Als sie schließlich unterwegs waren, stand die Sonne tief im Westen und warf lange schwarze Schatten über den Schnee, der schnell wieder eine harte Oberfläche ausbildete, auf der sie ohne Schneeschuhe laufen konnten. Sie waren noch weit weg von zu Hause, und als die Sonne hinter den westlichen Hügeln unterging, kühlte die Luft sich sehr schnell stark ab. Doch wie das Sprichwort sagte, machte Eile warm, und ohne darüber zu reden, beschleunigten sie ihren Schritt und liefen Seite an Seite über den knirschenden Schnee. Erst wenn es so kalt wurde, konnten sie so schnell wandern, ohne sich dabei zu überhitzen. Wie von selbst fanden sie den richtigen Rhythmus: Sie waren dafür gemacht, in solcher Kälte zu rennen.
Hinter ihnen ging der Mond auf. Es war die erste Nacht nach Vollmond, und das geblähte Rund tauchte den Himmel in blaues Zwielicht, das in den weißen Schnee unter ihren Füßen einsickerte. Eine Welt der Blautöne: Als sie den breiten Grat zwischen den beiden Biegungen erreichten und in beide Richtungen weit durch die Urdecha-Schlucht und über die Höhenzüge, die sie säumten, blicken konnten, waren Himmel und Land von dem blauen Mondschein noch immer so hell erleuchtet, dass sie glaubten, einfach alles erkennen zu können. Mutter Erde war so schön wie nie, jeder Hügel, jeder Hang hatte seinen eigenen Glanz; obwohl sie von Schnee eingehüllt war, sah sie in solchen Mondnächten am nacktesten aus, und die bloße blaue Haut ihrer Hügel war glatt und wohlgerundet.
Bevor sie das letzte Stück zur Gewundenen Au hinabstiegen, hielten sie inne und sahen sich eine Weile lang schweigend um. Nichts regte sich, kein Wind, kein Laut. Es war wie eine Geisterwelt, eine Welt jenseits des Himmels, wo die Stille von einem Geheimnis bebt. Die wenigen Sterne waren groß und verschwommen, und sie schienen vor Eistauchers in der Kälte blinzelnden Augen dahinzutreiben. Sie standen in einem schwarzen, sternenübersäten Beutel, auf einem weißen Leib, und alles war viel größer, als es sich erfassen ließ. So oft schon waren sie in Vollmondnächten hinausgegangen, um die Dinge in diesem Licht zu sehen, schon damals als kleine Jungen hatten sie sich aus dem großen Haus gestohlen, wenn die meisten Frauen im Frauenhaus gewesen waren und niemand da gewesen war, um sie aufzuhalten. Eistaucher und Moos hatten das immer am liebsten getan.
Jetzt sahen sie einander an, lächelten und nickten: Es war Zeit, zu gehen. Die kalte Luft ließ sie bereits frösteln. Sie rannten beinahe ins Lager hinunter, schlitterten an den steilsten Stellen über den harten Schnee. Als sie die Gewundene Au erreichten, roch Eistaucher das Feuer, und er begriff, dass er zu Elga zurückkehrte, die mit ihrem Kind schwanger ging, und dass sie Fleisch mitbrachten, mit dem niemand gerechnet hatte, sodass die meisten aus dem Rudel lange aufbleiben und ein wenig davon essen würden, während die Frauen den Rest verarbeiteten. Die kalte Luft erfüllte seinen Brustkorb, und er stieß sie in leisen Eistaucherrufen aus, die Moos zum Lachen brachten.
29
Später in diesem Winter wurde Elgas Bauch riesengroß, und eines Morgens war es für sie an der Zeit, und die Frauen gingen mit ihr ins Geburtshäuschen, ein Unterschlupf, den sie neben ihrem Monatshaus errichtet hatten. Alle Frauen versammelten sich dort und scheuchten die Männer weg, und Dorn versammelte die Männer ums Feuer und eröffnete eine Pfeifenrauchrunde, obwohl es noch nicht einmal Mittag war. — Es kommt ein neues Kind ins Rudel, erklärte er mit seinem Schlangengrinsen, — und wir haben die Pflicht, es willkommen zu heißen.
