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Einmal, als Eistaucher draußen mit Heide zum Kräutersammeln unterwegs war, begegneten sie zwei Raben, die Hand in Hand den Weg am Rand der Hochebene entlangspazierten. Nachdem die beiden weitergegangen waren, sagte Eistaucher: — Die habe ich schon mal gesehen.

— Sie sind immer zusammen, sagte Heide.

— Was meinst du damit?, fragte Eistaucher.

— Sie sind ein Paar, wie bei Schwänen.

Eistaucher blickte ihnen durch den Wald nach. — Wirklich?

— So sind sie eben, sagte Heide. Sie sah ihn an. — Wie Falke und Moos, nicht wahr?

— Wie?

— Oder wie Donner und Blauhäher?

— Wie?

Sie musterte ihn eindringlich. Schließlich sagte sie: — Du und Elga, ihr seid doch glücklich, stimmt’s?

— Ja.

— So geht es vielen.

— Aber …

Sie tat sein verwirrtes Stirnrunzeln mit einer Handbewegung ab. — Unser Blick geht nicht so tief, dass wir ganz in uns hineinsehen können. Tief in uns drin sind andere Leute, die Dinge tun und uns mit sich reißen. Jedenfalls scheint mir das so. — Ich habe mich mal in ein Reh verliebt, gestand Eistaucher. Als er das sagte, überkam ihn mit einem Mal ein Gefühl der Erleichterung, sogar des Stolzes.

Heide nickte. — Als ich noch ein Mädchen war, habe ich mich einmal in einen Bison verliebt. Es ist aber nichts draus geworden.

Eistaucher starrte sie an. — Dorn?

Heide schüttelte den Kopf. — Nein, Pfeifhase.

Das verblüffte Eistaucher umso mehr. — Der alte Pfeifhase? Dorns Schamane?

Heide nickte.

— Wie war er so?

Heide überlegte. — Tja, er war ein bisschen wie Dorn. Nur noch mehr wie er.

— Mamma mia. Dass muss ja ganz schön …

— Es war nicht gut. Wie schon gesagt, es ist nichts draus geworden. Und Dorn gab es auch noch, was einen ziemlichen Schlamassel zur Folge hatte. Sie warf einen Blick auf ihre Hand und stieß einen Seufzer aus. — Aber ich war dabei, als Pfeifhase angefangen hat, die Höhle zu bemalen. Wir sind hineingegangen und haben uns gepaart, und dann ist er aufgesprungen und sagte, dass er mich malen würde, dass er malen würde, was wir getan hatten. Ich sollte Mutter Erde darstellen. Aber dann hat er doch wieder den Bisonmann daraus gemacht. Er hatte diesen Bison in sich drin. Im Großen und Ganzen hat Dorn recht. Wir hatten einen schlimmen Schamanen.

31

Er fand einen gut aussehenden Feuerstein, dort, wo der hohe Teich seinen Ausfluss hatte. Daran, wie das schwarze Wasser an beiden Seiten an ihm vorbeiströmte, erkannte man, dass er gut ausbalanciert war. Er holte ihn aus dem Bach und legte ihn in seinem Lager auf dem Grat nieder, zwischen die beiden großen Felsbrocken.

Eines Tages aß er das letzte bisschen Wildschweinfett aus einem Beutel, den er bei sich trug, und er schlief eine Weile in der Sonne, dann nahm er den Stein aus dem Bach und einen sehr feinkörnigen, harten Haustein, der praktisch unzerbrechlich schien und den er schon seit vielen Tagen verwendete. Den Haustein fasste er in der Rechten, und mit der Linken hielt er am Boden das fest, was er bearbeiten wollte. Er klopfte den Feuerstein ab, bis er spürte, wie er zuschlagen musste, um ein sauberes Stück abzubrechen, und dann: Schlag.

Er musste mehrere Male zuschlagen, um herauszufinden, wie spröde der Stein aus dem Bach war. Nachdem er sich einen Eindruck davon verschafft hatte, erreichte er mit fast jedem Schlag das gewünschte Ergebnis.

Einatmen, ausatmen, Schlag.

Einatmen, ausatmen, Schlag.

Wärme an einem sonnigen Wintermorgen. Das Schimmern des vereisten Flusses, das Glucksen, das aus den Löchern im Eis drang, die Blasen, die stromabwärts strudelten. Zweimal atmen, einmal hacken, dann dreimal. Drei zu zwei war der Wechseltakt des Tages. Vier zu drei für die finstere Nacht.

Die Kanten seiner Schläge waren nun dichter beisammen und standen in einem flacheren Winkel zu den vorangegangenen. Er sah nun, welche Form der Feuerstein annahm. Er würde einem Erlenblatt ähneln, am Stiel spitz und am gegenüberliegenden Ende gerundet, mit einer kleinen Vertiefung. Das Ergebnis würde sehr ausgewogen sein, wenn er die letzten Hiebe richtig hinbekam.

