Выбрать главу

Heide würde bei der Geburt die Hebamme sein, wie immer. Sie murrte darüber, wie sie über jede Aufgabe murmelte, die sie für das Rudel erledigte, aber in diesem Fall schien ihr Missfallen echt zu sein. Sie war nicht gerne Hebamme.

— Alles wird gut, sagte sie barsch zu Elga. — Du bist ein großes Mädchen, es wird keine Probleme geben. Ich gebe dir den richtigen Tee und Sud, dann ist das Kind aus dir raus, ehe du dichs versiehst. Natürlich musst du dich auch ein bisschen anstrengen, um es rauszupressen, aber wir helfen dir. Eigentlich erledigt die Arbeit eher dich, als dass du sie erledigst. Du musst das einfach nur durchstehen.

Und so hatten sie während der letzten Wochen des Winters etwas, worüber sie nachdenken und wobei sie zusehen konnten. Sie kauerten essend in ihrem Haus oder der Balme, beobachteten den Himmel und gingen an klaren, windstillen Tagen nach den Fallen sehen. Außer an den kältesten Tagen konnte ein Sonnenstrahl noch immer die Haut wärmen. Doch selbst die sonnigsten Tage blieben kurz, und nachmittags huschten sie wie Bisamratten oder Mäuse in ihr großes Haus zurück.

28

Eines Morgens machte Eistaucher sich zusammen mit Moos auf den Weg, um nach einigen der Fallen zu sehen, die sie flussabwärts in den Spalten gelegt hatten, die eine Biegung weiter unten von der großen Schlucht abzweigten.

Sie gingen den Pfad empor, der auf den Grat zwischen den beiden Biegungen führte, und kamen gut voran. Noch vor Sonnenaufgang waren sie oben angekommen. Im Osten war der ganze Himmel orangefarben, und sie waren beide der Meinung, dass das für den übernächsten Morgen Schnee verhieß. Dann lachte Moos und sagte: — Kommt es eigentlich jemals wirklich so?

Eistaucher lachte ebenfalls. Moos’ Lachen war besonders ansteckend. Er war schlanker als Falke, hatte ein schmales, hübsches Gesicht und wilde schwarze Locken auf dem Kopf. Sein Gesicht war sehr wandelbar und ausdrucksstark, mal sah es aus wie aus Feuerstein gemeißelt, und dann wieder schlafflippig und albern.

— Ich glaube schon, dass es Schnee bedeutet, wenn die Sonne ihre Ohren zeigt, sagte Eistaucher.

— Oder der Mond, pflichtete Moos ihm bei. — Das ist der Schnee in der Luft, der angestrahlt wird. Das Licht wird von dem Schnee in der Luft zurückgeworfen, genau wie vom Schnee am Boden.

Und ob der Schnee am Boden das Licht zurückwarf! Sie zogen ihre Kapuzen bis zu den Augenbrauen herunter und neigten die Köpfe nach vorne und zur Seite, um auf den Grat zu steigen, ins Licht der tief stehenden Wintersonne. Eistauchers Kapuze war mit Marderpelz gefüttert, die von Moos mit Wolfspelz.

Dort, wo der vom Sonnenlicht erwärmte Schnee etwas weicher wurde, hielten sie an und banden sich ihre Schneeschuhe an die Füße, ehe sie ihren Weg zu den ersten Fallen fortsetzten, die sich in der Einmündung einer Spalte befanden, dort, wo der Steile Bach bei der Unteren Biegung in den Hauptstrom mündete. Auf der kleinen Wiese am Zusammenfluss stand ein großer Felsen namens Rotkehlchennest, der so hoch war, dass seine Spitze ihre Köpfe selbst jetzt überragte, wo ein Teil von ihm unter der dichten Schneedecke lag. Die Bäche unter den Mulden im Schnee waren gefroren, das Land schwieg. Keine Vögel, keine Tiere; überall Schnee, mit Ausnahme der steilen Felswände, an denen er sich nicht hielt. Diese zerklüfteten grauen Wände, die hier und da die Schneedecke durchbrachen, bettelten in Eistauchers Augen geradezu darum, bemalt zu werden, und auf zwei oder drei, an denen sie vorbeikamen, entdeckten sie tatsächlich Malereien: Beim Anblick der heiligen Tiere in Rot und Schwarz, die aus dem Weiß und Blau von Schnee und Himmel hervorstachen, stockte ihm der Atem. Die Luft war kalt, und Moos sang sich selbst ein kleines Jagdlied vor. Hier und dort war der Schnee so federleicht, dass sie selbst mit ihren Schneeschuhen knietief einsanken. Große Klumpen weichen Schnees balancierten auf jedem Kiefernnadelbüschel in den Bäumen um sie herum. — Du solltest Elga etwas von diesem Schnee mitbringen, sagte Moos.

Wasser zu trinken, das man aus solchem Schnee geschmolzen hatte, würde ihr Kind leichtfüßig machen. Eistaucher lachte und sagte: — Gute Idee.