Er gratulierte Eistaucher nicht dazu, dass er Vater wurde, aber er starrte ihn auch nicht böse an. Eistaucher nahm eine Klinge und einen Stock und schnitzte ängstlich-penibel daran herum. Er wollte dem Neugeborenen zu seinem Geburtstag ein kleines Spielzeug machen, einen Steinbock, wobei er aus zwei Astlöchern am Ende des Stocks die Hörner machte. Dann und wann hörten sie die Frauen singen, und dann ertönten eine Weile lang quiekende Laute, von denen man sich nur schwer vorstellen konnte, dass sie von Elga stammten. Eistauchers Hoden zog sich zusammen, und ein Schmerz durchzuckte seine Eingeweide, als spürte er das, was Elga spürte.
— Der Kopf kommt raus, sagte Dorn. — Bald wird es vorbei sein.
— Also, welche Sippe?, fragte Falke.
Dorn stand auf. — Das neue Kind sollte der Adlersippe angehören. Dadurch bekommen wir in ein paar Jahren einen neuen Adler, und den brauchen wir. Und Elga gehört zur Adlersippe. Also ist es ein Adler.
— Müssen die Frauen nicht erst zustimmen?, fragte Falke.
— Nein, sagte Dorn mit einem finsteren Blick in seine Richtung. — In diesem Rudel bin ich es, der die Sippe erkennt. Ich hatte letzte Nacht eine Vision, in der ich gesehen habe, zu welcher Sippe das neue Kind gehört.
— Ich bin auch ein Adler, warf Moos ein.
— Das stimmt, aber du und Schiefer, ihr seid die einzigen erwachsenen Adlermänner im Rudel. Wir brauchen jüngere. Wenn der Neugeborene ein Junge ist, werden du und Schiefer gemeinsam einen Sippennamen für ihn auswählen müssen.
Moos lachte und trat auf Eistaucher zu, um ihn zu umarmen. — Jetzt bin ich der Onkel von deinem Kind. Hat Heide irgendwann gesagt, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird?
— Sie war sich nicht sicher, aber sie meinte, dass es wahrscheinlich ein Junge wird, antwortete Eistaucher.
— Wie dem auch sei, wir sind jetzt mehr denn je Brüder.
Eistaucher nickte. Seine Eingeweide waren noch immer verkrampft. — Das ist gut.
Er beendete seine Arbeit an dem Geburtstagsstock, bei dem letztlich nur der Kopf eines Steinbocks herausgekommen war, weil Eistaucher dadurch einen Wirbel in der Maserung als Auge hatte verwenden können.
Schließlich war es Salbei, die herunterkam, um ihnen mit einem hintersinnigen Lächeln die Neuigkeiten zu bringen. — Elga hat ihr Kind geboren. Es ist ein Junge.
Die Männer jauchzten.
Später sagte Heide zu Eistaucher: — Es war schwerer für sie, als ich erwartet hatte, weil dein Kind einen großen Kopf hat. Ich musste ihr Angst machen, damit sie ihn rausgepresst hat. Manchmal kommt der Punkt, an dem es Schwierigkeiten gibt, wenn das Kind nicht herauskommt. Die Mutter wird müde, verliert den Mut, und das Kind ist weder drinnen noch draußen, und da darf es nicht lange bleiben. Bevor ich zu schlimmeren Mitteln greife, versuche ich der Mutter deshalb solche Angst zu machen, dass sie fester presst als bis dahin. Ich sage ihr, was mit ihr und dem Kind geschehen wird, wenn ich etwas Drastisches unternehmen muss, und was dabei alles passieren kann, und nachdem ich ihnen das erzählt habe, sind sie meistens so verängstigt, dass sie richtig feste pressen. So war es bei Elga.
30
Dann und wann trafen sie bei der Jagd auf Jäger aus den in der Nähe lebenden Rudeln. Das Lager der Löwen lag stromabwärts, wo die Urdecha in den großen Fluss mündete, die Luchse waren weiter oben vor den Eiskappen und die Füchse und Raben südlich und westlich von ihnen. Wenn man sich begegnete, war das Anlass zu einer kleinen, kurzen Feier. Sie teilten etwas von ihrem Essen, rauchten zusammen eine Pfeife und saßen eine Weile beisammen, tranken und redeten, bevor jeder wieder seiner Wege ging. Wenn beide Gruppen demselben Tier auf der Spur waren, taten sie sich manchmal zusammen, um die Jagd zu Ende zu bringen, doch dazu kam es nur selten. Die Luchse waren umgänglich und sogar etwas schläfrig, sie erinnerten eher an Geparde als an Luchse. Manche meinten, das käme daher, dass sie auf Reisen meistens kleine Schläuche mit Maische dabeihatten, aus denen sie dann und wann ein Schlückchen nahmen.