Einatmen, ausatmen, einatmen, Schlag.

Einatmen, ausatmen, einatmen, Schlag.

Die Winterluft wurde mit jedem Schlag wärmer. Sein Pelz bauschte sich leicht in der Brise vom Fluss, und der Luftzug kühlte seine verschwitzte Haut. Die Liebe zur Steinarbeit, das Glücksgefühl.

Zwei der Schnellen kamen vorbei, um ihn zu besuchen. Die alte Frau und ihr Junge. Sie waren nicht auf der Jagd, und er blickte ihnen ohne Angst entgegen. Die alte Frau war gut zu ihm gewesen, und der Junge war nicht auf der Jagd. Sie plapperten mit ihren heiseren, nasalen Stimmen auf ihn ein, die ganz anders klangen als die Stimmen anderer Tiere, vielseitig und ausdrucksstark wie die mancher Vögel. Doch inzwischen hatte er einige Worte der alten Frau gelernt, wie geht es dir, gut, verletzt, hungrig, danke, und er lauschte ihr und versuchte, mehr Worte auszumachen, und erzählte ihr, dass es ihm gut ging. Er zeigte ihnen seine neue Steinklinge, und sie waren angemessen beeindruckt. Die Klinge war beinahe perfekt ausgewogen und hatte so viele Facetten, wie die Körnung des Steins es zuließ.

Die alte Frau nahm die Klinge in die Hand und stellte ihm eine Frage. Anscheinend wollte sie wissen, was er damit vorhatte, wozu sie gut war. Obwohl sie dort stand und die Klinge in der Hand hielt. Scheu nahm er sie ihr wieder ab, hielt sie zwischen den Fingern, drehte sie hin und her, betastete die Schneide, beäugte sie, um zu sehen, wie sie ausgewuchtet war. Dann reichte er sie ihr zurück. Dazu war die Klinge gut.

— Sie ist nur zum Anschauen, pfiff er ihr zu. — Ich habe sie nur zum Anschauen gemacht. Unsere Frauen schauen sich so etwas gerne an.

Sie schüttelte den Kopf. Offenbar verstand sie ihn nicht.

— Gut, sagte er in ihrer Sprache. Sie nickte und warf ihm einen unsicheren Blick zu.

Speerspitzen zu machen war auch gut, aber diese Schmuckklingen gefielen ihm am besten. Man konnte eine solche Klinge zwar auch in eine Herde werfen, und wenn sie eines der Tiere traf und in Panik versetzte, dann wurden manchmal kleinere Tiere verletzt und ließen sich leicht verfolgen und töten. Kleine Jungen taten das, bevor sie das Speerwerfen lernten. Aber dafür brauchte man weder die Facetten noch die sorgfältige Auswuchtung. Jeder beliebige spitze Stein tat es ebenso gut.

Er wusste, dass die Schnellen so ähnliche Dinge schufen wie diese Klinge. Ihre Kleider waren bemalt und hatten Fransen und Schlaufen aus Leder, und sie trugen Lederbänder mit Zähnen und Muscheln daran um die Hälse. Sie bemalten sich die Haut mit Blutstein und Holzkohle. Sie bemalten Felswände. All das taten sie, und doch erkannten sie nicht, wozu seine Klinge gut war. Es war wirklich schade, dass sie nicht pfiffen.

Was sie alles taten. Sie waren so geschäftig in ihrem Lager, ständig liefen sie umher und erledigten dieses und jenes. Gingen auf die Jagd. In allen möglichen Gruppengrößen, in die verschiedensten Richtungen, auf verschiedene Arten von Jagd. Sie hatten es immer eilig. Beeil dich langsam, hatte seine Mutter immer gepfiffen. Es war ein altes Liedchen, das Mütter ihren Kindern vorpfiffen. Er hatte einmal gehört, wie seine Großmutter es seiner Mutter vorgepfiffen hatte.

Jetzt wollte die alte Frau, dass er sie hinab ans Flussufer begleitete. Er stand auf und folgte den beiden, wobei er die neue Klinge mitnahm.

Sie wollten, dass er ihnen dabei half, einen Felsbrocken vom Ufer ins seichte Wasser zu bugsieren. Er begriff nicht, warum sie das wollten, aber nachdem ihm der Junge mehrmals die Bewegung vorgeführt hatte, wusste er sich keinen anderen Reim darauf zu machen. Er stemmte sich zusammen mit dem Jungen gegen den Felsbrocken, und gemeinsam rollten sie ihn in den Fluss, wo er mit einem lauten Platschen zum Liegen kam.