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Details hob er sich für die flachen Sandsteinstücke auf, die er wegen ihrer Oberflächen sammelte — glatt, geriffelt, rissig, jede mit ihren ganz eigenen Möglichkeiten. Er verbrachte viel Zeit damit, Klingen zu behauen, bis sie ihm gut genug erschienen, um sie auf Stöcke zu stecken und zum Ritzen zu verwenden. Immer war er auf der Suche nach einem Stichel mit besserer Spitze und Schneide. Feuerstein konnte auf so viele Arten falsch splittern, dass es einen fast wahnsinnig machte. So etwas wie den vollkommenen Stichel gab es einfach nicht. Die Winkel, die man brauchte, entsprachen nicht den natürlichen Winkeln des Feuersteins. Man bekam eine gute Spitze oder eine gute Schneide hin, aber nicht beides aus dem gleichen Stück Stein.

Trotzdem war es ein interessanter Versuch. Es kam darauf an, geduldig zu sein. Wie wenn man Speere durch einen Reifen warf: Man musste es zwanzigzwanzigzwanzigmal machen, bis man wusste, was dabei herauskam, wenn man es überhaupt jemals wissen konnte.

Schweigen ist ein Gebet.

Morgens dasitzen und Stein auf Stein schlagen und dabei darauf achten, im Moment des Zuschlagens die Augen zuzukneifen und den Blick abzuwenden. Ein einziger Splitter konnte einen erblinden lassen. Das Ergebnis im Licht der Sonne begutachten, Scherben und Splitter betasten. Nach einem Glückstreffer lagen manchmal die erstaunlichsten Klingen im Staub. Mädchen umarmten einen und bedachten einen mit freundlichen Blicken, wenn man ihnen genau die richtige Art von Klinge brachte. Er hatte schon einige Nadeln, die ihm recht gut gefielen. Feuerstein behauen war eine gute Sache. Je besser man die Dinge herstellt, desto besser sind sie zu einem.

Heide fragte sein Wissen über Pflanzenkunde ab. Jedes Zweiglein, das sie ihm vorlegte, war zum Bersten angefüllt mit der eigenen Lebensgeschichte, voller Nutzen und Gefahr, und so ging es Zweig für Zweig, bis es Eistaucher vorkam, als gäbe es eine unendliche Vielfalt von ihnen, als glichen sich keine zwei Pflanzen auf der Welt. Das stimmte natürlich nicht, von jeder Sorte ließen sich zahlreiche Exemplare finden, und oft gab es ganze Ansammlungen einer Sorte an ihren jeweiligen Lieblingsplätzen, beispielsweise in dünnen Erdschichten oder im Schatten, oder wo auch immer sie sich für gewöhnlich niederließen. Je mehr Eistaucher mit Heide lernte, desto besser begriff er das, und es entzückte ihn, auf welch mannigfaltige Weise die lebenden Dinge ihr Dasein fristeten. Sie wuchsen, gediehen, starben, nährten ihre Nachkommen, die auf ihnen wuchsen und von ihnen zehrten. Pflanzen waren stumme Personen, die sich nicht vom Fleck rühren konnten.

Beim Kosten ging Heide allerdings zu weit. Sie wollte, dass er sie an alle möglichen Orte begleitete und von allem, was sich dort fand, etwas mit zurückbrachte, und dann wollte sie, dass er ihr dabei half, all das zu essen! Er war doch nicht ihre diebische Katze, die die seltsamen Leckerbissen hochwürgte, die Heide ihr hinstellte. Nahm man noch das hinzu, was er bei Dorn lernen sollte, war es ihm beinahe zu viel.

Allerdings machte es ihm mehr Spaß, bei Heide zu lernen. Was Heide ihm vermitteln wollte, interessierte ihn mehr als das, was Dorn ihm vermitteln wollte, mit Ausnahme des Malens. Bei ihr konnte er Dinge sehen, sie berühren und sie sich vorsichtig auf die Zunge legen. Mit Dorn hingegen ging es immer ins Reich der Zahlen, Geschichten, Gedichte und Lieder, die man alle auswendig lernen musste, manchmal Wort für Wort. Worte Worte Worte! Die waren der Grund dafür, dass es ihm manchmal zu viel wurde.

Doch selbst Heide wollte, dass er Worte auswendig lernte. Beispielsweise verlangte sie von ihm, dass er ihr nachsprach, wenn sie die Eigenschaften dreier verschiedener vor ihm liegender Zweige aufzählte, und am nächsten Tag sollte er es alleine können, also starrte er die Zweige an und versuchte sich zu erinnern. Die Antworten fielen ihm nicht immer ein.

— Du bist nicht besonders gut darin, bemerkte Heide einmal.

