Die Sonne ist eine junge Frau, der Mond ist ihr Bruder, der mit ihr geschlafen und sich zu Stein verwandelt hat. Wenn im Herbst die Nordlichter hell leuchten, dann gibt es im folgenden Frühling viele Rentiere. Wenn man von einem Bären träumt, bedeutet das, dass ein Sturm aufzieht. Aber sag nicht Bär dazu, Frauen sagen stattdessen schwarzer Ort.
— Jagt ihr eigentlich Schweine?
— Sprich nicht die Namen schlimmer Dinge aus! Bist du etwa verrückt?
Und so bezeichneten sie Giftblatt als den bösen Strauch, Bitterwurz als das, was man nicht benutzte, Scheißschnell als das Hässliche, Wildschweine als die Unaussprechlichen, Luchse als Schwarzschwänze oder als Etwas-das-umgeht; Otter waren das Schwarze, Hyänen die Nichtgeachteten.
Nichtgeachtet, weil sie sich zu sehr wie Leute verhalten, dachte Elga, als sie das hörte.
— Iss niemals Fisch zusammen mit Stachelschwein!, brüllte Donner sie an. — Damit beleidigst du den Fisch!
— Ach, tut mir leid. Das wusste ich nicht.
Von Eisbergmilch bekommt man Durchfall. Wenn die Flusen der Weidenkätzchen umherfliegen, kommen die Lachse. Wenn man den ersten Lachs gefunden hat, streicht man mit Weidenzweigen über ihn und bittet darum, dass bald mehr Lachse kommen.
Sie hatten zwanzigzwanzig Rezepte dafür, Lachs haltbar zu machen, die alle köstlich waren. Verschiedene Lachssorten schmeckten besser mit den jeweils passenden Soßen. Wenn sie an die Lachsflüsse gingen und auf die Lachse warteten, so erzählte man Elga, sangen die Wolfsfrauen die Fische aus dem Meer herbei, indem sie alle Flüsse und Bäche aufzählten, durch die die Fische schwimmen mussten, um zu ihrer Verabredung mit dem Wolfsrudel zu erscheinen. Die ältesten Frauen aßen die ersten gefangenen Lachse, wobei sie sich alle Mühe gaben, keine einzige Gräte verrutschen zu lassen, und die Art, wie die Gräten am Ende dalagen, verriet ihnen, was sie im kommenden Jahr erwartete.
Donner war bösartig wie ein Hecht oder Leopard. Katzen waren die schnellsten aller Jäger, sie schlugen schneller zu, als man es sehen konnte. Wenn man einen roten Fuchs in Lagernähe bellen hört, wird bald jemand sterben.
Elga mochte weder Donner noch Blauhäher, und ihr fiel auf, dass die anderen Frauen die beiden auch nicht mochten, sondern sie nur ertrugen und einfach versuchten, möglichst wenig mit ihnen zu tun zu haben. Elga war eine solche Situation gewohnt: Im Jende-Rudel hatte es ihr auch nicht gefallen, und die Frauen dort waren abscheulich zu ihr gewesen. Donner und Blauhäher waren zwar nicht so schlimm, aber sie hatten eine eingeschüchterte und unzufriedene Gruppe von Frauen unter sich. Deshalb blieb Elga für sich und arbeitete hart für sie. Wenn sie es richtig anstellte, konnte sie ein stilles Gegengewicht zu den Anführerinnen bilden, doch das würde viele Monate dauern. Mit jeder Frage, mit jedem mitfühlenden Blick für eine Frau, die angebrüllt wurde, kam sie ihrem Ziel näher.
Also arbeitete sie und stellte Fragen. Wenn andere ihr Fragen stellten, dann fragte sie die Fragenden nach ihrer eigenen Meinung. Auf diese Art konnte man dem Gespräch immer eine neue Wendung geben. Sie merkte, dass Donner und Blauhäher sie für eine nachgiebige, vielleicht sogar etwas dumme Frau hielten. Erst später würden sie erkennen, woher der Wind wehte. Doch dann würde es zu spät sein.
25
Schlafe niemals ein, wenn dein Fleisch auf dem Feuer liegt.
Eistaucher fiel auf, dass Elga sich anscheinend gut mit Salbei verstand, was ihn ein wenig beunruhigte. Einmal näherte er sich Salbei allein am Fluss und versuchte sogar, ihr einen Kuss zu geben, wie er es früher getan hatte, doch sie runzelte finster die Stirn, versetzte ihm einen Schlag aufs Ohr und schubste ihn ein paar Schritte zurück. — Nein!
— Ich wollte das einfach gerade.
— Du willst zu viel!
Als er das hörte, erinnerte er sich an den Traum, in dem das Reh genau das zu ihm gesagt hatte. Erschreckt über diesen Nachhall, starrte er Salbei an. — Du warst das Reh!, sagte er laut und ging dann mit einem schmerzhaften Gefühl des Verlusts fort.
