— Sie sind zu dicht beieinander, sagte er zu ihr, als er alle ausprobiert hatte.
Sie runzelte die Stirn. — Mach es noch einmal, sagte sie. Ich werde die Zeit absingen. Und während er Feuer entzündete und ihm vor Anstrengung bereits die Arme wehtaten, wandte sie sich ab und sang das Lied vom Riedgrasspalten, das sehr kurz war und sich wiederholte. Immer wenn sie es fünfmal gesungen hatte, streckte sie die Finger aus und schnitt mit ihrer Klinge eine Kerbe in einen Zählstock. Als sie fertig waren, betrachtete sie nickend die Markierungen. — Mit Zeder geht es am schnellsten. Das können wir den Leuten beim nächsten Fest sagen.
— Das glauben sie uns nicht.
— Sie werden es uns glauben müssen. Sie deutete auf die Feuerzeuge. — Sie können es ja ausprobieren, dann sehen sie, dass wir recht haben.
Bei diesem Gedanken grinste sie verwegen. Es gefiel ihr, recht zu haben, das sah er ihr an, besonders, wenn niemand es abstreiten konnte. Für sie war das, wie wenn man ein Kaninchen mit dem ersten Steinwurf tötete. Dann ließ sich auch nicht abstreiten, dass es ein guter Wurf gewesen war.
Dorn schnaubte nur, als Eistaucher ihm später davon erzählte. — Bei ihren Angelegenheiten ist es nicht besonders interessant, wer recht oder unrecht hat. Da geht es nur darum, wie die Dinge eben sind.
— Aber genau das möchte sie erfahren.
— Natürlich. Das wollen alle. Aber die Sachen, die wir so herausfinden, sind nur ein sehr kleiner Teil von dem, worauf es ankommt. Daher ist es auch nur eine Art, wegzuschauen. Wenn man es mit den schweren Fragen zu tun bekommt, schaut Heide einfach weg.
— Was sie wohl dazu sagen würde?
— Frag sie! Aber ich kann dir sagen, was sie antworten wird, weil sie nämlich immer das Gleiche erzählt: Sie wird sagen, eins nach dem anderen. Zuerst muss man in Erfahrung bringen, was man in Erfahrung bringen kann, und sich dann den schwereren Dingen zuwenden.
— Und hat sie da nicht recht?
— Ganz und gar nicht. Die schweren Fragen drücken uns die ganze Zeit, Junge, unabhängig davon, was wir wissen oder nicht wissen. Man muss sich dem Narsuk stellen. Den schweren Fragen kann man sich nicht entziehen, nicht, wenn man wirklich leben will.
Die biegsamen jungen Zedernruten ließen sich zu starken Seilen weben, was eine der Tätigkeiten war, denen die Leute in den langen Nächten ums Feuer nachgingen. Sie woben und strafften sie und vergewisserten sich, dass sie gut hielten. Solche Seile waren manchmal sogar noch fester als Kordeln aus Rohleder. Wenn jemand Zedernruten mitbrachte, wurden sie sofort verarbeitet. Wenn Eistaucher mit Falke und Moos loszog, um nach den Schlingen zu sehen, nahm er eine kleine Klinge mit und schnitt so viele der jungen Äste ab, wie er in seinen Rucksack bekam. Alle versuchten, von ihren täglichen Ausflügen mit etwas zurückzukehren, das ihnen bei der abendlichen Handarbeit am Feuer von Nutzen sein würde.
An jenem Jahresende brachte Eistaucher es unter Steinbocks Anleitung zum Fünf-Strang-Seilflechter.
— Was hast du mit dem Finger gemacht?, fragte Steinbock und deutete auf Dickerchen.
— Den habe ich beim Behauen erwischt.
— Autsch. Das wird dir wohl nicht wieder passieren.
— So schlimm war es gar nicht, log Eistaucher.
