weiter oben kam ein Löwe mit einer Schnauze, die fast so lang war wie die eines Höhlenbären, und der augenlos geiferte. Das war der Hungrigste von ihnen. Rechts von ihm war einer wie gewöhnlich im Profil zu sehen, wandte den Blick jedoch zugleich dem Betrachter zu, beides an derselben Stelle der Wand.
Dann kratzte Dorn mit einem Stichel über die Wand, um den Bereich um die schwarzen Köpfe herum aufzuhellen. Ein großer Löwenkopf hatte drei Reihen von Schnurrhaarpunkten um die Schnauze, über einem zugekniffenen Maul. Draußen in der Welt sahen sie ganz genauso aus. Wenn sie jagten, waren sie konzentriert und ernst und schürzten die Münder wie griesgrämige alte Männer beim Nachdenken. Nun punktete Dorn auch auf den Löwenkopf darüber Schnurrhaare. Anscheinend war ihm das erst im Nachhinein eingefallen.
— Moment mal, ich sehe etwas, sagte Dorn.
— Die Tiere, die sie jagen, riet Eistaucher.
— Genau. Sie haben acht Bisons gejagt.
Soweit Eistaucher es beurteilen konnte, war auf der linken Seite der Löwenwand, die abknickte und in der Finsternis verschwand, nicht genug Platz für acht Bisons. Neugierig beobachtete er, wie Dorn einen Rentier-Schienbeinknochen nahm und damit über den unteren Teil der verbliebenen Fläche kratzte, um dann einen Bison mit dem Horn eines Nashorns zu malen, der vielleicht eine Art Witz darstellen sollte oder einen seltsamen Blickwinkel. Darüber malte er eine dichte Gruppe von Bisonköpfen, die mit Ausnahme des Kopfes am weitesten links alle im Profil zu sehen waren. Der Kopf links starrte aus einem misstrauischen, runden weißen Auge genau den Betrachter an. Die Bisons hatten Nüstern und Augen vor Unbehagen zugekniffen, mit Ausnahme des einen, der Eistaucher unter seinen wunderschön gekrümmten Hörnern hervor ansah. Tiere wurden selten von vorne gezeichnet, aber Eistaucher gefiel der charakteristische Doppelbogen der Hörner, den man sah, wenn sie einem entgegenblickten: nach außen, nach innen, nach außen.
Jetzt stieg Dorn fast in die Wand hinein, als er mit einem Mooskissen Schwarz in einige der Bisonköpfe tupfte. Seine Nase schien seine Arbeit zu berühren, als wollte er die Malereien mit ihr schwärzen. Die drei oberen Bisonköpfe waren die dunkelste Masse an der Wand, und es machte fast den Eindruck, als würden sie aus ihr heraustreten, vielleicht, um den Löwen zu entgehen, deren geschmeidige Verfolgungsjagd sie leicht in die Wand hineinzuführen schien. Ja, sie waren auf der Flucht: Das war unverkennbar.
Mit einem neuen Kohlestift schwärzte Dorn den ganzen linken Rand des Bilds, wo das Gestein sich fortkrümmte, wodurch er der Szenerie eine Art schwarzes Flussufer als Begrenzung hinzufügte. Nun hing die Vision der Jagd als Ganzes vor ihnen im Raum, verschmolz mit Mutter Erde, trat aus Mutter Erde hervor. Eistaucher stellte fest, dass er stand, obwohl er sich nicht daran erinnern konnte, aufgestanden zu sein. Er hatte die Arme um die Brust geschlungen.
Dorn trat neben ihn zurück und betrachtete sein Werk.
— Ah, gut, sagte er. — Heute Abend sind sie wirklich gekommen. Eine ganz schöne Sache, was? Löwen auf der Jagd.
— Ich sehe, wie sie sich bewegen, sagte Eistaucher.
— Ja, gut. Siehst du auch, wie ich es gemacht habe? Das kann man lernen. Jedes Tier muss seinen eigenen Bereich haben, und man muss es ein bisschen in die Richtung dehnen, in die es sich bewegen soll. Unterschiedliche Größe, ein bisschen gedehnt, und ein paar zusätzliche Striche.
— Und die Sache mit den vorderen Teilen der Beine. Den losgelösten, meine ich.
— Ja, das stimmt.
— Die beiden Löwen, die sich mit den Schnauzen berühren, ergeben keinen Sinn.
— Aber so sind Katzen, erwiderte Dorn. — Das weißt du doch. In jedem Rudel gibt es ein paar, die sich überhaupt nicht darum kümmern, was die anderen machen. Rabe hat sie durcheinandergebracht, sodass sie nicht besonders gut darin sind, sich wie Rudeltiere zu verhalten. Es fällt ihnen schwer, lange genug auf der Jagd zu bleiben, und es ist ihnen egal, was das restliche Rudel von ihnen denkt.
— Das stimmt, sagte Eistaucher, der sich an Löwen erinnerte, die sich auf einer Wiese rekelten, ohne einander zu beachten.
— Deshalb sieht es dadurch echter aus. Ich habe es einfach so gemacht, wie es mir eingefallen ist. Es muss immer mehr sein als nur deine Vorstellung von dem, was du willst. Es ist nicht nur dein Plan. Du musst überlegen, wie es wirklich wäre. Und hier, siehst du, wie der Löwe und der Bison zu seiner Linken auf derselben Erhebung sind? Es ist, als bildeten sie zusammen ein Tier, das wie beides zugleich aussieht. Und wenn der Löwe den Bison fängt, passiert natürlich genau das. Im Moment des Anblicks sieht man oft beide Geschichten auf einmal, miteinander vermischt. Wie bei einem zweiköpfigen Schaf in der Herde. Oder bei dem Bisonmann dort drüben, der gerade die Frau besteigen will. Siehst du, dass das linke Bein beiden gehören könnte? Die Dinge überlappen sich.
— Es bewegt sich wirklich, sagte Eistaucher, der es langsam mit der Angst zu tun bekam, weil er die Löwen nicht zum Stillstand bringen konnte. — Ich habe das Gefühl, zu stolpern und zu fallen.
— Gut. So soll es sich anfühlen. Das ist die Falle des Malers. Sie versuchen ewig, sich zu bewegen, ohne jemals voranzukommen. Die Leute kommen hier herein und sehen, wie sie sich bewegen. Wie gerne ich dabei wäre, wenn Quarz das hier entdeckt! Er trägt immer seinen Umhang mit dem Löwenkopf. Das wird ihm die Schädeldecke wegpusten. Er wird sich in die Hosen scheißen, er wird plappernd davonrennen und vielleicht noch mit dem Kopf an den Bullenpimmel dort drüben stoßen, genau gegen die große Kolbi des alten Mädchens da knallen. Da wäre er nicht der Erste, der sich am Beckenknochen einer Frau bewusstlos schlägt. Komm, lass uns rausgehen. Ich habe Hunger.
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Eistaucher in den folgenden Tagen:
Etwas Holzkohlestaub und Wasser vermischen und damit zu der Felswand am Fluss hinuntergehen, um Dreistriche einiger Tiere zu zeichnen, die Linien zu üben, die die jeweiligen Tiere ausmachten, ihre Proportionen, ihre Bewegungen. In den meisten Jahren wusch das Frühlingshochwasser die Wand wieder sauber.