Aber all das war nur eine Art Übersprudeln seiner Gefühle für Elga und verschwand, wenn er bei ihr war. Wenn sie da war, konnte er kaum den Blick von ihr abwenden, und wenn er sie tagsüber unten im Lager ausmachte, bekam er einen Ständer einfach nur davon, sie zu beobachten, wie sie mit ihren langen Beinen gemächlich umherging. Seine Frau. Wie bei allen Frauen, die er lustvoll betrachtete, waren es ihre ungewöhnlichen Proportionen, die seinen Blick anzogen. Immer das, was seltsam an ihnen war, fesselte seine Aufmerksamkeit und zog ihn zu ihnen hin. Seinem Dafürhalten nach sah keine Frau jemals schlecht aus. Wenn sie füllig war wie Entchen, war es eine gute Fülligkeit. Wenn sie männlich war, wie Donner, dann war es eben ihre Männlichkeit, die eine umso attraktivere Frau aus ihr machte. Und so weiter. In dieser Beziehung war ihm nicht zu helfen.
Tagsüber grüßte ihn Elga nur mit einem gelegentlichen Blick, bevor sie sich wieder ihren Angelegenheiten zuwandte. Aus der Entfernung sah Eistaucher, wie sie mit einer Person nach der anderen sprach, normalerweise mit den Frauen, aber auch mit Dorn und Falke und Schiefer. Es gefiel ihm nicht, wenn sie mit Falke redete, aber es gab kein Anzeichen dafür, dass zwischen den beiden etwas lief. Und letztlich blieb das Rudel das Rudel. Man musste mit jedem reden können, sonst gab es Probleme. Und wenn es zu viele Probleme gab, taten sich Spalten auf, und das war dann ein ernsthaftes Problem. So wie beim Fuchsrudel, das sich aufgespalten hatte — viele seiner jüngeren Leute waren nach Westen gezogen, auf die andere Seite der Eiskappen.
Nachts fanden Eistaucher und Elga sich auf ihrem Lager zusammen, hinter Heides Platz nahe der Felswand, schlüpften unter ihre Felle und zogen sich gegenseitig aus, erst einer den anderen und dann umgekehrt. Es war wunderbar, egal, wie rum sie es machten, und sie küssten und liebkosten sich dabei; und dann glitt er in sie hinein, und los ging’s.
Eines ungewöhnlich warmen Tages im zwölften Monat traf er sie alleine unten am Fluss an. Die letzten Vögel sangen in der tief stehenden Mittagssonne und verrieten dadurch, dass weder Katzen noch Bären in der Nähe waren. Elga sah, wie er sich näherte, und zog einfach ihren Umhang aus, band ihren Rock auf und ließ ihn zu Boden fallen. Ihre dunkle Haut schimmerte in der Sonne wie Feuerstein. Sie trat in den Fluss zurück, tauchte unter und erhob sich wieder, und das Wasser perlte im Sonnenlicht funkelnd von ihr ab, und er konnte all ihre herbstlichen Rundungen sehen, während er eilig seine Jacke aufschnürte. Er nahm sie in die Arme und hob sie hoch, brachte sie vor Begierde zum Lachen. Sie zog seine Hosen herunter und drückte mit beiden Händen seinen Visel, und sie ließen sich ins Wasser fallen, das hinter einer kleinen Krümmung seicht und sandig war. Ah, gesegnete Vereinigung. Er küsste sie überall, wollte jeden Punkt ihres Körpers, jede Vertiefung küssen. Er leckte sie, wie ein Hirsch ein Reh leckt, leckte sie, bis sie nach Luft schnappte und die Hüften wiegte, woran er erkannte, dass sie gleich kommen würde. In diesen Momenten gefiel es ihm, mit der Zunge so weit wie möglich in ihr drin zu sein. Wenn er spürte, wie sie sich um seine Zunge zusammenzog, war das das Schönste, was er sich vorstellen konnte, sogar noch schöner, als wenn er selbst spritzte, weil er beim Spritzen meist nicht mehr bei sich war, während er, wenn er den Druck ihrer Kolbi um seine Zunge verspürte, noch ganz da war. Es gab sonst nichts, wobei er sich so lebendig fühlte. Wenn er dann selbst spritzte, was sie hinterher mit leichter Hand herbeiführte, war das eine Art übersprudelndes Glück. Danach glühte sein ganzer Körper, und er wollte die Nase an ihrer dunklen Haut reiben, ihre Wärme spüren, sie riechen. An den Bach kriechen, das Gesicht hineintauchen und tief das klare, kalte Wasser trinken, das noch immer ihren Geschmack hatte, wenn er sich hinterher die Lippen leckte. Der Winter würde gar nicht so übel sein, wenn er sich von Elga wärmen lassen konnte.