Und bei einer anderen Gelegenheit: — Warum bist du so schlecht darin?

— Weil es mir keinen Spaß macht!, erwiderte er. — Du kannst mich nicht alles machen lassen.

— Alle machen alles, ist dir das noch nicht aufgefallen?

— Nein, das tun sie nicht. Niemand sonst macht den Schamanenkram. Und nur wenige Leute kennen sich mit Pflanzen aus. Und das sind vor allem Frauen.

Sie sah ihn an. — Tja, aber bist du jetzt Schamane oder nicht?

Er seufzte schwer.

— Also, sagte sie, — musst du all das wissen. Die Pflanzenkunde wirst du brauchen, wenn du dich um Kranke kümmern willst, und das ist nun mal die Aufgabe eines Schamanen. Unser Unaussprechlicher macht es vielleicht nicht gerne, aber glaub mir, es ist Schamanenarbeit. Das, was ich für die Kranken tue, würde sehr viel mehr bringen, wenn sie einen Schamanen hätten, der ihnen beibringen würde, was das alles soll. Also schreib es dir hinter die Ohren! Mach von mir aus ein Lied daraus, wenn du es dir dann besser merken kannst! Übe! Man merkt sich Dinge, indem man sie in Reihen und Gruppen zusammenstellt, wie Töne. Such dir deine eigene Methode, oder probier mehrere aus. Schau dir beispielsweise das Flussufer an und lege in Gedanken jedes Ding an eine andere Stelle am Ufer, so mache ich das. Es ist ebenso sehr eine Fertigkeit wie ein Talent, man kann also besser darin werden, wenn man sich Mühe gibt.

Erneut seufzte er schwer.

— Verschwinde, du Jammerlappen, du bläst noch mein Feuer aus. Geh in den Fluss heulen.

Damit entließ sie ihn. Dorn tat das nie.

— Erzähl mir die Geschichte vom Bisonmann, forderte Dorn beispielsweise.

Eistaucher biss die Zähne zusammen und holte tief Luft. Dorn war ein Bisonmann, und auch Pfeifhase war ein Bisonmann gewesen. Sie waren alle Arschlöcher. Seine Frau zu zwingen, sich mit einem Bison zu paaren, den daraus entstehenden Sohn in einer Höhle einzusperren, Mädchen hineinzuschicken, die ihn suchen sollten, das waren alles üble Sachen, weshalb sie Dorn auch so gut gefielen. Aber wenn Eistaucher die Geschichte so erzählte, dass sie so schlimm klang, wie sie auch wirklich war, versetzte Dorn ihm immer einen festen Klaps auf die Ohren. Langsam war Eistaucher das leid.

Es ist verboten!

24

— Ach, tut mir leid, das wusste ich nicht.

Zwanzig-Zwanzig Verbote im Wolfsrudel. Es machte Elga krank. Das Rudel, in dem sie aufgewachsen war, hatte auch Verbote gehabt, aber nicht so viele. Man darf keine Saugfische essen, weil sie Diebe sind! Man darf keine Hechte essen, weil sie zu gemein sind! Obwohl man böse Geister mit einem Ring aus Hechtkiefern und -zähnen vertreiben kann, den man sich über die Tür hängt. Niemals darf man einen frisch getöteten Fisch essen, während man seine Blutung hat, weil solche Fische noch nicht ganz tot sind und einen noch mehr zum Bluten bringen. Niemals darf man ein Tier schlachten, während man seine Blutung hat. Wenn man sich ein Kind wünscht und keines bekommt, dann soll man einen Bärenpenis essen, das funktioniert jedes Mal. Einen Blick auf ein Wiesel oder einen Specht zu erhaschen bringt Glück. Berühre niemals einen Raben! Raben stehlen einem das Glück.

Mit anderen Worten: Fürchte dich! Jeder im Wald weiß mehr als du! Doch Elga wusste von ihrem ersten Rudel, dass das nicht stimmte. All diese Wolfsfrauen ähnelten zu sehr ihren Anführerinnen Donner und Blauhäher. Der Fisch stinkt vom Kopf her.

Wenn man jemand wirklich kennen will, muss man herausfinden, mit welchem Tier er verwandt ist. Die starken Geister sind Bär, Faultier, Luchs, Wolf und Otter. Man darf nicht zu viel Wasser trinken, davon wird man tollpatschig.

Das stimmte. Elga nickte und lauschte, nickte und lauschte weiter. Sie stellte selbst dann Fragen, wenn sie die Antworten kannte. Jede Frau fragte sie das eine oder andere, sogar Donner, die normalerweise sprach, bevor man Zeit hatte, ihr eine Frage zu stellen. Wie macht man diese Soße? Was ist der Mond?