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— Das ist meine Feuergeschichte für heute Abend, sagte Pippalott. — Ein Stück von dieser langen Herbstnacht habe ich für euch aufgezehrt.

Danach redeten sie noch etwas, und Eistaucher gewann den Eindruck, dass Pippalott es auf eine Art vermied, zu Salbei zu blicken, die ahnen ließ, dass die beiden zu einem stummen Einverständnis gelangt waren. Später am Abend, als das Feuer heruntergebrannt war und alle schliefen, fragte Eistaucher sich, ob diese beiden einander gefunden hatten. Und auch, ob es sein könnte, dass Pippalott in jedem der Rudel, die er regelmäßig besuchte, ähnliche Übereinkünfte mit Frauen pflegte. Heide hatte etwas Derartiges mit einer halblauten Bemerkung angedeutet.

Als Eistaucher sich das ausmalte, wünschte er sich, auch ein Wanderer zu sein. Salbei war die schönste Frau ihres Rudels, die begehrenswerteste, mit ihren großen Herbstbrüsten, die bei jeder Bewegung baumelnd aneinanderstießen. Es war kein Zufall, dass Pippalott gerade mit ihr seine Übereinkunft hatte. Wie es wohl war, in jedem Rudel bei einer solchen Frau zu liegen, immer bei einer anderen?

Doch das war nur der Überschwang seiner Gefühle für Elga, die so spritzten, dass sie sich in alle Richtungen ausbreiteten. Er liebte alle Frauen im Rudel, und auch alle Frauen der anderen Rudel. Er wollte sie alle, genau wie die weiblichen Tiere. Er wollte das Reh und die Füchsin und die Steinziege und die Bärenfrau, und natürlich auch die Pferdefrau. Er lebte schlicht und einfach in einer Welt der begehrenswerten Frauen. Manchmal kam ihm das Gefühl vor wie eine Flut, wie wenn das Eis auf dem Fluss im Frühling brach. Und wenn es dann Nacht wurde und er all diese Gefühle zusammenzog und in den Leib seiner Frau ergoss, wenn sie in ihrem Bett lagen und die ganze Welt nur aus Elga bestand, kam es ihm vor, als sei er in einen Traum gefallen, in dem Liebe alles in allem war.

Und eines Nachts, nachdem sie sich vereinigt hatten und in ihrer nächtlichen Verschmelzung dalagen, stupste sie sein Ohr an und sagte: — Ich bekomme ein Kind. Heide sagt, dass es stimmt.

Eistaucher setzte sich auf und starrte auf sie hinunter. — Wirklich?

— Ja.

— Na so was. Dann haben wir es geschafft.

— Ja. Sie grinste ihn an, und er spürte plötzlich, dass sein Gesicht bereits das Gleiche tat. Sie küssten sich.

— Wir werden uns um es kümmern müssen, sagte sie.

— Weiß Heide, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird?

— Noch nicht. Sie meint, dass sie es in ein paar Monaten wissen wird.

— Wann kommt es?

— In sechs Monaten. Also am Ende des fünften Monats. Mitten im Frühling, zur besten Zeit. Wenn es nicht gerade ein schlechter Frühling ist.

Eistaucher versuchte, es zu begreifen, aber es gelang ihm nicht. Es kam ihm vor, als sei seine Brust voller Wolken. Oder als sei er in einem Wasserfall, den er nicht gesehen hatte, in ein tiefes Becken gestürzt. Diese Elga hier gehörte ihm. Die Nacht, in der sie beim Acht-Acht vor dem Freudenfeuer aufgetaucht war, hatte alles verändert — sowohl auf einen Schlag als auch nach und nach über die darauffolgenden Monate hinweg. Alles, was geschehen war, war ein Schritt auf dem Weg gewesen, der ihn schließlich an diesen völlig neuen Ort geführt hatte.

27

Während Elga im Laufe des Winters einen dicken Kinderbauch bekam, gewann sie an Einfluss unter den Frauen, wie der Mond Einfluss unter den Sternen hat. Salbei gefiel das nicht und Donner auch nicht, aber Elga hatte ein Talent dafür, andere zu beruhigen, das selbst bei ihnen Wirkung zeigte. Die Art, in der sie ihre Macht spüren ließ, gab den Leuten ein sicheres Gefühl. Ihr Schweigen erweckte nicht den Eindruck, dass sie etwas zurückhielt, sondern dass sie den anderen und dem, was sie erzählten, zustimmte. Oft redeten die Leute mit Elga, während sie ihnen bei der Arbeit half, weil sie Fragen stellte und auch die Antworten erhielt. Es war schwer, einen Groll gegen so jemanden zu hegen.

Und jetzt brachte sie ein neues Kind ins Rudel, was eine wichtige Sache war. Normalerweise feierten die Großeltern eine solche Kunde, sodass ein neues Rudelmitglied mindestens zwei oder sogar vier starke Fürsprecher hatte, und man diskutierte den ganzen Winter hindurch, zu welcher Sippe das neue Kind gehören sollte. In diesem Fall gab es keine Großeltern, doch da Heide und Dorn Eistaucher aufgenommen hatten, als er zum Waisenkind geworden war, fiel die Rolle der Großeltern bei diesem Kind ihnen zu.

Doch Heide interessierte sich nicht für solche Dinge, und Dorn hatte von Anfang an nichts von Eistauchers Heirat gehalten. Deshalb hing alles daran, wie gut Elga die anderen Frauen für sich einspannen konnte, und das gelang ihr, ohne dass sie dabei auch nur den Eindruck erweckte, es zu versuchen; sie war einfach sie selbst. So halfen die anderen Frauen ihr in den letzten paar Monaten genau so, wie sie ihnen sonst half. Ohnehin stand eine schwangere Frau kurz vor der Niederkunft immer im Mittelpunkt ihrer Bemühungen.

Die kurzen Tage, die Kälte; die tief hängenden Sturmwolken, die von Westen heranwogten und Schnee brachten. Eis auf dem Fluss und auf den Bächen und darüber Schnee. Die weiße Welt. Die Mittagssonne, die gerade so über die Südwand der großen Schlucht lugte. Keine Vögel mehr mit Ausnahme der Schneevögel; und alle Tiere schliefen oder versteckten sich unterm Schnee, oder sie saßen in den Fallen der Leute fest und ertrugen stumm ihr Schicksal. Weißer Pelz. Das Rudel im Haus, schlafend. Sie waren Schnee gewöhnt, sie mochten Schnee. Sie hatten ihre Essensvorräte und ihre täglichen Aufgaben, und in den langen Nächten schliefen sie wie Bären. Die langen Geschichten, die sie einander ums Feuer erzählten.