Das überraschte Eistaucher. Schiefer hätte so etwas nicht gefragt und Heide auch nicht. Aber Pippalott war erfreut.
— Ja, danke, sagte er. — Die Pferde werden mit Sicherheit auch morgen noch da sein.
Also waren sie nun zu fünft, und sie besprachen, wo sie zuletzt Rehe und Hirsche gesichtet hatten. Pippalott hatte noch am Morgen einige an der obersten Furt des Untertalbachs gesehen, also heckten sie auf dem Weg dorthin einen Plan aus, und Falke und Speerwerfer schlichen vor, um stromabwärts einen Hinterhalt zu legen. Eistaucher blieb allein mit dem Reisenden zurück. Sie sollten talabwärts poltern, sobald die Sonne eine Faust weiter gewandert war.
— Du bist Dorns Lehrling?, fragte Pippalott.
— Ja, so ist es.
— Harte Arbeit!, sagte der Reisende und lachte über das Gesicht, das Eistaucher zog. — Unser Schamane mag ihn sehr. Aber selbst andere Schamanen kommen nicht so leicht mit ihm aus.
— Dein Schamane ist Quarz?
— Genau, Quarz der Großartige. Ein sehr guter Schamane. Na ja, seltsam ist er. Ein bisschen gruselig. Aber letzten Winter hatte ich eine Krankheit, und er hat mir einen Dampf gemacht, an dem ich beinahe erstickt wäre, aber damit hat er das Übel einfach aus mir rausgezogen, ich habe gespürt, wie es mich verlassen hat, genau hier.
Er deutete auf sein Zwerchfell.
— Da hast du Glück gehabt, sagte Eistaucher. — Es ist gut, wenn so etwas passiert.
— Kann Dorn das? Wirst du das eines Tages können?
— Das hoffe ich, log Eistaucher. — Ich war schon auf Wanderschaft und bin mit ihm bis ans Ende der Höhle gegangen.
Der Mann nickte. Er freute sich für Eistaucher, war interessiert. Er selbst hatte viel über das Rabenrudel und Quarz zu erzählen, und Eistaucher konnte mit der Nachricht aufwarten, dass er vor Kurzem ein Mädchen geheiratet hatte, das er auf dem Acht-Acht-Fest kennengelernt hatte.
— Wie schön, ich gratuliere dir. Wo kommt sie her?
— Von nördlich der Rentiersteppe.
— Nördlich der Rentiersteppe! Wahrscheinlich kann ich mir darüber kein Urteil anmaßen, ich meine, eigentlich sollte ich eher dich fragen, aber man hört, dass die da ganz schön wild sind?
— Eigentlich ist sie ziemlich ruhig, sagte Eistaucher. — Aber vielleicht trifft wild es trotzdem ganz gut.
Der Mann grinste, als er Eistauchers Miene sah, und Eistaucher erwiderte sein Grinsen unwillkürlich.
Als eine Faust verstrichen war, stapften sie durch das Bachbett hinab und schlugen mit ihren Speeren auf Steine und Sträucher, und Pippalott stieß ein sehr überzeugendes Löwengebrüll aus. Wenn sich Rehe weiter unten im Buschwerk versteckten, würden sie mit Sicherheit talabwärts fliehen, um den Löwen oder schlimmer noch, den Menschen, die sich wie Löwen benahmen, zu entgehen. Wenn die Rehe allerdings heraushörten, dass man ihnen etwas vorspielte, würden sie ahnen, dass es sich um eine Falle handelte, und seitwärts den Hang hinauflaufen und über den Grat verschwinden.
Die Obere Klamm war steil und schmal, und es gab kaum Wiesen in ihr. Sie beschrieb eine Krümmung Richtung Westen, wodurch man hier gutes Nachmittagslicht hatte. Der Wind frischte auf, und die Fichten rauschten ihren tosenden, luftigen Nadelgesang. Obwohl auch Pippalott sang, konnte Eistaucher ihn kaum hören.
Dann hörten sie ein ängstliches Blöken, das abrupt verstummte, und anschließend die Siegesschreie ihrer Jagdbrüder, die offenkundig etwas erlegt hatten. Eistaucher und Pippalott rannten los, um zu den anderen zu stoßen, und sahen, dass diese tatsächlich Erfolg gehabt hatten: Die Männer standen um einen Hirsch herum, der flach auf der Seite lag und zwei Speere zwischen den Rippen stecken hatte. Die Männer versuchten eilig, einen Teil des aus seinen Wunden strömenden Bluts in Gänselederbeuteln aufzufangen. Als der Blutstrom versiegte, entfachten sie ein Feuer und fingen an, das Tier zu zerlegen, um die Einzelteile ins Lager zurückzutragen. Pippalott kannte die Rituale, mit denen man sich jener Teile entledigte, die man nicht mitnahm, und er plauderte fröhlich mit ihnen, bevor sie die Eingeweide verbrannten, den richtigen Totengesang anstimmten und die unbrauchbaren Knochen am Grund eines Strudels in einem kleinen Kreis in den Fluss steckten, sodass die Fische ihnen Gesellschaft leisten würden. Das war Pippalotts Vorstellung von einer Wasserbestattung, und er versicherte ihnen, dass es ihnen sehr viel mehr Glück bei zukünftigen Hirschjagden verschaffen würde. Also machten sie bereitwillig mit, und der Knochenkreis im Wasser sah gut aus, wie etwas von Bibern Gebautes.