26
Eines Morgens gingen sie zur Jagd los, folgten dem Fluss durch das Untertal und stiegen dann über den östlichen Höhenweg auf. Oben angekommen mussten sie kehrtmachen und sich ein Stück zurückziehen, weil eine Bärin gerade einen Bienenstock ausnahm, was wohl ein Weilchen dauern würde. Es hatte wenig Sinn zu warten, bis die Bärin und die wütenden Bienen miteinander fertig waren. Speerwerfer wollte sie töten, aber von einem Grat aus ging das nicht besonders gut, und außerdem hatten die anderen genug Bärenklauen und wollten für ein paar mehr kein Risiko eingehen. Speerwerfer schimpfte sie dafür aus, aber die anderen beachteten ihn nicht weiter und stiegen über einen Wildpfad, der Eistaucher zuvor nicht aufgefallen war, ins Untertal hinab. Speerwerfer konnte sich mit seiner Halskette trösten, an der eine ganze Menge Löwen- und Bärenklauen hingen.
Das Wasser im Bach am Talgrund stand so niedrig, dass sie ohne Schwierigkeiten hindurchwaten konnten. Am Oberlauf sahen sie eine Gruppe Pferde. Sie hielten inne und verbeugten sich vor den Geschöpfen, um dann stehen zu bleiben und sie eine Weile zu beobachten.
Die Pferde waren so wunderschön wie immer. Etwa die Hälfte von ihnen war gescheckt, entweder Schwarz auf Weiß oder Weiß auf Schwarz; die restlichen waren braun. Ihre Farben waren so kräftig wie die von Vogelgefieder, und sie hatten auch etwas von der feinsinnigen Art von Vögeln, die so viel eleganter war als die von Rentieren, Saigas oder Elchen. Sie setzten ihre Hufe leicht und ordentlich auf, halb wie tanzende Frauen und halb wie die geschwind durch die Wälder trabenden Unaussprechlichen. Große, glänzende Läufe und kurze, steife Mähnen. Das obere Ende des Untertals verengte sich zu einer Schlucht, weshalb es ungewiss war, ob sie diese Schlucht durchqueren oder weiter stromabwärts ziehen würden, um weiter an der Urdecha zu grasen.
Erneut wollte Speerwerfer eines der Tiere töten, und erneut weigerten sich die anderen. Pferde durfte man nur töten, wenn man hungerte. Außerdem war es schwer, nahe an sie heranzukommen.
— Speerwerfer will töten. Suchen wir ihm einen Vielfraß, damit er töten kann.
Sie lachten Speerwerfer aus, und er sagte: — Na schön, suchen wir uns ein Reh, wenn es das ist, was ihr wollt.
— Ja, das wollen wir.
Sie suchten sich einen Weg über den Pferden am Hang, um sie nicht zu stören, und überquerten den Kurzen Pass in den oberen Teil des Untertals. Als sie die Felsrippe erreichten, die das untere Ende des Passes markierte, rief jemand von dem Grat auf der anderen Seite des Tals zu ihnen herüber.
— Seht nur, dem fehlt ein Stück Hand, sagte Speerwerfer.
Eistaucher sah es auch. Allen Männern des Rabenrudels, die südlich der größten Eiskappe lebten, fehlte der linke kleine Finger. Das war zwar ein wenig verstörend, aber abgesehen davon wirkten sie wie alle anderen Leute auch. Eistaucher erkannte den Mann, dem sie sich näherten, einen Reisenden namens Pippalott, was das Wort der Raben für rote Eichhörnchen war.
Pippalott winkte, während er sich ihnen näherte. — Gut, euch zu sehen!, rief er.
— Gut, dich zu sehen, sagten sie alle.
Er war sehr viel freundlicher als ein Eichhörnchen, aber wie ein Eichhörnchen war er flink und neugierig. — Habt ihr eine Herde gescheckter Pferde gesehen? Er sprach weiter hinten im Mund als sie, sodass seine Worte halb aus der Nase kamen.
— Ja, sie sind gleich über dem Pass auf der ersten Wiese. Wieso, möchtest du eines?
Pippalott grinste. — Allerdings. Unsere große Mamma möchte eines ihrer gescheckten Felle. Ich versuche herauszufinden, auf welchen Wiesen sie grasen, damit wir einen Hinterhalt legen können.
Das war die einzige Möglichkeit, ein Pferd zu töten; diese Tiere waren sehr schnell und ausdauernd, und es war sehr schwer, sie von ihren Herden zu trennen. Und sie sahen Fallen, in die Rentiere einfach hineintappten. Nein, Pferde waren schwer zu erwischen, und da sie heilig waren, jagte man sie nur aus rituellen Gründen.
— Wir sind auf Rotwildjagd, sagte Falke. — Möchtest du mitkommen?