Sie kamen zur ersten Falle, bei der es sich um eine Grube handelte, die Moos und Achtlos im vorangegangenen Sommer in die lockere Erde der Wiese gegraben hatten. Unten hatten sie angespitzte Stöcke und Klingen aufgestellt und das Loch dann mit leichten Stöcken und Blättern abgedeckt. Mit einer solchen Falle fing man normalerweise erst dann etwas, wenn sie unter einer Schneedecke lag, und als sie jetzt mit ihren Schneeschuhen auf die Wiese kamen, sahen sie, dass tatsächlich etwas durch die Abdeckung gebrochen war und dabei ein seltsames Loch in der Landschaft hinterlassen hatte. Sie eilten an den Rand der Grube und blickten hinunter. Ein großer roter Hirsch war hineingefallen, hatte sich am Boden einen Vorderlauf gebrochen und war dann erfroren. Jetzt blickten seine toten Augen zum Himmel, als wäre der Geist des Tiers noch in der Nähe und benutzte seine alten Augen, um sich zu orientieren.

— Was macht der denn hier!, entfuhr es Eistaucher.

— Uns aus der Patsche helfen. Danke, alter Mann! Aber hättest du nicht aus der Grube springen und hier oben sterben können?

Moos gab Eistaucher einen Klaps auf den Arm. Sie hatten wirklich Glück gehabt, wenn ihnen nun auch ein schwerer Nachmittag bevorstand. Erst galt es, wohlbehalten in die Grube hinunterzukommen, um dann den steif gefrorenen Körper auf ein Gestell aus Fallenstangen zu heben, auf dem er knapp brusthoch lag, sodass sie sich unter ihn stellen und ihn gemeinsam aus der Grube schieben konnten. Sie waren gerade stark genug, um ihn zu zweit hochzudrücken, und beim ersten Versuch fiel der Hirsch zurück in die Grube, und sie mussten zwischen den spitzen Steinsplittern wie Eichhörnchen ausweichen, um nicht von ihm erschlagen zu werden. Der Hirsch starrte aus seinen milchigen Augen zu ihnen hoch. Beim zweiten Mal waren sie vorsichtiger und hatten mehr Erfolg. Die ganze Zeit sah das Tier sie an.

— Was glaubst du, was er am Ende wohl gedacht hat?, fragte Eistaucher.

Moos schüttelte den Kopf und legte die Stirn in Falten. Eistaucher sagte solche Dinge nur, wenn er mit Moos alleine war; die anderen hätten über eine solche Frage nur Witze gerissen. Doch Moos sah in die großen, unheimlichen Augen des Hirsches, die irgendwie ganz klar vermittelten, welch stummen, beharrlichen Kampf er ausgetragen hatte, und er setzte mit seinem beweglichen Gesicht eine ganze Reihe unterschiedlicher Mienen auf, um zu zeigen, dass er nachdachte, ehe er mutmaßte: — Vielleicht dachte er einfach nur, dass er im Schnee vorsichtig ein Bein vor das andere hätte setzen sollen. Das würde ich wahrscheinlich denken.

— Aber nicht nur das.

— Nein. Nein, wahrscheinlich war er traurig. Vielleicht dachte er an seine Frauen. Es ist seltsam, dass Hirsche und Rehe eckige Pupillen haben, findest du nicht? Sie sehen aus, als kämen sie von irgendeinem fremden Ort.

— Dorn sagt, an den Tieraugen sieht man, dass sie keine Menschenseelen haben. Sie machen keine zuckenden Bewegungen, sondern stecken immer in der einen Blickrichtung fest.

— Dann ist unsere Seele also im Weißen unserer Augen? Das glaube ich nicht. Dieser Hirsch hat dich genauso angesehen, wie du ihn angesehen hast. Es gibt keinen Unterschied, außer dass er eckige Pupillen hat, aber trotzdem sieht man ganz genau, was er denkt. Schau ihn dir doch mal an! He, Bruder, es tut uns leid, sagte er zu dem gefrorenen Hirsch, — aber wir müssen essen. Danke, dass du uns aus der Patsche geholfen hast!

Und mit diesen Worten stieß er ihm den Speer zwischen zwei Halswirbel und fing an zu schneiden. In der tief stehenden Sonne wechselten sie sich dabei ab, das Tier zu häuten und es mit ihren Speeren zu zerlegen. Das gefrorene Fleisch war gegenüber den Speerspitzen so widerständig wie immer, es war erstarrt und doch biegsam. Sie bohrten ihre Speere zwischen die Gelenke, hebelten sie auseinander, indem sie vom Speerende her drehten, säbelten an dem Fleisch herum. Das Blut, das dem Tier in den Adern gefroren war, würde den Frauen im Lager wahre Begeisterungsstürme entlocken. Die harte Arbeit, das Tier in Teile zu zerlegen, die sie in ihren Bündeln schultern und hinter sich her durch den Schnee ziehen konnten, wobei sie die halbierte Haut als Behelfsseile verwendeten, beschäftigte sie fast den ganzen kurzen Tag lang.