Danach blieben ihnen die Läufe, der Rumpf und der Kopf, und da sie zu fünft waren, war alles in bester Ordnung, und Pippalott begleitete sie frohgemut. — Das ist ohnehin fast genau die Richtung, in die ich unterwegs bin. Ich freue mich darauf, eure Leute zu sehen.
Da er einen Großteil seiner Zeit damit verbrachte, wie ein Vielfraß im Kreis zu wandern, nur dass er dabei wesentlich größere Kreise zog, kam er ein- oder zweimal im Jahr bei ihnen vorbei. Er zog es vor, die Rudel in einer bestimmten Reihenfolge abzuklappern, um Dinge zu tauschen, die den Leuten anderswo gefallen würden, sie von einem Gebiet ins nächste zu bringen und einige Sachen für seine Rückkehr nach Hause aufzubewahren. — Manchmal ist es einsam, oft ist es gefährlich, aber interessant ist es auf jeden Fall, sagte er. — Ich habe Gelegenheit, mit so vielen Leuten aus so vielen verschiedenen Rudeln zu reden. Wo man auch hinkommt, trifft man Lachsleute, deshalb gibt es immer jemanden aus meiner Sippe, der auf mich aufpasst und mir beim Handeln hilft. Und zwischen diesen Besuchen bin ich draußen unterwegs wie alle anderen Tiere auch.
— Bist du immer allein?, fragte Eistaucher.
— Fast immer.
— Aber ist es nicht gefährlich, allein unterwegs zu sein?
— Nein, nicht besonders. Man muss natürlich schnell Feuer machen können. Ich versuche, immer ein bisschen Glut dabeizuhaben, deshalb gehe ich sozusagen von einem Feuer zum nächsten. Aber wenn man gut mit Feuer umgehen kann und die Augen offen hält, dann wird man in Ruhe gelassen.
— Selbst beim Schlafen?
— Das hängt davon ab, wo man schläft, meinst du nicht auch?
— Im Frühling war ich auf meiner Wanderschaft. Es kam mir schwer vor, einen sicheren Platz zum Schlafen zu finden, besonders, wenn man kein Feuer hat. Manchmal habe ich auf Bäumen geschlafen. Bei anderen Gelegenheiten habe ich ein Feuer gemacht. Manchmal habe ich sogar tagsüber geschlafen und bin nachts wach geblieben.
— Das habe ich auch alles schon gemacht, pflichtete ihm Pippalott bei. — Man muss gut aufpassen.
— Was ist mit den Waldleuten oder den Alten?
— Auch bei denen muss man aufpassen. Es hängt davon ab, was man für schlimmer hält, die Tiere oder die Waldleute. Das unterscheidet sich je nach Gebiet. Waldleute sind scheu, und sie streifen fast alle oben im Hochland oder in den Hochlandschluchten umher, wo sonst niemand leben will. Die Klotzköpfe sind anders. Sie haben selbst richtige Lager, normalerweise am oberen Ende von Kolbischluchten oder auf Flussinseln. Verglichen mit Löwen oder Hyänen sind sie nicht besonders gefährlich. Sie haben nicht gerne mit Leuten zu tun, aber sie bleiben höflich. Waldleute sind in der Regel verrückt, und meistens bleiben sie auf Abstand. Sie sind dort draußen, weil sie jemand getötet haben oder weil sie aus Hunger einen Toten gegessen haben oder etwas Ähnliches. Bei meinen Begegnungen mit ihnen hatte ich oft den Eindruck, dass sie das Sprechen verlernt haben. Ein paar von ihnen redeten ohne Unterbrechung, aber nie zu mir. Sie hatten unsichtbare Freunde. Sie benutzten Sprachen, die ich noch nie gehört hatte.
Er schüttelte den Kopf. — Es wäre nicht gut, immer allein zu sein. Ich bin gerne allein, wenn ich draußen unterwegs bin, aber nur, weil ich weiß, dass ich bald wieder mit jemandem reden werde. Wenn es immer so weitergehen würde, würde mir das nicht gefallen. Ich glaube nicht, dass sich die Waldleute in dieser Beziehung von uns unterscheiden, zumindest nicht besonders. Ich bin zwar einigen wenigen begegnet, die richtig glücklich wirkten, aber andererseits ist es auch am wahrscheinlichsten, den Glücklichen zu begegnen. Den anderen sollte man lieber nicht über den Weg laufen.